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Die Grenze (8. Tag)
Ich
habe verschlafen. Statt um 5:30 Uhr verlasse ich erst um 7:00 Uhr mein
Hotel in Dikhil, Djibouti. Dabei habe ich heute eine lange Etappe vor
mir und wollte die sengende Mittagshitze unbedingt meiden. Zudem komme
ich nur schwer in Tritt. Erst ab Kilometer 50 läuft es gut und
ich
bin mittags, nach gut 100 km am Grenzübergang. Dummerweise
begrüße ich nur den verwunderten Grenzbeamten und
reise noch
nicht aus, sondern trinke erst noch drei Cola an der Bude nebenan. Mein
Fehler. Als ich wenig später zurückkomme ist der
Grenzübergang bis nach dem Nachmittagsgebet geschlossen. Jetzt
muss ich hier an der Bude drei Stunden totschlagen. Dabei lief es doch
nun so gut...
Um 15:00 Uhr mault mich dann ein lustloser, verschlafener Grenzer an,
wo meine Fahrzeugpapiere sind? Wie, Fahrzeugpapiere? Na, die
Fahrzeugpapiere und die Fahrgestellnummer. Keine Papiere - dann
gibt es auch keine Weiterfahrt! Ich versuche ruhig zu bleiben. Nach
scheinbar endloser Diskussion gibt der schlecht gelaunte Beamte
entnervt auf, drückt mir widerwillig den ersehnten Stempel in
meinen Pass und ich verschwinde, bevor er es sich wieder anders
überlegt.
Vorbei an einer kilometerlangen LKW-Schlange, die auf ihre Einreise
nach Djibouti wartet, fliege ich wie entfesselt dem
äthiopischen
Grenzposten entgegen. Es kann alles nur besser werden.
Das wird es dann auch. Freundliche Grenzbeamte empfangen mich wenige
Kilometer später in bestem Englisch. Ich werde bevorzugt
behandelt, bekomme umgehend meinen Einreisestempel und einige gute
Tipps für die Reise. Mit Schulterklopfen und den besten
Wünschen für meine weitere Fahrt werde ich dann
verabschiedet.
Die Landschaft kommt mir sogleich schöner vor.
Tatsächlich
fahre ich wie von selbst und
genieße singend die karge Steppenlandschaft, die
Nachmittagssonne
und den Rückenwind. Die Straße ist erstklassig und
nur ab und an
kommt mir hupend ein Truck entgegen.
Jedes Mal wird mir vom Fahrer anerkennend der nach oben gerichtete
Daumen entgegengestreckt.
Ich passiere Kamelherden. Ein totes Kamel am Straßenrand hat
riesige Geier
angelockt, die glücklicherweise Platz machen, als ich
vorbeifahre.
Wenig später sehe ich unweit von der Straße eine
barbusige
Feuerholzsammlerin und falle schockiert fast vom Rad. (Drei Jahre
frauenfreies Jemen gehen auch nicht spurlos an einem vorüber)
Auf den letzten Kilometern muss ich noch zwei Pässe
überwinden, dann habe ich endlich mein Etappenziel Dichtoto,
es
ist bereits dunkel, erreicht. Zwar ist Dichtoto nur ein kleines Nest am
Rand der Strasse, aber immerhin das einzige Nest weit und breit. Ich
finde eine spartanische, aber saubere und liebevoll hergerichtete
Unterkunft mit Gemeinschaftsdusche (für 1 $) und falle halb
tot ins Bett.
Tagesbilanz: 146 km, Wasserverbrauch 8 Liter.
Afar
Ich
bin fix und fertig. Nach meiner Karte hätten es bis Mille nur
ca.
30 km sein sollen. Also, ein prima Frühstücksstopp.
Am Ende
sind es 82 geworden. Doch nicht nur zeitlich lag ich voll daneben,
sondern auch mit meinem Wasservorrat. Der ist nämlich am Ende,
und
ich bin es auch. Ich muss wohl ein sehr bemitleidenswertes Bild
abgeben, wie ich mich so lust- und kraftlos über den Asphalt
quäle. Jedenfalls hält bei Kilometer 50 ein
entgegenkommender
Lastwagen an und der Fahrer schenkt mir zwei Orangen. Dankbar falle ich
über die Früchte her und finde wieder neuen Mut und
Kraft.
Nach weiteren 10 km geht mir das Wasser völlig aus. Die Sonne
brennt, es sind 45 Grad und kein Dorf in Sicht. Als mir wieder ein
Truck entgegenkommt, halte ich eine meiner leeren Trinkflaschen in die
Höhe und der LKW hält auch sofort an. Vom Fahrer
bekomme ich
lächelnd eine Flasche herrlich kühles Wasser
gereicht. Nach
weiteren 10 km bekomme ich unaufgefordert von einem anderen Trucker
eine weitere Flasche Wasser und drei Orangen geschenkt. Ich muss wohl
immer noch einen hoffnungslosen Eindruck machen.
Landschaftlich bekomme ich wenig Abwechslungsreiches zu sehen. Trockene
und fruchtlose Steppe mit leichten felsigen Hügeln so weit das
Auge reicht. Dennoch, dieses Gebiet, die Afar-Region, ist
menschheitsgeschichtlich von größter Bedeutung. Hier
wurde
1974 Lucy entdeckt. Es wird erzählt, man habe gerade den
Beatles-Song Lucy in the sky with diamonds gehört,
als man auf menschliche Knochen
stieß. Wie auch immer, Fakt ist jedenfalls, Lucy
heißt eigentlich Australopithicus afarensis,
ist unvorstellbare 3,2 Millionen Jahre alt und konnte bereits zu ihrer
Zeit aufrecht gehen und gilt somit als menschlich. Nirgendwo anders
hatte man solche alten menschliche Knochen gefunden. Aufgrund
diesen
sensationellen Fundes und weiteren bedeutsamen in diesem Gebiet, geht
man heute davon aus, dass hier der Mensch seinen Ursprung hatte, dass
hier in Äthiopien die Wiege der Menschheit gestanden haben
muss.
Lucy selber kann man im Kellergeschoss des National Museum in Addis
Abeba persönlich
kennen lernen.
Awash Nationalpark
Im
Nationalpark war ich selber nicht. Das ist aber auch nicht
nötig,
da die Straße so oder so durch den Park führt und
man mit ein
wenig Glück auch von hier aus viele Tiere sehen kann;
besonders,
wenn man morgens früh mit dem Fahrrad unterwegs ist. Also
verlasse
ich das Städtchen Awash (mit einem herrlichen Hotel im
Kolonialstil) noch vor Sonnenaufgang. Und tatsächlich, kurze
Zeit
später läuft eine Herde Antilopen neben mir her und
ein
Straußenpaar kommt mir entgegen.

