Sudan________                                                                       __

                                                                                6.11. - 8.12.2004

 

 

Im Grenzgebiet (27.-30. Tag)

 

Der Weg in den Sudan ist, wie kann es anders sein, beschwerlich. Zwar geht es endlich und lang' ersehnt aus den Bergen heraus, doch leider auf einer Schotter-, Sand-, Lehm-, und Steinpiste - und das auf 380 Kilometern Länge. Unfassbar eigentlich, dass ich bisher noch keine Reifenpanne hatte, bei diesen dicken und scharfkantigen Steinen...

 

 

Vier Tage brauche ich für diesen Streckenabschnitt. Da es keine größeren Dörfer an dieser "Straße" gibt, kommt nun gleich dreimal mein Zelt und mein Schlafsack zum Einsatz. Endlich, denn ich befürchtete schon, ich hätte die Ausrüstung umsonst mit mir herumgefahren.

Das Zelten ist übrigens völlig problemlos. Man kann sich überall sicher fühlen, und Möglichkeiten gibt es genug. In der ersten Nacht (noch in Äthiopien) fand ich ein herrliches Plätzchen an einem kleinen Fluss, indem ich abends, nach den Strapazen eines staubigen Tages, ein ausgiebiges Bad nahm. Die beiden anderen Plätze boten diese Annehmlichkeit nicht. Kein Wunder, denn sie waren bereits im Sudan. Das soll heißen: Sobald man die Berge (mit den Flüssen) verlassen hat, und nun alles flach, eben und staubig wird, kommt man an die sudanesische Grenze. Bereits der Grenzfluss ist ein Grenzwadi, also zur Zeit ausgetrocknet.

Ab hier gilt es, sich der nächsten Herausforderung zu stellen - der Hitze.

 

 

 

Wetterbericht

 

Die äthiopischen Berge mit ihren zwar lästigen Steigungen, aber auch mit ihren angenehmen Temperaturen liegen hinter mir. Der Sudan hingegen ist flach, trocken und vor allen Dingen heiß. Bereits morgens um 10.00 Uhr messe ich 42 Grad im Schatten - theoretisch; denn es gibt weit und breit keinen Schatten. Und wie heiß es nun wirklich auf dem Fahrrad (= in der Sonne) ist, kann ich nicht sagen, da mein kleines Thermometer bei 50 Grad aufhört anzuzeigen und zu platzen droht.

Dabei kann ich noch froh sein, dass ich im November, also auch hier im Winter, unterwegs bin. Nicht vorstellbar hier im Juli oder August durchfahren zu müssen...

Übrigens habe ich in Ermangelung eines Schattens einfach die Wassertemperatur in meinen Trinkwasserflaschen gemessen. Wie gesagt: 42 Grad - köstlich.

 

 

Alltag auf der Teerstrasse (31.-33. Tag)

 

Bei Gedaref, nach 380 Kilometern Schotter und Staub stoße ich endlich auf die Teerstraße. Von hier werde ich hoffentlich mit Höchstgeschwindigkeit ins 400 Kilometer entfernte Khartoum rollen können. Doch zuvor gönne ich mir den kleinen Luxus eines Hotelzimmers mit Dusche.

Da ich für alle Fälle Batterielampen fürs Fahrrad dabei habe (nicht zu vergessen den lebenswichtige Rückspiegel), wage ich es, am nächsten Morgen bereits eine Stunde vor Sonnenaufgang aufzubrechen. Auf der Straße ist zu dieser Zeit noch nichts los, und ich kann Gas geben. Aber das Beste ist die herrlich frische und kühle Morgenluft.

Ich habe bereits 30 Kilometer in den Beinen, als die Sonne aufgeht und bei Kilometer 50 mache ich zufrieden Frühstück. So schaffe ich bis 11.00 Uhr gut 100 Kilometer und muss nun aber ein paar Stunden pausieren. Es ist inzwischen zu heiß zum Fahren geworden. Erst nach 15.30 Uhr geht es weiter. Und zwei Stunden später muss ich mich bereits nach einer Campmöglichkeit umsehen, weil es gegen 18:30 Uhr dunkel ist.

Die Verpflegung ist im Prinzip kein großes Problem, wenn nicht gerade Ramadan wäre. Mehrmals am Tag passiere ich kleine Dörfer oder Imbissbuden an der Straße, wo ich trotzdem manchmal etwas essen kann, aber immer viel trinke.

Auf dieser Art verbringe ich die nächsten drei Tage.

Nur manchmal komme ich etwas schneller voran. Dann nämlich, wenn ich einen schwerbeladenen Lastwagen im richtigen Tempo erwische, bei dem ich einige Zeit lang im Windschatten mitfahren kann.

