Khartoum
Ich erreiche die Hauptstadt an meinem 33. Tag, ein
Donnerstag. Das bedeutet, es ist Wochenende und mein Visum für
Ägypten werde ich frühestens am Samstag
(Wochenanfang) bekommen. So mein Plan. Also suche ich mir ein nettes
Hotel und verbringe das Wochenende mit Wäschewaschen und
Fahrradpflege. Dann am Freitag erreicht mich die Nachricht, dass
Ramadan bereits heute zuende ist und somit nun der Eid beginnt. Der Eid
sind die Feiertage nach dem Fastenmonat, entsprechen von der
Wichtigkeit vielleicht unserem Weihnachtsfest und dauert vier Tage. Ich
bin schockiert. Denn natürlich sind alle Büros,
Behörden und Läden während der Feiertage
geschlossen. Meine Zeitplanung passt vorne und hinten nicht mehr. Aus
einem geplanten Tag Aufenthalt werden so nun sechs, mindestens. Einige
Leute behaupten nämlich, dass sich die Behörden noch
freiwillig ein langes Wochenende dazugeben. Dann hätte ich
aber ein ernsthaftes Zeitproblem, da mein Sudanvisum nur vier Wochen
gültig ist, und ich den härtesten und
längsten Streckenabschnitt (wohl der härteste der
ganzen Tour) noch vor mir habe.
So viel Wäsche kann ich gar nicht waschen,
wie ich nun Zeit habe. Also,
nutze
ich sie und sehe mir die Stadt an. Aber nur sehen, nicht etwa
fotografieren, denn das ist in der Hauptstadt strengstens verboten.
Auch braucht man für das Fotografieren im gesamten Land eine
spezielle Genehmigung. Mit dieser Genehmigung darf man aber trotzdem
keine Regierungsgebäude, Brücken oder alles, was
irgendwie
militärisch sein könnte fotografieren. Des weiteren
besteht
Fotografierverbot von allem, was negativ für das Ansehen des
Landes sein könnte. Also keine bettelnde oder arme Menschen,
kaputte Straßen
oder heruntergekommene Gebäude. Da bleibt
unterm Strich nicht allzu viel übrig, denn kaputt und marode
ist
hier einiges. Gut, der Regierungspalast ist ein sehr pompöses
und
fotogenes Anwesen, aber der steht natürlich in der Hauptstadt
und
ist somit wieder tabu... Es sollen schon Touristen für mehrere
Tage inhaftiert worden sein,
weil sie den Zusammenfluss des Blauen Nils (braun) und des
Weißen
Nils (braun) von einer Nilbrücke fotografiert haben. Ob man
nun eine Brücke, oder von
einer Brücke fotografiert, wird von den sudanesischen
Sicherheitskräften offensichtlich nicht so eng gesehen.
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Hier
könnte jetzt ein Foto vom Zusammenfluss des Weißen
und des Blauen Nils eingefügt sein. Aber das ist mir ein
Gefängnisaufenthalt nicht wert (zumal ich im
Gefängnis bestimmt auch nicht fotografieren darf).
Vielleicht male ich morgen ein Bild...
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Khartoum, 15. November 2004
Auf die harte Tour (41. - 53.
Tag)
Khartoum. 43 Grad. Die Sonne brennt.
Es ist so weit. Nach acht Tagen Wartezeit halte ich
mein langersehntes Ägyptenvisum in den Händen. Morgen
früh kann es endlich weitergehen.
Zwei Stunden vor Sonnenaufgang verlasse ich auf
leeren Straßen die Hauptstadt. Es ist
noch angenehm kühl und ich bin bester Laune. Die lasse ich mir
auch nicht von den Checkpointpolizisten nehmen und ignoriere sie
einfach, als sie aufgeregt hinter mir her trillerpfeifen, während ich an ihnen
vorbeihusche.
Eine Stunde später habe ich den Stadtteil
Omdurman passiert. Nun liegen vierhundert einsame
Wüstenkilometer vor mir, erfreulicherweise eine Wüste
mit einer erstklassigen und wenig befahrenden Teerstrasse. So meine
Informationen. Erst wenn die Straße
wieder auf den Nil trifft (sie kürzt einen riesigen Nilbogen
ab), soll sich der glatte Asphalt in eine üble Sandpiste
verwandeln. Dann
folgt die "Straße" dem
Nil weitere sechshundert Kilometer und endet
abrupt in einem Kaff namens Wadi Halfa am Rande des Nasser-Sees. Hinter
dem See liegt dann mein nächstes Ziel: Ägypten. Der
einzige
Lichtblick auf dem sicher übelsten Abschnitt meiner ganzer
Tour
ist das Städtchen Dongola auf der Hälfte der Strecke.
Auch
wenn es hier nichts Bedeutsames gibt, nicht einmal ein richtiges Hotel,
so ist es doch ein Ort zum Luftholen, etwas Ausruhen und neue
Kräfte sammeln. Leider (oder Gott-sei-Dank)
bedeutet Dongola
für mich aber nicht Halbzeit, sondern Etappenziel, denn mein
Zeitplan, bzw. mein Visum, lässt ein komplettes Befahren der
Strecke nicht zu. Ich würde das wöchentliche Schiff
in Wadi
Halfa nach Ägypten nicht erreichen und mein Visum
wäre
für eine weitere Woche nicht mehr gültig. Ich werde
also
"nur" die 700 Kilometer bis Dongola fahren und von dort einen Lastwagen
nach Wadi Halfa nehmen müssen.
Die 400 Kilometer Teerstrasse sollten ein Ereignis
für mich werden. Schnelles Dahingleiten bei
Höchstgeschwindigkeit und flatternden Haaren. Locker zu
schaffen in zwei Tagen. So meine Vorstellung. Doch denkste. Die Haare
flattern zwar wie wild, doch enttäuschender Weise nur vom
heftigen Gegenwind. Mit aller Energie kämpfe ich dagegen an
und verzweifle dabei fast, weil der Wind permanent bläst und
mir keine entspannende Pause lässt. Am Ende des Tages erreiche
ich völlig erschöpft nur enttäuschende 120
Kilometer. Das entspricht einem lächerlichen Schnitt von 12
Km/h. Das Doppelte hatte ich mir ausgerechnet.
Ich bin verärgert, entnervt und total am
Ende. Mit letzter Kraft ramme ich die Häringe für
mein Zelt in den Wüstensand, muss sogar das
Regenüberzelt wegen dem Sandwind aufspannen und falle halbtot
ins Zelt. Als ich liege und mich nicht mehr bewegen will und kann,
fällt mir ein, dass mein Rad noch ungesichert und
außer Reichweite im Sand liegt. Soll es doch! Hoffentlich
wird es in der Nacht geklaut und ich darf mit dem Bus weiterfahren...

