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Der erste Eindruck (79.Tag)
Die
Grenze passiere ich bei strahlendem Sonnenschein, Syrien erstrahlt aber
nicht. Müllberge säumen den Straßenrand und
dreckige und klapprige Autos kommen mir entgegen, als ich meine erste
syrische Stadt erreiche. Alles ist Grau in Grau, nicht wenige
Häuser sind verrottet und verfallen.

Das
Hotel, indem ich absteigen muss (zum Weiterfahren ist es zu
spät), ist keine Ausnahme: kaputt, schmutzig und feucht - wie
die
Matratze. Dazu noch unverschämt teuer. Nur gut, das ich einen
Schlafsack dabei habe.
Aber
dies alles wäre halb so schlimm, wenn man nicht hinter jeder
Straßenecke auf eine protzige Statue oder auf bunte Plakate
des ruhmreichen Präsidenten treffen würde, der streng
und strafend auf sein Volk hinab blickt. Für mich ist dieser,
immer der selbe Blick, verächtlich. Ich weiß nicht,
was sich die PR-Abteilung des Regimes dabei gedacht hat; ich jedenfalls
würde niemals einen Gebrauchtwagen von so einem Menschen
kaufen.
Obwohl
mir dieses arrogante Gehabe aus meinen drei Jemenjahren gut bekannt ist
(dort ist der glorreiche Präsident auch
allgegenwärtig) habe
ich mich nie daran gewöhnen können.
Aber
es gibt auch etwas erfreuliches zu berichten: Das Essen ist klasse. Das
ist für einen Schwerstarbeiter wie mich wichtig und
entschädigt für so manches.

Damascus
Am
nächsten Tag geht es Richtung Damascus. Obwohl wieder
schönstes Wetter ist (mit Rückenwind!!!) geht das
Thermometer nicht über 10 Grad hinaus. So wundert es mich dann
auch nicht, als die ersten schneebedeckten Berge auftauchen. Diesen
herrlichen Anblick zu fotografieren ist aber nicht so einfach, da der
unendliche Müll am Straßenrand doch sehr
stört.

Die
Hauptstadt hingegen ist schön herausgeputzt.
Überhaupt hat Damascus alles, was eine Großstadt
braucht: prunkvolle Läden, duftende Konditoreien und
Coffeeshops, Verkehrschaos zur Rushhour mit Myriaden gelber Taxis und
tiefe Häuserschluchten wohin sich nie ein Sonnenstrahl oder
ein Tourist verirrt. Ich bleibe zwei Tage in denen ich die
Annehmlichkeiten der Metropole nutze und in denen mir schmerzlich
bewusst wird, wie nahe ich Europa gekommen bin. Spätestens
hier, wo sich die Frauen nicht mehr hinter Schleier, Kopftuch und
Häusermauern verstecken müssen, weiß ich,
dass ich Arabien hinter mir gelassen habe.
Silvester
in der Oase (83. Tag)
Zwei
Tage später steht die Oasenstadt Palmyra auf meinem Tourplan.
Hier sind jede Menge griechische Tempelreste zu finden, die
bemerkenswert sein sollen. Doch ich habe meinen kulturellen
Sättigungsgrad schon lange erreicht, und für mich ist
lediglich bemerkenswert, dass ich dort in den Ruinen einen kanadischen
Radfahrer treffe. Er ist es auch, der mich darauf bringt, dass heute
Silvester ist. Das hatte ich ganz vergessen. Wir fachsimpeln und
spinnen allerlei Radfahrergarn, bis es für
eine Ruinenbesichtigung zu spät geworden ist und wir
stattdessen zurück in die Stadt gehen und zusammen ein
Bierchen trinken.

Später
am Abend geht es dann zu einer Feier ins Sheraton, wo Silvesterparty,
Buffet und Bauchtanz angesagt ist. Doch der Eintrittskartenverkauf hat
laut Auskunft an der Rezeption noch nicht begonnen und so setzen wir
uns an die Bar. Als wir dann später an den Tresen
zurückkommen, sind, so sagt man uns, inzwischen alle
Eintrittskarten komischerweise
verkauft
worden. Wir schauen uns an. Merkwürdig, man will uns wohl
nicht. Aber an uns kann das doch nicht liegen - haben wir uns
doch extra vorher frisch rasiert. Auch ist meine Trekkinghose nicht
allzu schmutzig und meine Turnschuhe waren vor meiner Abreise so gut
wie neu. Wir kommen überein, dass es an dem Schlips liegen
muss, den wir dummerweise im Hotel gelassen haben...
Aber
wir sind schließlich auch so gut ins Neue Jahr gekommen. Die
weiteren Whiskys an der bekannten Hotelbar haben uns
dabei geholfen.
Beim
Verlassen des Nobelhotels gibt uns dann der Barkeeper
verschwörerisch noch einen heißen Tipp mit auf den
Weg:
Morgens früh gibt es immer für wenig Geld ein
reichhaltiges
Frühstücksbuffet... Sehr gut. Wir kommen wieder! Wir
haben
mit dem Hotelmanagement noch eine Rechnung zu begleichen.
So
fahren wir am Neujahrsmorgen mit unseren reisefertigen
Fahrrädern wieder vor. Das Buffet ist tatsächlich
gigantisch und wir geben unser Bestes. Zwar sind wir um 7:00 Uhr die
ersten Gäste, aber dafür sind wir gegen
10:30 Uhr auch die letzten. Noch nie habe ich so reichhaltig und billig
gefrühstückt.
Mit
dem traurigen Gefühl das Hotel bereits am ersten Tag des neuen
Geschäftsjahres in die Verlustzone gerissen zu haben, steigen
wir gut gesättigt in die Sättel. Gemeinsam fahren wir
noch zur Stadt hinaus und dann trennen sich unsere Wege.