 

 

 

Khartoum

 

Ich erreiche die Hauptstadt an meinem 33. Tag, ein Donnerstag. Das bedeutet, es ist Wochenende und mein Visum für Ägypten werde ich frühestens am Samstag (Wochenanfang) bekommen. So mein Plan. Also suche ich mir ein nettes Hotel und verbringe das Wochenende mit Wäschewaschen und Fahrradpflege. Dann am Freitag erreicht mich die Nachricht, dass Ramadan bereits heute zuende ist und somit nun der Eid beginnt. Der Eid sind die Feiertage nach dem Fastenmonat, entsprechen von der Wichtigkeit vielleicht unserem Weihnachtsfest und dauert vier Tage. Ich bin schockiert. Denn natürlich sind alle Büros, Behörden und Läden während der Feiertage geschlossen. Meine Zeitplanung passt vorne und hinten nicht mehr. Aus einem geplanten Tag Aufenthalt werden so nun sechs, mindestens. Einige Leute behaupten nämlich, dass sich die Behörden noch freiwillig ein langes Wochenende dazugeben. Dann hätte ich aber ein ernsthaftes Zeitproblem, da mein Sudanvisum nur vier Wochen gültig ist, und ich den härtesten und längsten Streckenabschnitt (wohl der härteste der ganzen Tour) noch vor mir habe. 

So viel Wäsche kann ich gar nicht waschen, wie ich nun Zeit habe. Also,

nutze ich sie und sehe mir die Stadt an. Aber nur sehen, nicht etwa fotografieren, denn das ist in der Hauptstadt strengstens verboten. Auch braucht man für das Fotografieren im gesamten Land eine spezielle Genehmigung. Mit dieser Genehmigung darf man aber trotzdem keine Regierungsgebäude, Brücken oder alles, was irgendwie militärisch sein könnte fotografieren. Des weiteren besteht Fotografierverbot von allem, was negativ für das Ansehen des Landes sein könnte. Also keine bettelnde oder arme Menschen, kaputte Straßen oder heruntergekommene Gebäude. Da bleibt unterm Strich nicht allzu viel übrig, denn kaputt und marode ist hier einiges. Gut, der Regierungspalast ist ein sehr pompöses und fotogenes Anwesen, aber der steht natürlich in der Hauptstadt und ist somit wieder tabu... Es sollen schon Touristen für mehrere Tage inhaftiert worden sein, weil sie den Zusammenfluss des Blauen Nils (braun) und des Weißen Nils (braun) von einer Nilbrücke fotografiert haben. Ob man nun eine Brücke, oder von einer Brücke fotografiert, wird von den sudanesischen Sicherheitskräften offensichtlich nicht so eng gesehen.

 

Hier könnte jetzt ein Foto vom Zusammenfluss des Weißen und des Blauen Nils eingefügt sein. Aber das ist mir ein Gefängnisaufenthalt nicht wert (zumal ich im Gefängnis bestimmt auch nicht fotografieren darf).

Vielleicht male ich morgen ein Bild...


 

Khartoum, 15. November 2004

 

 

Auf die harte Tour (41. - 53. Tag)

 

Khartoum. 43 Grad. Die Sonne brennt.

Es ist so weit. Nach acht Tagen Wartezeit halte ich mein langersehntes Ägyptenvisum in den Händen. Morgen früh kann es endlich weitergehen.

Zwei Stunden vor Sonnenaufgang verlasse ich auf leeren Straßen die Hauptstadt. Es ist noch angenehm kühl und ich bin bester Laune. Die lasse ich mir auch nicht von den Checkpointpolizisten nehmen und ignoriere sie einfach, als sie aufgeregt hinter mir her trillerpfeifen, während ich an ihnen vorbeihusche.

Eine Stunde später habe ich den Stadtteil Omdurman passiert. Nun liegen vierhundert einsame Wüstenkilometer vor mir, erfreulicherweise eine Wüste mit einer erstklassigen und wenig befahrenden Teerstrasse. So meine Informationen. Erst wenn die Straße wieder auf den Nil trifft (sie kürzt einen riesigen Nilbogen ab), soll sich der glatte Asphalt in eine üble Sandpiste verwandeln. Dann folgt die "Straße" dem Nil weitere sechshundert Kilometer und endet abrupt in einem Kaff namens Wadi Halfa am Rande des Nasser-Sees. Hinter dem See liegt dann mein nächstes Ziel: Ägypten. Der einzige Lichtblick auf dem sicher übelsten Abschnitt meiner ganzer Tour ist das Städtchen Dongola auf der Hälfte der Strecke. Auch wenn es hier nichts Bedeutsames gibt, nicht einmal ein richtiges Hotel, so ist es doch ein Ort zum Luftholen, etwas Ausruhen und neue Kräfte sammeln. Leider (oder Gott-sei-Dank) bedeutet Dongola für mich aber nicht Halbzeit, sondern Etappenziel, denn mein Zeitplan, bzw. mein Visum, lässt ein komplettes Befahren der Strecke nicht zu. Ich würde das wöchentliche Schiff in Wadi Halfa nach Ägypten nicht erreichen und mein Visum wäre für eine weitere Woche nicht mehr gültig. Ich werde also "nur" die 700 Kilometer bis Dongola fahren und von dort einen Lastwagen nach Wadi Halfa nehmen müssen.

