Äthiopien______                                                                       __

                                                                                17.10. - 6.11.2004

 

 

Die Grenze (8. Tag)

 

Ich habe verschlafen. Statt um 5:30 Uhr verlasse ich erst um 7:00 Uhr mein Hotel in Dikhil, Djibouti. Dabei habe ich heute eine lange Etappe vor mir und wollte die sengende Mittagshitze unbedingt meiden. Zudem komme ich nur schwer in Tritt. Erst ab Kilometer 50 läuft es gut und ich bin mittags, nach gut 100 km am Grenzübergang. Dummerweise begrüße ich nur den verwunderten Grenzbeamten und reise noch nicht aus, sondern trinke erst noch drei Cola an der Bude nebenan. Mein Fehler. Als ich wenig später zurückkomme ist der Grenzübergang bis nach dem Nachmittagsgebet geschlossen. Jetzt muss ich hier an der Bude drei Stunden totschlagen. Dabei lief es doch nun so gut...
Um 15:00 Uhr mault mich dann ein lustloser, verschlafener Grenzer an, wo meine Fahrzeugpapiere sind? Wie, Fahrzeugpapiere? Na, die Fahrzeugpapiere und die Fahrgestellnummer. Keine Papiere - dann gibt es auch keine Weiterfahrt! Ich versuche ruhig zu bleiben. Nach scheinbar endloser Diskussion gibt der schlecht gelaunte Beamte entnervt auf, drückt mir widerwillig den ersehnten Stempel in meinen Pass und ich verschwinde, bevor er es sich wieder anders überlegt.
Vorbei an einer kilometerlangen LKW-Schlange, die auf ihre Einreise nach Djibouti wartet, fliege ich wie entfesselt dem äthiopischen Grenzposten entgegen. Es kann alles nur besser werden.
Das wird es dann auch. Freundliche Grenzbeamte empfangen mich wenige Kilometer später in bestem Englisch. Ich werde bevorzugt behandelt, bekomme umgehend meinen Einreisestempel und einige gute Tipps für die Reise. Mit Schulterklopfen und den besten Wünschen für meine weitere Fahrt werde ich dann verabschiedet.
Die Landschaft kommt mir sogleich schöner vor. Tatsächlich fahre ich wie von selbst und genieße singend die karge Steppenlandschaft, die Nachmittagssonne und den Rückenwind. Die Straße ist erstklassig und nur ab und an kommt mir hupend ein Truck entgegen. Jedes Mal wird mir vom Fahrer anerkennend der nach oben gerichtete Daumen entgegengestreckt.
Ich passiere Kamelherden. Ein totes Kamel am Straßenrand hat riesige Geier angelockt, die glücklicherweise Platz machen, als ich vorbeifahre.
Wenig später sehe ich unweit von der Straße eine barbusige Feuerholzsammlerin und falle schockiert fast vom Rad. (Drei Jahre frauenfreies Jemen gehen auch nicht spurlos an einem vorüber)
Auf den letzten Kilometern muss ich noch zwei Pässe überwinden, dann habe ich endlich mein Etappenziel Dichtoto, es ist bereits dunkel, erreicht. Zwar ist Dichtoto nur ein kleines Nest am Rand der Strasse, aber immerhin das einzige Nest weit und breit. Ich finde eine spartanische, aber saubere und liebevoll hergerichtete Unterkunft mit Gemeinschaftsdusche (für 1 $) und falle halb tot ins Bett.
Tagesbilanz: 146 km, Wasserverbrauch 8 Liter.

 

 

Afar 

 

