Syrien________                                                                       __

                                                                          27.12.2004 - 7.1.2005

 

 

Der erste Eindruck (79.Tag)

 

Die Grenze passiere ich bei strahlendem Sonnenschein, Syrien erstrahlt aber nicht. Müllberge säumen den Straßenrand und dreckige und klapprige Autos kommen mir entgegen, als ich meine erste syrische Stadt erreiche. Alles ist Grau in Grau, nicht wenige Häuser sind verrottet und verfallen.

 

 

Das Hotel, indem ich absteigen muss (zum Weiterfahren ist es zu spät), ist keine Ausnahme: kaputt, schmutzig und feucht - wie die Matratze. Dazu noch unverschämt teuer. Nur gut, das ich einen Schlafsack dabei habe.

Aber dies alles wäre halb so schlimm, wenn man nicht hinter jeder Straßenecke auf eine protzige Statue oder auf bunte Plakate des ruhmreichen Präsidenten treffen würde, der streng und strafend auf sein Volk hinab blickt. Für mich ist dieser, immer der selbe Blick, verächtlich. Ich weiß nicht, was sich die PR-Abteilung des Regimes dabei gedacht hat; ich jedenfalls würde niemals einen Gebrauchtwagen von so einem Menschen kaufen.

Obwohl mir dieses arrogante Gehabe aus meinen drei Jemenjahren gut bekannt ist (dort ist der glorreiche Präsident auch allgegenwärtig) habe ich mich nie daran gewöhnen können.

Aber es gibt auch etwas erfreuliches zu berichten: Das Essen ist klasse. Das ist für einen Schwerstarbeiter wie mich wichtig und entschädigt für so manches.

 

 

 

Damascus

 

Am nächsten Tag geht es Richtung Damascus. Obwohl wieder schönstes Wetter ist (mit Rückenwind!!!) geht das Thermometer nicht über 10 Grad hinaus. So wundert es mich dann auch nicht, als die ersten schneebedeckten Berge auftauchen. Diesen herrlichen Anblick zu fotografieren ist aber nicht so einfach, da der unendliche Müll am Straßenrand doch sehr stört.

 

 

Die Hauptstadt hingegen ist schön herausgeputzt. Überhaupt hat Damascus alles, was eine Großstadt braucht: prunkvolle Läden, duftende Konditoreien und Coffeeshops, Verkehrschaos zur Rushhour mit Myriaden gelber Taxis und tiefe Häuserschluchten wohin sich nie ein Sonnenstrahl oder ein Tourist verirrt. Ich bleibe zwei Tage in denen ich die Annehmlichkeiten der Metropole nutze und in denen mir schmerzlich bewusst wird, wie nahe ich Europa gekommen bin. Spätestens hier, wo sich die Frauen nicht mehr hinter Schleier, Kopftuch und Häusermauern verstecken müssen, weiß ich, dass ich Arabien hinter mir gelassen habe.

 

 

Silvester in der Oase (83. Tag)

 

Zwei Tage später steht die Oasenstadt Palmyra auf meinem Tourplan. Hier sind jede Menge griechische Tempelreste zu finden, die bemerkenswert sein sollen. Doch ich habe meinen kulturellen Sättigungsgrad schon lange erreicht, und für mich ist lediglich bemerkenswert, dass ich dort in den Ruinen einen kanadischen Radfahrer treffe. Er ist es auch, der mich darauf bringt, dass heute Silvester ist. Das hatte ich ganz vergessen. Wir fachsimpeln und spinnen allerlei Radfahrergarn, bis es für eine Ruinenbesichtigung zu spät geworden ist und wir stattdessen zurück in die Stadt gehen und zusammen ein Bierchen trinken.

 

 

Später am Abend geht es dann zu einer Feier ins Sheraton, wo Silvesterparty, Buffet und Bauchtanz angesagt ist. Doch der Eintrittskartenverkauf hat laut Auskunft an der Rezeption noch nicht begonnen und so setzen wir uns an die Bar. Als wir dann später an den Tresen zurückkommen, sind, so sagt man uns, inzwischen alle Eintrittskarten komischerweise verkauft worden. Wir schauen uns an. Merkwürdig, man will uns wohl nicht. Aber an uns kann das doch nicht liegen - haben wir uns doch extra vorher frisch rasiert. Auch ist meine Trekkinghose nicht allzu schmutzig und meine Turnschuhe waren vor meiner Abreise so gut wie neu. Wir kommen überein, dass es an dem Schlips liegen muss, den wir dummerweise im Hotel gelassen haben...

Aber wir sind schließlich auch so gut ins Neue Jahr gekommen. Die weiteren Whiskys an der bekannten Hotelbar haben uns dabei geholfen.

Beim Verlassen des Nobelhotels gibt uns dann der Barkeeper verschwörerisch noch einen heißen Tipp mit auf den Weg: Morgens früh gibt es immer für wenig Geld ein reichhaltiges Frühstücksbuffet... Sehr gut. Wir kommen wieder! Wir haben mit dem Hotelmanagement noch eine Rechnung zu begleichen.