Auch sind bereits viele Greifvögel
unterwegs und fliegen die
Strasse auf der Suche nach nächtlichen Unfallopfer ab.
Später
bemerke ich eine Horde Paviane, die sich am
Straßenrand versammelt haben. Ich stoppe in respektabler
Entfernung, da die Affen scheinbar nicht die Straße freigeben
wollen
und ich besonders vor den bärenstarken Männchen einen
Höllenrespekt habe. Zum Glück kommt nach einigen
Minuten
dröhnend und hupend ein Truck die Straße entlang und
die Affen
nehmen schimpfend
Reißaus. Auch ich gebe jetzt Gas.
Später am Morgen passiere ich noch drei kleiner Seen, wo ich
eine
Pause einlege und zwei Krokodilen bei ihrem Raubzug zusehen kann.

Addis Abeba, 25. Oktober 2004
Die Schnellsten der Welt (18. Tag)
Da
quält man sich die Berge nach Addis Abeba hoch (2.400 m) und
denkt: "Geschafft, von nun an
geht es bergab", aber von wegen, da geht es hinter Addis sogar noch
höher hinauf. Die Straße Richtung Norden windet sich
bis auf
2.800 Meter, um sich dann
Hunderte von Kilometern über eine hügelige Hochebene
zu
schlängeln.

Ich bin also
einigermaßen geschockt, als es hinter Addis keine schnelle
Abfahrt gibt. Schweißtriefend stampfe ich die Serpentinen
hinauf.
Plötzlich sehe ich sie und versuche sofort Haltung zu
bewahren:
Eine Gruppe athletischer
Läufer, alle im modischen Laufdress beim Aufwärmen.
Hier
trainieren sie also, die Besten der Besten, die schnellsten
Langstreckenläufer der Welt. Diesmal bin ich es, der
bewundernd
den Daumen reckt, Langatmigkeit
vortäuscht und grüßend an der Gruppe vorbei
fahre. Man
winkt und klatscht mir freudig zu.
Überflüssig zu erwähnen, dass ich wenige
Minuten
später von der Gruppe
leichtfüßig und in einem Höllentempo
überholt werde. Irre! Respekt!
Die Nilschlucht
Wie
gesagt, es gibt hinter Addis keine
längere Abfahrten. Die nächsten 800 Kilometer liegen
immer
auf einer Höhe von 2.300 bis 2.600 Metern - mit einer
Ausnahme,
der Nilschlucht. Die Straße kreuzt 200 km hinter Addis den
Blauen Nil
(einer der beiden
Quellflüsse des Nils), der hier in einem Canyon
verläuft.
Also geht es von 2.500 Metern auf 1.100 Metern hinunter und dann wieder
hinauf. Und als wenn das nicht reichen
würde für den geplagten Radfahrer, ist genau dieses
Gefäll/Anstiegsstück keine Teerstrasse mehr, sondern
staubigster Schotter vom
Gröbsten.