Doch am anderen Morgen ist es nicht verschwunden.
Aber etwas anderes ist in der Nacht passiert: Es ist saukalt geworden.
So kalt, dass ich morgens nicht aus dem Schlafsack will. Erst als die
Sonne aufgegangen ist, stecke ich meine kalte Nase aus dem Zelt. So
spät war es noch nie. Ich will mich gerade ärgern,
weil ich wertvolle Zeit verschwendet habe, als bei mir die Erleuchtung
kommt: Wieso eigentlich Zeitplan? Tageskilometer? Ist doch eh alles
egal. Ich kann die Strecke so oder so nicht komplett fahren und habe,
wenn ich einen Bus oder LKW in Dongola nehme, sogar drei oder vier Tage
gewonnen. Also, keinen Stress! Ich fahre ab jetzt so viel, wie ich kann
oder will.
Und so fahre ich in den nächsten Tagen nur
70 - 80 Kilometer pro Tag (10er Schnitt) und brauche für die
geplanten zwei Tagen auf der Teerstrasse viereinhalb. Aber
dafür bin ich guter Laune, trotz dem seit Tagen permanent und
heftig wehenden Gegenwindes. Mehr noch, ich genieße die
herrlich einsame Straße und
die Wüste mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen.

Aber am Tollsten sind die Nächte, ist der
Himmel über der Wüste. Zwar ist es lausig kalt, aber
gerade früh morgens, wenn der Mond bereits wieder
untergegangen ist, ist der Sternenhimmel so grandios, dass ich meinen
Schlafsack nach draußen zerre und lange vor dem Sonnenaufgang
ausgiebig den überwältigenden Sternenhimmel
betrachte. Da es weit und breit keine andere Beleuchtung gibt, sind die
Myriaden von Sternen von Horizont zu Horizont sichtbar.
Nach vier Tagen erreiche ich den Nilbogen und somit
das Ende der Teerstraße.
Jetzt wird es Ernst. Schluss mit lustig. Harte Arbeit wartet auf mich.
Anfangs durchfahre ich eine kilometerlange
Baustelle. Hier ist alles umgepflügt, platt gemacht oder
eingeschottert. Der geschobene Sand und der lockere Kies zwingen mich
immer wieder abzusteigen und zu schieben. Dann läuft die
Baustelle allmählich in Spurrillen aus, die auch nicht besser
sind. Manchmal sind es nur zwei oder drei und der Fall liegt klar, aber
manchmal sind es scheinbar Hunderte, verteilt über eine
endlose Ebene, die einem keine Orientierung bietet (der Nil ist
übrigens nie zu sehen, da die Piste viel zu weit entfernt
verläuft).