Die 400 Kilometer Teerstrasse sollten ein Ereignis für mich werden. Schnelles Dahingleiten bei Höchstgeschwindigkeit und flatternden Haaren. Locker zu schaffen in zwei Tagen. So meine Vorstellung. Doch denkste. Die Haare flattern zwar wie wild, doch enttäuschender Weise nur vom heftigen Gegenwind. Mit aller Energie kämpfe ich dagegen an und verzweifle dabei fast, weil der Wind permanent bläst und mir keine entspannende Pause lässt. Am Ende des Tages erreiche ich völlig erschöpft nur enttäuschende 120 Kilometer. Das entspricht einem lächerlichen Schnitt von 12 Km/h. Das Doppelte hatte ich mir ausgerechnet.

Ich bin verärgert, entnervt und total am Ende. Mit letzter Kraft ramme ich die Häringe für mein Zelt in den Wüstensand, muss sogar das Regenüberzelt wegen dem Sandwind aufspannen und falle halbtot ins Zelt. Als ich liege und mich nicht mehr bewegen will und kann, fällt mir ein, dass mein Rad noch ungesichert und außer Reichweite im Sand liegt. Soll es doch! Hoffentlich wird es in der Nacht geklaut und ich darf mit dem Bus weiterfahren...

 

 

Doch am anderen Morgen ist es nicht verschwunden. Aber etwas anderes ist in der Nacht passiert: Es ist saukalt geworden. So kalt, dass ich morgens nicht aus dem Schlafsack will. Erst als die Sonne aufgegangen ist, stecke ich meine kalte Nase aus dem Zelt. So spät war es noch nie. Ich will mich gerade ärgern, weil ich wertvolle Zeit verschwendet habe, als bei mir die Erleuchtung kommt: Wieso eigentlich Zeitplan? Tageskilometer? Ist doch eh alles egal. Ich kann die Strecke so oder so nicht komplett fahren und habe, wenn ich einen Bus oder LKW in Dongola nehme, sogar drei oder vier Tage gewonnen. Also, keinen Stress! Ich fahre ab jetzt so viel, wie ich kann oder will.

Und so fahre ich in den nächsten Tagen nur 70 - 80 Kilometer pro Tag (10er Schnitt) und brauche für die geplanten zwei Tagen auf der Teerstrasse viereinhalb. Aber dafür bin ich guter Laune, trotz dem seit Tagen permanent und heftig wehenden Gegenwindes. Mehr noch, ich genieße die herrlich einsame Straße und die Wüste mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen.

 

 

Aber am Tollsten sind die Nächte, ist der Himmel über der Wüste. Zwar ist es lausig kalt, aber gerade früh morgens, wenn der Mond bereits wieder untergegangen ist, ist der Sternenhimmel so grandios, dass ich meinen Schlafsack nach draußen zerre und lange vor dem Sonnenaufgang ausgiebig den überwältigenden Sternenhimmel betrachte. Da es weit und breit keine andere Beleuchtung gibt, sind die Myriaden von Sternen von Horizont zu Horizont sichtbar.

 

Nach vier Tagen erreiche ich den Nilbogen und somit das Ende der Teerstraße. Jetzt wird es Ernst. Schluss mit lustig. Harte Arbeit wartet auf mich.

Anfangs durchfahre ich eine kilometerlange Baustelle. Hier ist alles umgepflügt, platt gemacht oder eingeschottert. Der geschobene Sand und der lockere Kies zwingen mich immer wieder abzusteigen und zu schieben. Dann läuft die Baustelle allmählich in Spurrillen aus, die auch nicht besser sind. Manchmal sind es nur zwei oder drei und der Fall liegt klar, aber manchmal sind es scheinbar Hunderte, verteilt über eine endlose Ebene, die einem keine Orientierung bietet (der Nil ist übrigens nie zu sehen, da die Piste viel zu weit entfernt verläuft).