Zum
Glück traf ich tags zuvor auf Mike aus Schottland, der
ebenfalls
mit dem Rad unterwegs ist, und so motivieren wir uns bei dem 15 km
langem Anstieg gegenseitig. Noch nie bin ich so einen Anstieg gefahren.
Es gibt nicht einen Meter flaches
Teilstück zum Durchatmen, stattdessen brennend heiße
Sonne,
Staub und der widerliche grobe Schotter, der einem neben der
körperlichen Anstrengung auch noch alle Konzentration
abverlangt.
Nach vier Stunden
härtester Arbeit haben wir es dann aber geschafft und stehen
kraftlos, durstig und sonnenverbrand wieder in 2.500 Metern
Höhe. Das Dorf in Gipfelnähe bietet zwar nur winzige
Zimmer
und ein ekelerregende Sammelklo zu einem Wucherpreis, aber es ist uns
egal. Das Schlimmste liegt hinter uns.
You, you, Mister!
Am
nächsten Tag trennen sich Mikes und mein Weg. Das Ziel ist
zwar
das selbe, der
Tana-See, aber ich will unbedingt die Teerstrasse fahren, die zwar
länger und hügeliger sein soll als die
kürzere und flachere Schotterpiste, für die sich Mike
entschieden hatte. In drei Tagen sehen wir, wer schneller ist.
Nach der ersten Tagesetappe bereue ich schon meine Entscheidung. Es
geht nur rauf und runter und der Gegenwind ist auch nicht zu verachten.

Doch
das Schlimmste sind die Kinder in den
Dörfern. Wurde ich bislang nur wortlos bestaunt, oder
freundlich
begrüßt, ist nun von
Zurückhaltung und Respekt nichts mehr zu spüren.
Dreißig, vierzig Kinder rennen mir bei den Dorfdurchfahrten
schreiend nach Pen oder Money
hinterher. Am Anfang lächle ich
noch versöhnlich, aber auf Dauer nervt es. Je weiter
nördlicher ich komme, um so schlimmer scheint es zu werden.
Scharen von Kinder und Jugendlichen treiben mich wie einen
Tanzbären durch die Dörfer. Die ersten Steine
fliegen. Durch
das Grölen der Kinder dringt das Lachen der Erwachsenden, die
tatenlos am
Straßenrand stehen und dem Spektakel zusehen. O.K., kann
sein,
dass die Leute im Norden nie jemanden
grüßen, und schon gar keinen Fremden, auch ist mir
klar,
dass Steinwerfen völlig
alltäglich ist, weil so die Ziegen und Schafe von den Kindern
zusammengehalten werden; trotzdem, ich bin verdammt noch mal keine
Ziege, kein Schaf und keine Zirkusattraktion.

Kann
natürlich auch sein, dass meine Nerven nur deshalb blank
liegen,
weil ich seit Tagen nichts "Vernünftiges" mehr gegessen habe.
Morgens, mittags und abends immer nur Injera, da muss man sich ja nicht
wundern... (Injera ist ein saures Fladenbrot, dass nicht nur eine
verblüffende optische Ähnlichkeit mit einem
dünnen
Schwamm hat, sondern Injera schmeckt zudem auch so)
Wie dem auch sei, zwei Tage später, nach lächerlichen
20
Kilometern, gebe ich
völlig entnervt auf, steige vom Rad, halte den Bus an, der
mich
gerade überholen will und lasse mich mitnehmen. Im Bus, ich
bin
noch nicht ganz drin, geht das You, you, Mister! Give me
Money! wieder los. Ich kann nicht mehr.
Ich lasse mich nach Bahir Dar, der nächst
größeren Stadt bringen, nehme mir ein
anständiges Zimmer, dusche ausgiebig und schließe
mich für den Rest des Tages ein.
Ich bleibe noch zwei Tage, vertilge einige Portionen Spagetti und
überspringe zudem zwei weitere Radetappen und fahre mit dem
Bus
weiter nach Gonder, meine letzte
größere Stadt in Äthiopien. Von hier aus
geht
hoffentlich eine möglichst einsame Strasse (von mir aus auch
eine
Schotterpiste) ins sudanesische Grenzgebiet.
Schade, dass meine Äthiopiendurchfahrt so enden muss. Denn
eigentlich ist Äthiopien ein
wunderschönes (und absolut sicheres) Land mit eigentlich sehr
freundlichen Menschen - sofern man nicht mit dem Fahrrad im Norden
unterwegs ist.
Gonder, 4. November
2004
Sudan
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