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Kulturschock (54. Tag)
Ägypten ist doof. Nix darf man. Jedenfalls
nicht reisen auf eigene Faust. Alle motorisierten
ausländischen Selbstfahrer müssen im gesicherten
Militärconvoy fahren. Aus Sicherheitsgründen. Als
Radfahrer komme ich da natürlich nicht mit und erhalte
deswegen Fahrverbot. Dies gilt zwar nur für
Halbägypten, aber natürlich ausgerechnet für
den Teil, den ich durchfahren muss. Also stelle ich mich darauf ein,
die Strecke Aswan - Luxor - Hurghada mit dem Touristenbus
zurücklegen zu müssen.
In meinem nächsten Leben komme ich als
Pauschaltourist auf die Welt und werde mich dann sicher auch an diesem
Land erfreuen können...
Aber der Reihe nach.
Reisende, die vom Sudan einreisen wollen, haben nur
eine Möglichkeit: Mit dem wöchentlichen Schiff von
Wadi Halfa (Sudan) über den Nasser-See nach Aswan
(Ägypten).
Der
See entstand in den späten sechziger Jahren, als man in Aswan
den
seinerzeit größten Staudamm der Welt errichtete und
dafür das Nilwasser aufstaute. Dabei vergaß (oder
ignorierte) man die alten Tempel, die dem allmählich
ansteigenden
Nilwasser zum Opfer fielen. In einem spektakulären Wettlauf
mit
der Zeit gelang es dennoch den Vereinten Nationen einige
Kulturschätze zu retten. Abu Simbel ist wohl das bekannteste
Bauwerk, was komplett auseinandergeschnitten und weiter höher
am
Ufer wieder Stein für Stein zusammengesetzt wurde.