 

 

Hinzu kommt, dass der Untergrund ständig wechselt. Mal fester und kompakter Sand, der gut zu befahren ist und dann plötzlich scheinbar der selbe Untergrund, indem ich aber sofort versinke. Manchmal kann ich eine halbe Stunde problemlos fahren, manchmal muss ich alle zwei Minuten absteigen und schieben. Das Schlimmste aber ist, dass die Spuren immer mehrere hundert Meter von den Dörfern entfernt verlaufen und dazwischen nichts als lockerer Sand ist. Will ich also in einem Dorf etwas zu Essen kaufen, muss ich abschätzen, ob sich im Dorf ein Laden oder ein Markt befinden könnte und ob sich das Schieben und Zerren durch den tiefen Sand lohnt. Meistens natürlich nicht. Aber ich habe es ja so gewollt.

Nach weiteren drei Tagen treffe ich wieder auf eine Teerstraße. Dongola ist bald erreicht. Traumhaft kommt mir das leichte Rollen auf dem Asphalt vor. Doch viel schneller bin ich trotzdem nicht, da seit zwei Tagen mein Schalthebel nicht mehr funktioniert und mir nur noch ein Gang geblieben ist. Gut 30 km vor dem Ort übernachte ich freiwillig noch einmal im Freien. Hotelzimmer werde ich noch genug haben, aber dieser Himmel...

In Dongola finde ich eine einfache Unterkunft, sehr freundliche und hilfsbereite Einwohner, sowie einen Belgier und einen Schweizer, die ebenfalls auf dem Weg nach Wadi Halfa sind.

 

 

Gemogelt: Mit dem Lastwagen an die Grenze

 

Nach dem Duschen (endlich), dem Ausruhen (in einem Bett!) und dem Wäschewaschen (war bitter nötig) versuche ich meinen Schaltgriff zu reparieren. Es bleibt bei einem Versuch. Der (viel zu komplizierte) Hebel lässt sich nicht öffnen, weil eine Schraube zu fest sitzt. Ein extra im Dorf gekaufter Schraubendreher bricht bei einem weiteren Versuch ab. Ich beschließe die Reparatur zu verschieben und hoffe, dass es in Ägypten auch nichtchinesisches Werkzeug zu kaufen gibt.

Mein Plan B mit dem Bus oder Lastwagen direkt ins 300 Kilometer entfernte Wadi Halfa zu fahren zerschlägt sich, als ich höre, dass es keine Direktverbindung in diese Richtung mehr gibt; in Gegenrichtung zwar schon, die aber auch 25 - 30 Stunden Rüttel- und Schüttelei bedeutet. So schließe ich mich Karel und Sebastian an und wir fahren in drei Tagesetappen mit dem klapprigen PickUp und dem dröhnenden zum Bus umgebauten Lastwagen nach Wadi Halfa. Die Piste ist ruppig und wir sind froh nicht an einem Stück fahren zu müssen.

 

 

Die Dörfer, in denen wir übernachten sind ärmlich und die Sammelunterkünfte, in denen wir schlafen sehr einfach, schmutzig und laut. Dennoch, die Menschen, denen wir begegnen sind wie immer gastfreundlich, unkompliziert und hilfsbereit. Man kümmert sich um unsere Weiterfahrt, lädt uns zum Tee ein und die Busfahrer bringen uns am Ende des Tages direkt zu unseren "Hotels".

Dann endlich, zwei Tage vor Abfahrt der Fähre nach Ägypten, erreichen wir Wadi Halfa - fast. Ganze fünf Kilometer und eine Sanddüne vor dem Dorf bleibt unser LKW/Bus mit Differenzialschaden im Sand stecken. Nachdem klar wird, dass die Reparatur nur mit einem Ersatzteil aus dem Dorf durchzuführen ist, beschließen wir drei zu Fuß loszugehen. Das Gepäck und mein Fahrrad lasse ich auf dem Bus. Ich werde es später vom Büro der Transportgesellschaft abholen, wenn unser Bus dort eingetroffen ist. So erreichen wir zu Fuß Wadi Halfa, suchen uns eine Unterkunft, gehen essen und warten, dass unser Gepäck ankommt. Nach ein paar Stunden, es ist bereits dunkel und wir sitzen noch bei einem Tee zusammen, kommt hupend unser Bus angerumpelt. Als der Fahrer uns sieht, hält er an und ich springe auf. Wir fahren zu unserer Unterkunft, wo mein Gepäck und mein Fahrrad abgeladen werden. Klappt doch! Alles kein Problem hier im Sudan.

 

 

Hurghada, 15. Dezember 2004

 

 

Ägypten