Am
frühen Abend erreiche ich Homs und 160 km liegen hinter mir.
Obwohl ich nicht gedacht habe, diese lange Etappe nach einem so
späten Start bewältigen zu können, habe ich
am Ende des Tages sogar noch Kraftreserven. Muss wohl am
Frühstück liegen.
Auf
dieser eher langweiligen Etappe passierten dennoch drei bemerkenswerte
Dinge:
1.
Mein Tacho springt passend zum 1.1. auf 4.000 Kilometer.
2.
Zum ersten Mal sehe ich mich ernsten Gefahr ausgesetzt: Hunde. Wilde
Hunde waren zwar immer schon ein Thema gewesen, aber nie ein
großes Problem. Mit mehr oder weniger gezielten
Steinwürfen
ließen sich die Köter bisher immer
einschüchtern und
vertreiben; aber diese hier, sind aus einem anderem Holz geschnitzt.
Sie sind nicht nur größer, sondern auch aggressiver.
Als ich
nach zwei harten Wettrennen mit den Viechern die ersten angefahrenen
Tiere tot am Straßenrand liegen sehe, muss ich
natürlich
schadenfroh lächeln (für den gemeinen Reiseradler ist
bekanntlich nur ein toter Hund ein guter Hund). Aber das
Lächeln
fiel mir aus dem Gesicht, als ich die langen
Reißzähne
dieser Bestien sehe. Das sind ja keine Hunde mehr, das sind schon
Wölfe! Nicht
einmal mit einem möchte ich mich anlegen, geschweige denn, mit
einem ganzen Rudel...
3.
Unangenehm auch das Militär und deren Informanten.
Als
ich eine Rast an einer Bushaltestelle mache, kommt sofort ein Mann, der
mich anspricht: Wie heißt du, woher kommst du, usw. Dieser
Mensch verabschiedet sich dann wieder überraschend schnell.
Dafür kommt fünf Minuten später ein
Militärpolizeiwagen direkt auf mich zu. Woher die wohl gewusst
haben, dass ich hier sitze...?
Die
Ausweiskontrolle und das Abfragen aller Unwichtigkeiten erfolgte dann
im rüden, unfreundlichen Militärton.
Vielen
Dank auch und einen schönen Gruß an den Polizeistaat.
Mittelmeer
Am 2.
Januar erreiche ich nach 85 Tagen das Mittelmeer. Leider hat es den
ganzen Tag über heftig geregnet und herbstlich
gestürmt, sodass ich länger am Straßenrand
gestanden und auf bessere Zeiten gehofft habe, als im Sattel
saß. Irgendwann gebe ich auf und versuche mich von einem Bus
oder Lastwagen mitnehmen zu lassen. Sofort hält auch der erste
Transporter an und nimmt mich ins 80 km entfernte Tartus mit. So
erreiche ich das Mittelmeer im Auto. Durchgefroren und nass bis auf die
Haut werfe ich noch einen schnellen Blick auf das tosende Meer bevor
ich mich zu einer heißen Dusche in ein Hotel
zurückziehe.
Am
nächsten Morgen liegt das Meer türkisblau und ruhig
in der strahlenden Sonne, so wie man es vom Mittelmeer erwartet.
Entlang dem Meer führt mich die Autobahn nach Lattakia, meine
letzte Stadt in Syrien. Auf dem Weg dorthin lasse ich es ruhig angehen
und mache öfters an den vielen Kaffeeständen an der
Straße Halt. Auch wenn die ärmlichen
Büdchen wenig einladend wirken, der Kaffee ist stets
exzellent. Das Highlight ist aber der uralte Brezelfensterbulli, indem
eine chromblitzender Espressomaschine eingebaut ist.
Bemerkenswert
auch, dass mich alle an meinen Stopps zu dem herrlichen Radwetter
beglückwünschen. Das hätte mich stutzig
machen sollen...
Denn
heute sitze ich bereits den dritten Tag in meinem Hotelzimmer in
Lattakia, weil es nonstop regnet. Bei meiner Reisevorbereitung
kam
mir Regen gar nicht in den Sinn. Weder habe ich Regenzeug noch
Schutzbleche an meinem Rad.
Was
ich tun werde, weiß ich noch nicht. Mein letztes Land, die
Türkei, ist nur eine leichte Etappe von hier entfernt. Die
Reise mit dem Bus zu beenden, kommt aber nicht in Frage, denn ein paar
hundert Kilometer entlang der türkischen Riviera
möchte ich schon noch fahren...
Schau'n
wir mal.
Lattakia,
Syrien, 4.1.2005
Türkei
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