Ägypten_______                                                                       __
                                                                                1.12. - 18.12.2004

 

 

Kulturschock (54. Tag)

 

Ägypten ist doof. Nix darf man. Jedenfalls nicht reisen auf eigene Faust. Alle motorisierten ausländischen Selbstfahrer müssen im gesicherten Militärconvoy fahren. Aus Sicherheitsgründen. Als Radfahrer komme ich da natürlich nicht mit und erhalte deswegen Fahrverbot. Dies gilt zwar nur für Halbägypten, aber natürlich ausgerechnet für den Teil, den ich durchfahren muss. Also stelle ich mich darauf ein, die Strecke Aswan - Luxor - Hurghada mit dem Touristenbus zurücklegen zu müssen.

In meinem nächsten Leben komme ich als Pauschaltourist auf die Welt und werde mich dann sicher auch an diesem Land erfreuen können...

Aber der Reihe nach.

 

Reisende, die vom Sudan einreisen wollen, haben nur eine Möglichkeit: Mit dem wöchentlichen Schiff von Wadi Halfa (Sudan) über den Nasser-See nach Aswan (Ägypten).

Der See entstand in den späten sechziger Jahren, als man in Aswan den seinerzeit größten Staudamm der Welt errichtete und dafür das Nilwasser aufstaute. Dabei vergaß (oder ignorierte) man die alten Tempel, die dem allmählich ansteigenden Nilwasser zum Opfer fielen. In einem spektakulären Wettlauf mit der Zeit gelang es dennoch den Vereinten Nationen einige Kulturschätze zu retten. Abu Simbel ist wohl das bekannteste Bauwerk, was komplett auseinandergeschnitten und weiter höher am Ufer wieder Stein für Stein zusammengesetzt wurde.

 

 

Dass erst andere Länder eingreifen mussten, und den Ägyptern die Erhaltung ihrer eigenen Kultur nicht wichtig erschien, verblüffte mich anfangs sehr. Doch inzwischen habe ich die Ägypter kennen gelernt und mich wundert gar nichts mehr...

Doch zurück zur Überfahrt. Fast 20 Stunden benötigt unser Schiff den See der Länge nach zu Durchqueren. Doch bevor man diese Reise antreten darf, kommt man zu dem Vergnügen sich ein Fahrschein kaufen zu müssen. Und das geht ungefähr so:

Als Erstes sucht man das Büro der Fährgesellschaft auf und kauft sich dort ein Ticket. Dann begibt man sich damit zur Polizei zur Visumskontrolle. Wer kein gültiges Visum vorweisen kann, darf zurück auf Los (in diesem Falle Khartoum) und muss eine Woche aussetzen. Dann rückt man vor zu einem weiteren Büro um die Ausreisesteuer zu entrichten. Anschließend geht es zu einem weiteren Büro, wo man ein Formular zur Ausreise bekommt, dass dann im Hafen abgegeben wird. Natürlich sind bei jeder Station Gebühren fällig. Wer übrigens die Kosten der ganzen Prozedur unterschätzt hat, so wie wir, muss zwischendurch aussetzen, zurück zur Bank gehen und Geld tauschen, um sich anschließend wieder in der Warteschlange hinten anzustellen. Und wer wie ich glaubt, ein Fahrrad würde umsonst mitgenommen irrt nicht nur, sondern darf noch einmal los und sich ein Ticket fürs Fahrrad kaufen.

Die Überfahrt hingegen ist dann problemlos. Das Schiff ist entgegen unseren Befürchtungen nicht überfüllt und wir haben an Deck genug Platz unsere Schlafsäcke auszurollen. Mit der obligatorischen Verspätung (es gab Probleme beim Verladen) verlassen wir den Sudan und legen am anderen Tag in Aswan an. Die Verzögerung beim Verlassen des Schiffes ist allerdings nicht nachvollziehbar und stellt uns auf eine harte Geduldsprobe. Obwohl unsere Papiere bereits vor zwei Stunden überprüft wurden, dürfen wir nicht von Bord. Erst wenn die Formalitäten ALLER Passagiere erledigt sind, so die ägyptischen Behörden, dürfen alle (gleichzeitig) von Bord. Willkommen in Ägypten! Hinter vorgehaltener Hand wird mir versichert, dass sich diese Schikane nicht gegen die Touristen richtet, sondern nur gegen die unliebsamen sudanesischen Nachbarn. Auch nett! Doch leider muss ich in den nächsten Tagen feststellen, dass dies nicht ganz stimmt, und dass auch Touristen hier meist mies behandelt werden.