Ich bin fix und fertig. Nach meiner Karte hätten es bis Mille nur ca. 30 km sein sollen. Also, ein prima Frühstücksstopp. Am Ende sind es 82 geworden. Doch nicht nur zeitlich lag ich voll daneben, sondern auch mit meinem Wasservorrat. Der ist nämlich am Ende, und ich bin es auch. Ich muss wohl ein sehr bemitleidenswertes Bild abgeben, wie ich mich so lust- und kraftlos über den Asphalt quäle. Jedenfalls hält bei Kilometer 50 ein entgegenkommender Lastwagen an und der Fahrer schenkt mir zwei Orangen. Dankbar falle ich über die Früchte her und finde wieder neuen Mut und Kraft. Nach weiteren 10 km geht mir das Wasser völlig aus. Die Sonne brennt, es sind 45 Grad und kein Dorf in Sicht. Als mir wieder ein Truck entgegenkommt, halte ich eine meiner leeren Trinkflaschen in die Höhe und der LKW hält auch sofort an. Vom Fahrer bekomme ich lächelnd eine Flasche herrlich kühles Wasser gereicht. Nach weiteren 10 km bekomme ich unaufgefordert von einem anderen Trucker eine weitere Flasche Wasser und drei Orangen geschenkt. Ich muss wohl immer noch einen hoffnungslosen Eindruck machen.
Landschaftlich bekomme ich wenig Abwechslungsreiches zu sehen. Trockene und fruchtlose Steppe mit leichten felsigen Hügeln so weit das Auge reicht. Dennoch, dieses Gebiet, die Afar-Region, ist menschheitsgeschichtlich von größter Bedeutung. Hier wurde 1974 Lucy entdeckt. Es wird erzählt, man habe gerade den Beatles-Song Lucy in the sky with diamonds gehört, als man auf menschliche Knochen stieß. Wie auch immer, Fakt ist jedenfalls, Lucy heißt eigentlich Australopithicus afarensis, ist unvorstellbare 3,2 Millionen Jahre alt und konnte bereits zu ihrer Zeit aufrecht gehen und gilt somit als menschlich. Nirgendwo anders hatte man solche alten menschliche Knochen gefunden. Aufgrund diesen sensationellen Fundes und weiteren bedeutsamen in diesem Gebiet, geht man heute davon aus, dass hier der Mensch seinen Ursprung hatte, dass hier in Äthiopien die Wiege der Menschheit gestanden haben muss.

Lucy selber kann man im Kellergeschoss des National Museum in Addis Abeba persönlich kennen lernen.

 

 

Awash Nationalpark

 

Im Nationalpark war ich selber nicht. Das ist aber auch nicht nötig, da die Straße so oder so durch den Park führt und man mit ein wenig Glück auch von hier aus viele Tiere sehen kann; besonders, wenn man morgens früh mit dem Fahrrad unterwegs ist. Also verlasse ich das Städtchen Awash (mit einem herrlichen Hotel im Kolonialstil) noch vor Sonnenaufgang. Und tatsächlich, kurze Zeit später läuft eine Herde Antilopen neben mir her und ein Straußenpaar kommt mir entgegen. 

 

 

Auch sind bereits viele Greifvögel unterwegs und fliegen die Strasse auf der Suche nach nächtlichen Unfallopfer ab. Später bemerke ich eine Horde Paviane, die sich am Straßenrand versammelt haben. Ich stoppe in respektabler Entfernung, da die Affen scheinbar nicht die Straße freigeben wollen und ich besonders vor den bärenstarken Männchen einen Höllenrespekt habe. Zum Glück kommt nach einigen Minuten dröhnend und hupend ein Truck die Straße entlang und die Affen nehmen schimpfend Reißaus. Auch ich gebe jetzt Gas.
Später am Morgen passiere ich noch drei kleiner Seen, wo ich eine Pause einlege und zwei Krokodilen bei ihrem Raubzug zusehen kann.

 

 

                                                                Addis Abeba, 25. Oktober 2004

 

 

 

Die Schnellsten der Welt (18. Tag)

 

Da quält man sich die Berge nach Addis Abeba hoch (2.400 m) und denkt: "Geschafft, von nun an geht es bergab", aber von wegen, da geht es hinter Addis sogar noch höher hinauf. Die Straße Richtung Norden windet sich bis auf 2.800 Meter, um sich dann Hunderte von Kilometern über eine hügelige Hochebene zu schlängeln.

 

 

Ich bin also einigermaßen geschockt, als es hinter Addis keine schnelle Abfahrt gibt. Schweißtriefend stampfe ich die Serpentinen hinauf. Plötzlich sehe ich sie und versuche sofort Haltung zu bewahren: Eine Gruppe athletischer Läufer, alle im modischen Laufdress beim Aufwärmen. Hier trainieren sie also, die Besten der Besten, die schnellsten Langstreckenläufer der Welt. Diesmal bin ich es, der bewundernd den Daumen reckt, Langatmigkeit vortäuscht und grüßend an der Gruppe vorbei fahre. Man winkt und klatscht mir freudig zu. Überflüssig zu erwähnen, dass ich wenige Minuten später von der Gruppe leichtfüßig und in einem Höllentempo überholt werde. Irre! Respekt!

 

 

Die Nilschlucht

 

Wie gesagt, es gibt hinter Addis keine längere Abfahrten. Die nächsten 800 Kilometer liegen immer auf einer Höhe von 2.300 bis 2.600 Metern - mit einer Ausnahme, der Nilschlucht. Die Straße kreuzt 200 km hinter Addis den Blauen Nil (einer der beiden Quellflüsse des Nils), der hier in einem Canyon verläuft. Also geht es von 2.500 Metern auf 1.100 Metern hinunter und dann wieder hinauf. Und als wenn das nicht reichen würde für den geplagten Radfahrer, ist genau dieses Gefäll/Anstiegsstück keine Teerstrasse mehr, sondern staubigster Schotter vom Gröbsten. 