So fahren wir am Neujahrsmorgen mit unseren reisefertigen Fahrrädern wieder vor. Das Buffet ist tatsächlich gigantisch und wir geben unser Bestes. Zwar sind wir um 7:00 Uhr die ersten Gäste, aber dafür sind wir gegen 10:30 Uhr auch die letzten. Noch nie habe ich so reichhaltig und billig gefrühstückt.

Mit dem traurigen Gefühl das Hotel bereits am ersten Tag des neuen Geschäftsjahres in die Verlustzone gerissen zu haben, steigen wir gut gesättigt in die Sättel. Gemeinsam fahren wir noch zur Stadt hinaus und dann trennen sich unsere Wege.

 

 

Am frühen Abend erreiche ich Homs und 160 km liegen hinter mir. Obwohl ich nicht gedacht habe, diese lange Etappe nach einem so späten Start bewältigen zu können, habe ich am Ende des Tages sogar noch Kraftreserven. Muss wohl am Frühstück liegen.

Auf dieser eher langweiligen Etappe passierten dennoch drei bemerkenswerte Dinge:

 

1. Mein Tacho springt passend zum 1.1. auf 4.000 Kilometer.

 

2. Zum ersten Mal sehe ich mich ernsten Gefahr ausgesetzt: Hunde. Wilde Hunde waren zwar immer schon ein Thema gewesen, aber nie ein großes Problem. Mit mehr oder weniger gezielten Steinwürfen ließen sich die Köter bisher immer einschüchtern und vertreiben; aber diese hier, sind aus einem anderem Holz geschnitzt. Sie sind nicht nur größer, sondern auch aggressiver. Als ich nach zwei harten Wettrennen mit den Viechern die ersten angefahrenen Tiere tot am Straßenrand liegen sehe, muss ich natürlich schadenfroh lächeln (für den gemeinen Reiseradler ist bekanntlich nur ein toter Hund ein guter Hund). Aber das Lächeln fiel mir aus dem Gesicht, als ich die langen Reißzähne dieser Bestien sehe. Das sind ja keine Hunde mehr, das sind schon Wölfe! Nicht einmal mit einem möchte ich mich anlegen, geschweige denn, mit einem ganzen Rudel...

 

3. Unangenehm auch das Militär und deren Informanten.

Als ich eine Rast an einer Bushaltestelle mache, kommt sofort ein Mann, der mich anspricht: Wie heißt du, woher kommst du, usw. Dieser Mensch verabschiedet sich dann wieder überraschend schnell. Dafür kommt fünf Minuten später ein Militärpolizeiwagen direkt auf mich zu. Woher die wohl gewusst haben, dass ich hier sitze...?

Die Ausweiskontrolle und das Abfragen aller Unwichtigkeiten erfolgte dann im rüden, unfreundlichen Militärton.

Vielen Dank auch und einen schönen Gruß an den Polizeistaat.

 

 

Mittelmeer

 

Am 2. Januar erreiche ich nach 85 Tagen das Mittelmeer. Leider hat es den ganzen Tag über heftig geregnet und herbstlich gestürmt, sodass ich länger am Straßenrand gestanden und auf bessere Zeiten gehofft habe, als im Sattel saß. Irgendwann gebe ich auf und versuche mich von einem Bus oder Lastwagen mitnehmen zu lassen. Sofort hält auch der erste Transporter an und nimmt mich ins 80 km entfernte Tartus mit. So erreiche ich das Mittelmeer im Auto. Durchgefroren und nass bis auf die Haut werfe ich noch einen schnellen Blick auf das tosende Meer bevor ich mich zu einer heißen Dusche in ein Hotel zurückziehe.

Am nächsten Morgen liegt das Meer türkisblau und ruhig in der strahlenden Sonne, so wie man es vom Mittelmeer erwartet. Entlang dem Meer führt mich die Autobahn nach Lattakia, meine letzte Stadt in Syrien. Auf dem Weg dorthin lasse ich es ruhig angehen und mache öfters an den vielen Kaffeeständen an der Straße Halt. Auch wenn die ärmlichen Büdchen wenig einladend wirken, der Kaffee ist stets exzellent. Das Highlight ist aber der uralte Brezelfensterbulli, indem eine chromblitzender Espressomaschine eingebaut ist.

Bemerkenswert auch, dass mich alle an meinen Stopps zu dem herrlichen Radwetter beglückwünschen. Das hätte mich stutzig machen sollen...

Denn heute sitze ich bereits den dritten Tag in meinem Hotelzimmer in Lattakia, weil es nonstop regnet. Bei meiner Reisevorbereitung kam mir Regen gar nicht in den Sinn. Weder habe ich Regenzeug noch Schutzbleche an meinem Rad.

 

Was ich tun werde, weiß ich noch nicht. Mein letztes Land, die Türkei, ist nur eine leichte Etappe von hier entfernt. Die Reise mit dem Bus zu beenden, kommt aber nicht in Frage, denn ein paar hundert Kilometer entlang der türkischen Riviera möchte ich schon noch fahren...

Schau'n wir mal.

 

Lattakia, Syrien, 4.1.2005

 

 

Türkei