In Aswan angekommen erwischt mich ein heftiger Kulturschock. Alles ist anders. Das Leben ist auf einmal laut, schnell und schrill. Die eigentlich sehr schön am Nil gelegene Stadt ist modern, laut, geschäftig und vor allen Dingen touristisch. Es ist völlig unmöglich auch nur eine Minute durch die Stadt oder gar auf der Uferpromenade entlang zu schlendern, ohne von Geldwechslern, Felucakapitänen, Souvenirläden- oder Restaurantbesitzern und anderen "Freunden" angesprochen zu werden. Mein Lächeln bei der dankenden Ablehnung verfliegt spätestens bei der zweihundertsten Frage nach meinem Namen und meiner Email-Adresse. Kann auch sein, dass eine verschleppte und nun durchbrechende Erkältung Schuld daran ist, dass ich spätestens nachmittags pampig reagiere. Ich will nun nur eins: Raus hier! Aber das geht nicht. Zuerst muss ich meine Erkältung in den Griff bekommen und vor allen Dingen meinen defekten Brems/Schalthebel reparieren. So beschließen Karel, Sebastian und ich noch ein paar Tage zu bleiben. Während die beiden unerschrocken die Stadt erforschen, ich bin froh, dass mich die Reparatur fast drei Tage ans nette Dachrestaurant unseres Hotels fesselt und ich nur wenig auf die Straße muss.


An alle Shimano STI-Besitzer: Laut meiner Recherche im Internet bin ich wohl der erste Mensch der Welt , dem es gelungen ist, einen STI-Brems/Schaltgriff komplett auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu bauen. Kein Wunder, das Ding ist so kompliziert, dass eine Schweizer Uhr Kinderkram dagegen ist. Laut Shimano lässt sich das Wunderwerk nicht reparieren und wird im Werk ausschließlich von Robotern zusammengebaut. Ich werde diesem gigantischen Projekt eine ganze Homepage widmen, wenn ich wieder zu Hause bin.


 

 

 

Fahrverbot

 

Als Mensch und Maschine nach vier Tagen wieder fit sind, sage ich meinen lieben Reisepartnern Lebewohl und mache mich wieder auf den Weg - trotz Fahrverbot mit dem Fahrrad :-)

Tatsächlich passiere ich den ersten Militärposten ohne dass man mich wahrnimmt. Doch in Wirklichkeit werde ich Minuten später von einem Polizeiwagen angehalten. Die Polizisten sind sehr freundlich, aber auch sehr bestimmt. So Leid es ihnen tut, aber weiterfahren darf ich leider nicht. Wir fangen an zu diskutieren - in Arabisch und das bringt mir Pluspunkte ein. Am Ende wird noch lange telefoniert und dann darf ich doch fahren. Aber nur, weil ich alleine bin. Eine Gruppe wäre hingen ein zu großes Sicherheitsrisiko und dürfte nicht passieren, weil Anschläge oder Entführungen zu befürchten sind. Nur gut, dass ich für die ägyptischen Behörden entbehrlich bin.

Trotzdem, die Fahrt ins nahe Komombo und tags darauf nach Edfu sind keine Entspannung. Immer wieder halten mich Polizisten an und immer wieder gibt es Diskussionen. Das ändert sich erst, als ich bei Edfu auf die andere Nilseite wechsle. Denn dort gibt es auch eine Strasse, die ist kleiner mit weniger Verkehr und vor allen Dingen polizeifrei. Hier kann ich endlich das Radfahren genießen - einen Tag lang, bis Luxor.