Dass erst andere Länder eingreifen
mussten, und den Ägyptern die Erhaltung ihrer eigenen Kultur
nicht wichtig erschien, verblüffte mich anfangs sehr. Doch
inzwischen habe ich die Ägypter kennen gelernt und mich
wundert gar nichts mehr...
Doch
zurück zur Überfahrt. Fast 20 Stunden
benötigt unser
Schiff den See der Länge nach zu Durchqueren. Doch bevor man
diese
Reise antreten darf, kommt man zu dem Vergnügen sich ein
Fahrschein kaufen zu müssen. Und das geht ungefähr so:
Als
Erstes sucht man das Büro der Fährgesellschaft auf
und kauft
sich dort ein Ticket. Dann begibt man sich damit zur Polizei zur
Visumskontrolle. Wer kein gültiges Visum vorweisen kann, darf
zurück auf Los (in diesem Falle Khartoum) und muss eine Woche
aussetzen. Dann rückt man vor zu einem weiteren Büro
um die
Ausreisesteuer zu entrichten. Anschließend geht es zu einem
weiteren Büro, wo man ein Formular zur Ausreise bekommt, dass
dann
im Hafen abgegeben wird. Natürlich sind bei jeder
Station
Gebühren fällig. Wer übrigens die Kosten der
ganzen
Prozedur unterschätzt hat, so wie wir, muss zwischendurch
aussetzen, zurück zur Bank gehen und Geld tauschen, um sich
anschließend wieder in der Warteschlange hinten
anzustellen. Und wer wie
ich glaubt, ein Fahrrad würde umsonst mitgenommen irrt nicht
nur,
sondern darf noch einmal los und sich ein Ticket fürs Fahrrad
kaufen.
Die Überfahrt hingegen ist dann
problemlos. Das Schiff ist entgegen unseren Befürchtungen
nicht überfüllt und wir haben an Deck genug Platz
unsere Schlafsäcke auszurollen. Mit der obligatorischen
Verspätung (es gab Probleme beim Verladen) verlassen wir den
Sudan und legen am anderen Tag in Aswan an. Die Verzögerung
beim Verlassen des Schiffes ist allerdings nicht nachvollziehbar und
stellt uns auf eine harte Geduldsprobe. Obwohl unsere Papiere bereits
vor zwei Stunden überprüft wurden, dürfen
wir nicht von Bord. Erst wenn die Formalitäten ALLER
Passagiere erledigt sind, so die ägyptischen
Behörden, dürfen alle (gleichzeitig) von Bord.
Willkommen in Ägypten! Hinter vorgehaltener Hand wird mir
versichert, dass sich diese Schikane nicht gegen die Touristen richtet,
sondern nur gegen die unliebsamen sudanesischen Nachbarn. Auch nett!
Doch leider muss ich in den nächsten Tagen feststellen, dass
dies nicht ganz stimmt, und dass auch Touristen hier meist mies
behandelt werden.
In
Aswan angekommen erwischt mich ein heftiger Kulturschock. Alles ist
anders. Das Leben ist auf einmal laut, schnell und schrill. Die
eigentlich sehr schön am Nil gelegene Stadt ist modern, laut,
geschäftig und vor allen Dingen touristisch. Es ist
völlig
unmöglich auch nur eine Minute durch die Stadt oder gar auf
der
Uferpromenade entlang zu schlendern, ohne von Geldwechslern,
Felucakapitänen, Souvenirläden- oder
Restaurantbesitzern und
anderen "Freunden" angesprochen zu werden. Mein Lächeln bei
der
dankenden Ablehnung verfliegt spätestens bei der
zweihundertsten
Frage nach meinem Namen und meiner Email-Adresse. Kann auch sein, dass
eine verschleppte und nun durchbrechende Erkältung Schuld
daran
ist, dass ich spätestens nachmittags pampig reagiere. Ich will
nun
nur eins: Raus hier! Aber das geht nicht. Zuerst muss ich meine
Erkältung in den Griff bekommen und vor allen Dingen meinen
defekten Brems/Schalthebel reparieren. So beschließen Karel,
Sebastian und ich noch ein paar Tage zu bleiben. Während die
beiden unerschrocken die Stadt erforschen, ich bin froh, dass mich die
Reparatur fast drei Tage ans nette Dachrestaurant unseres Hotels
fesselt und ich nur wenig auf die Straße muss.
An
alle Shimano STI-Besitzer: Laut meiner Recherche im Internet bin ich
wohl der erste Mensch der Welt , dem es gelungen ist, einen
STI-Brems/Schaltgriff komplett auseinander zu nehmen und wieder
zusammen zu bauen. Kein Wunder, das Ding ist so kompliziert, dass eine
Schweizer Uhr Kinderkram dagegen ist. Laut Shimano lässt sich
das
Wunderwerk nicht reparieren und wird im Werk ausschließlich
von
Robotern zusammengebaut. Ich werde diesem gigantischen Projekt eine
ganze Homepage widmen, wenn ich wieder zu Hause bin.

Fahrverbot
Als Mensch und Maschine nach vier Tagen wieder fit
sind, sage ich meinen lieben Reisepartnern Lebewohl und mache mich
wieder auf den Weg - trotz Fahrverbot mit dem Fahrrad :-)
Tatsächlich passiere ich den ersten
Militärposten ohne dass man mich wahrnimmt. Doch in
Wirklichkeit werde ich Minuten später von einem Polizeiwagen
angehalten. Die Polizisten sind sehr freundlich, aber auch sehr
bestimmt. So Leid es ihnen tut, aber weiterfahren darf ich leider
nicht. Wir fangen an zu diskutieren - in Arabisch und das bringt mir
Pluspunkte ein. Am Ende wird noch lange telefoniert und dann darf ich
doch fahren. Aber nur, weil ich alleine bin. Eine Gruppe wäre
hingen ein zu großes Sicherheitsrisiko und dürfte
nicht passieren, weil Anschläge oder Entführungen zu
befürchten sind. Nur gut, dass ich für die
ägyptischen Behörden entbehrlich bin.
Trotzdem, die Fahrt ins nahe Komombo und tags
darauf nach Edfu sind keine Entspannung. Immer wieder halten mich
Polizisten an und immer wieder gibt es Diskussionen. Das
ändert sich erst, als ich bei Edfu auf die andere Nilseite
wechsle. Denn dort gibt es auch eine Strasse, die ist kleiner mit
weniger Verkehr und vor allen Dingen polizeifrei. Hier kann ich endlich
das Radfahren genießen - einen Tag lang, bis Luxor.