Hinzu kommt, dass der Untergrund ständig
wechselt. Mal fester und kompakter Sand, der gut zu befahren ist und
dann plötzlich scheinbar der selbe Untergrund, indem ich aber
sofort versinke. Manchmal kann ich eine halbe Stunde problemlos fahren,
manchmal muss ich alle zwei
Minuten absteigen und schieben. Das Schlimmste aber ist, dass die
Spuren immer mehrere hundert Meter von den Dörfern entfernt
verlaufen und dazwischen nichts als lockerer Sand ist. Will ich also in
einem Dorf etwas zu Essen kaufen, muss ich abschätzen, ob sich
im
Dorf ein Laden oder ein Markt befinden könnte und ob sich das
Schieben und Zerren durch den tiefen Sand lohnt. Meistens
natürlich nicht. Aber ich habe es ja so gewollt.
Nach weiteren drei Tagen treffe ich wieder auf eine
Teerstraße. Dongola ist bald erreicht.
Traumhaft kommt mir das leichte Rollen auf dem Asphalt vor. Doch viel
schneller bin ich trotzdem nicht, da seit zwei Tagen mein Schalthebel
nicht mehr funktioniert und mir nur noch ein Gang geblieben ist. Gut 30
km vor dem Ort übernachte ich freiwillig noch einmal im
Freien. Hotelzimmer werde ich noch genug haben, aber dieser Himmel...
In Dongola finde ich eine einfache Unterkunft, sehr
freundliche und hilfsbereite Einwohner, sowie einen Belgier und einen
Schweizer, die ebenfalls auf dem Weg nach Wadi Halfa sind.
Gemogelt: Mit dem Lastwagen
an die Grenze
Nach dem Duschen (endlich), dem Ausruhen (in einem
Bett!) und dem Wäschewaschen (war bitter nötig)
versuche ich meinen Schaltgriff zu reparieren. Es bleibt bei einem
Versuch. Der (viel zu komplizierte) Hebel lässt sich nicht
öffnen, weil eine Schraube zu fest sitzt. Ein extra im Dorf
gekaufter Schraubendreher bricht bei einem weiteren Versuch ab. Ich
beschließe die Reparatur zu verschieben und hoffe, dass es in
Ägypten auch nichtchinesisches Werkzeug zu kaufen gibt.
Mein Plan B mit dem Bus oder Lastwagen direkt ins
300 Kilometer entfernte Wadi Halfa zu fahren zerschlägt sich,
als ich höre,
dass es keine Direktverbindung in diese Richtung mehr gibt; in
Gegenrichtung zwar schon, die aber auch 25 - 30 Stunden
Rüttel- und Schüttelei bedeutet. So
schließe ich mich Karel und Sebastian an und wir fahren in
drei Tagesetappen mit dem klapprigen PickUp und dem dröhnenden
zum Bus umgebauten Lastwagen nach Wadi Halfa. Die Piste ist ruppig und
wir sind froh nicht an einem Stück fahren zu müssen.

Die Dörfer, in denen wir
übernachten sind ärmlich und die
Sammelunterkünfte, in denen wir schlafen sehr einfach,
schmutzig und laut. Dennoch, die Menschen, denen wir begegnen sind wie
immer gastfreundlich, unkompliziert und hilfsbereit. Man
kümmert sich um unsere Weiterfahrt, lädt uns zum Tee
ein und die Busfahrer bringen uns am Ende des Tages direkt zu unseren
"Hotels".
Dann endlich, zwei Tage vor Abfahrt der
Fähre nach Ägypten, erreichen wir Wadi Halfa - fast.
Ganze fünf Kilometer und eine Sanddüne vor dem Dorf
bleibt unser LKW/Bus mit Differenzialschaden im Sand stecken. Nachdem
klar wird, dass die Reparatur nur mit einem Ersatzteil aus dem Dorf
durchzuführen ist, beschließen wir drei zu
Fuß loszugehen. Das Gepäck und mein Fahrrad lasse
ich auf dem Bus. Ich werde es später vom Büro der
Transportgesellschaft abholen, wenn unser Bus dort eingetroffen ist. So
erreichen wir zu Fuß Wadi Halfa, suchen uns eine Unterkunft,
gehen essen und warten, dass unser Gepäck ankommt. Nach ein
paar Stunden, es ist bereits dunkel und wir sitzen noch bei einem Tee
zusammen, kommt hupend unser Bus angerumpelt. Als der Fahrer uns sieht,
hält er an und ich springe auf. Wir fahren zu unserer
Unterkunft, wo mein Gepäck und mein Fahrrad abgeladen werden.
Klappt doch! Alles kein Problem hier im Sudan.

Hurghada, 15. Dezember 2004