 

 

Luxor ist zwar etwas weniger touristisch als Aswan (wer hätte das gedacht?), aber immer noch genug für mich. Aufdringliche Verkäufer und die übliche Touristenabzocke (selbst für Tee und Ful zahlt man Phantasiebeträge) veranlassen mich die Pharaonengräber und Tempel schnell abzuhaken, was übrigens mit dem Fahrrad am Besten klappt. 

 

 

Bereits zwei Tage später bin ich wieder auf der Straße. Richtung Hurghada, Rotes Meer. Diesmal aber im Reisebus, denn die Polizei in Luxor versteht leider keinen Spaß.

In Hurghada angekommen suche ich mir sogleich ein Zimmer, deponiere dort meine Sachen und mein Fahrrad und sitze wenig später mit leichtem Gepäck im Nachtbus nach Kairo. Ich brauche unbedingt noch ein Visum für Syrien, bevor ich weiterreise. Das gibt es nur noch in Kairo. Letzte Chance also.

Ich rechne mir aus, morgens anzukommen und, wenn alles gut läuft, noch am Nachmittag wieder zurückfahren zu können. Ist natürlich Quatsch, auch wenn Ägypten anders ist, als alle anderen arabischen Länder die ich kenne, so ist es dennoch ein arabisches Land. Soll heißen: Ich brauche letztendlich drei volle Tage, und ein Multiple-Entry-Visum wird mir zudem auch verweigert. Das bedeutet, dass ich nicht in den Libanon kann. Genauer gesagt, ich könnte nicht aus dem Libanon wieder ausreisen, da ich dazu nämlich wieder nach Syrien einreisen müsste, was aber mit meinem einfachen Visum nicht geht.

 

 

Sinai (68. Tag)

 

Zurück in Hurghada tauche ich zweimal unter und komme zu dem Schluss, dass hier das Tauchen genauso langweilig und touristisch ist wie alles andere und fahre am nächsten Morgen mit der Fähre übers Rote Meer auf den Sinai. Hier wird hoffentlich alles anders. Wird es auch. Ich kann endlich wieder Radfahren, so wie ich will. Nur der Wind hat sich nicht geändert. Er kommt nach wie vor von vorne - und zwar heftig.

Dennoch, die vegetationslose, felsige und hügelige Landschaft mit ihrer guten Teerstraße bei frühlingshaften Temperaturen sind ein Radfahrerparadies.

 

 

Die Touristenstadt Sharm-el-Sheik habe ich schnell und ohne Reue hinter mir gelassen und laufe am Abend in Dahab ein. Und das ist es dann endlich, der Ort den ich lange in Ägypten gesucht habe. Dort, wo man Ausspannen und Abhängen kann ohne permanent und primitiv angemacht zu werden. Dazu gibt es gutes Essen und nette Hotels zu akzeptablen Preisen, wenig Touristen und phantastische und anspruchsvolle Tauchplätze. Hier bleibe ich gerne ein paar Tage und habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen, obwohl mein Zeitplan inzwischen eng geworden ist. Denn leider habe ich wieder ein großes Problem mit meinem Fahrrad. Beim Versuch einen Schlag im Hinterrad durch Nachspannen der Speichen zu beheben, stelle ich fest, dass meine Alufelge an mehren Stellen gerissen ist. Eine Weiterfahrt ist völlig unmöglich, ich brauche zuerst eine neue Felge. Nach viel Lauferei gelingt es mir eine gebrauchte chinesische Felge zu einem Wucherpreis zu erstehen, die ungefähr passt. Anstatt also noch einmal einen herrlichen Tauchtag zu erleben, habe ich heute den halben Tag im Garten meines Hotels gesessen und mein Hinterrad neu eingespeicht. Trotzdem, Glück gehabt!

Morgen, sehr früh, soll es dann nach Nuweiba gehen, wo ich hoffentlich sofort ein Schiff nach Aqaba, Jordanien erwische.

 

Gruß in meine Heimat

 

Dahab, 18.12.2004

 

 

Jordanien