 

 

Zum Glück traf ich tags zuvor auf Mike aus Schottland, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist, und so motivieren wir uns bei dem 15 km langem Anstieg gegenseitig. Noch nie bin ich so einen Anstieg gefahren. Es gibt nicht einen Meter flaches Teilstück zum Durchatmen, stattdessen brennend heiße Sonne, Staub und der widerliche grobe Schotter, der einem neben der körperlichen Anstrengung auch noch alle Konzentration abverlangt. Nach vier Stunden härtester Arbeit haben wir es dann aber geschafft und stehen kraftlos, durstig und sonnenverbrand wieder in 2.500 Metern Höhe. Das Dorf in Gipfelnähe bietet zwar nur winzige Zimmer und ein ekelerregende Sammelklo zu einem Wucherpreis, aber es ist uns egal. Das Schlimmste liegt hinter uns.

 

 

You, you, Mister!

 

Am nächsten Tag trennen sich Mikes und mein Weg. Das Ziel ist zwar das selbe, der Tana-See, aber ich will unbedingt die Teerstrasse fahren, die zwar länger und hügeliger sein soll als die kürzere und flachere Schotterpiste, für die sich Mike entschieden hatte. In drei Tagen sehen wir, wer schneller ist. Nach der ersten Tagesetappe bereue ich schon meine Entscheidung. Es geht nur rauf und runter und der Gegenwind ist auch nicht zu verachten.

 

 

Doch das Schlimmste sind die Kinder in den Dörfern. Wurde ich bislang nur wortlos bestaunt, oder freundlich begrüßt, ist nun von Zurückhaltung und Respekt nichts mehr zu spüren. Dreißig, vierzig Kinder rennen mir bei den Dorfdurchfahrten schreiend nach Pen oder Money hinterher. Am Anfang lächle ich noch versöhnlich, aber auf Dauer nervt es. Je weiter nördlicher ich komme, um so schlimmer scheint es zu werden. Scharen von Kinder und Jugendlichen treiben mich wie einen Tanzbären durch die Dörfer. Die ersten Steine fliegen. Durch das Grölen der Kinder dringt das Lachen der Erwachsenden, die tatenlos am Straßenrand stehen und dem Spektakel zusehen. O.K., kann sein, dass die Leute im Norden nie jemanden grüßen, und schon gar keinen Fremden, auch ist mir klar, dass Steinwerfen völlig alltäglich ist, weil so die Ziegen und Schafe von den Kindern zusammengehalten werden; trotzdem, ich bin verdammt noch mal keine Ziege, kein Schaf und keine Zirkusattraktion.

 

 

Kann natürlich auch sein, dass meine Nerven nur deshalb blank liegen, weil ich seit Tagen nichts "Vernünftiges" mehr gegessen habe. Morgens, mittags und abends immer nur Injera, da muss man sich ja nicht wundern... (Injera ist ein saures Fladenbrot, dass nicht nur eine verblüffende optische Ähnlichkeit mit einem dünnen Schwamm hat, sondern Injera schmeckt zudem auch so)
Wie dem auch sei, zwei Tage später, nach lächerlichen 20 Kilometern, gebe ich völlig entnervt auf, steige vom Rad, halte den Bus an, der mich gerade überholen will und lasse mich mitnehmen. Im Bus, ich bin noch nicht ganz drin, geht das You, you, Mister! Give me Money! wieder los. Ich kann nicht mehr.
Ich lasse mich nach Bahir Dar, der nächst größeren Stadt bringen, nehme mir ein anständiges Zimmer, dusche ausgiebig und schließe mich für den Rest des Tages ein.
Ich bleibe noch zwei Tage, vertilge einige Portionen Spagetti und überspringe zudem zwei weitere Radetappen und fahre mit dem Bus weiter nach Gonder, meine letzte größere Stadt in Äthiopien. Von hier aus geht hoffentlich eine möglichst einsame Strasse (von mir aus auch eine Schotterpiste) ins sudanesische Grenzgebiet.
Schade, dass meine Äthiopiendurchfahrt so enden muss. Denn eigentlich ist Äthiopien ein wunderschönes (und absolut sicheres) Land mit eigentlich sehr freundlichen Menschen - sofern man nicht mit dem Fahrrad im Norden unterwegs ist.

 

Gonder, 4. November 2004

 

 

Sudan