Luxor ist zwar etwas weniger touristisch als Aswan
(wer hätte das gedacht?), aber immer noch genug für
mich. Aufdringliche Verkäufer und die übliche
Touristenabzocke (selbst für Tee und Ful zahlt man
Phantasiebeträge) veranlassen mich die
Pharaonengräber und Tempel schnell abzuhaken, was
übrigens mit dem Fahrrad am Besten klappt.

Bereits zwei Tage später bin ich wieder
auf der Straße. Richtung Hurghada, Rotes
Meer. Diesmal aber im Reisebus, denn die Polizei in Luxor versteht
leider keinen Spaß.
In Hurghada angekommen suche ich mir sogleich ein
Zimmer, deponiere dort meine Sachen und mein Fahrrad und sitze wenig
später mit leichtem Gepäck im Nachtbus nach Kairo.
Ich brauche unbedingt noch ein Visum für Syrien, bevor ich
weiterreise. Das gibt es nur noch in Kairo. Letzte Chance also.
Ich
rechne mir aus, morgens anzukommen und, wenn alles gut läuft,
noch
am Nachmittag wieder zurückfahren zu können. Ist
natürlich Quatsch, auch wenn Ägypten anders ist, als
alle
anderen arabischen Länder die ich kenne, so ist es dennoch ein
arabisches Land. Soll heißen: Ich brauche letztendlich drei
volle
Tage, und ein Multiple-Entry-Visum wird mir zudem auch verweigert. Das
bedeutet, dass ich nicht in den Libanon kann. Genauer gesagt, ich
könnte nicht aus dem Libanon wieder ausreisen, da ich dazu
nämlich wieder nach Syrien einreisen müsste, was aber
mit
meinem einfachen Visum nicht geht.
Sinai
(68. Tag)
Zurück in Hurghada tauche ich zweimal
unter und komme zu dem Schluss, dass hier das Tauchen genauso
langweilig und touristisch ist wie alles andere und fahre am
nächsten Morgen mit der Fähre übers Rote
Meer auf den Sinai. Hier wird hoffentlich alles anders. Wird es auch.
Ich kann endlich wieder Radfahren, so wie ich will. Nur der Wind hat
sich nicht geändert. Er kommt nach wie vor von vorne - und
zwar heftig.
Dennoch, die vegetationslose, felsige und
hügelige Landschaft mit ihrer guten Teerstraße bei
frühlingshaften Temperaturen sind ein Radfahrerparadies.

Die Touristenstadt Sharm-el-Sheik habe ich schnell
und ohne Reue hinter mir gelassen und laufe am Abend in Dahab ein. Und
das ist es dann endlich, der Ort den ich lange in Ägypten
gesucht habe. Dort, wo man Ausspannen und Abhängen kann ohne
permanent und primitiv angemacht zu werden. Dazu gibt es gutes Essen
und nette Hotels zu akzeptablen Preisen, wenig Touristen und
phantastische und anspruchsvolle Tauchplätze. Hier bleibe ich
gerne ein paar Tage und habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen,
obwohl mein Zeitplan inzwischen eng geworden ist. Denn leider habe ich
wieder ein großes Problem mit meinem Fahrrad. Beim Versuch
einen Schlag im Hinterrad durch Nachspannen der Speichen zu beheben,
stelle ich fest, dass meine Alufelge an mehren Stellen gerissen ist.
Eine Weiterfahrt ist völlig unmöglich, ich brauche
zuerst eine neue Felge. Nach viel Lauferei gelingt es mir eine
gebrauchte chinesische Felge zu einem Wucherpreis zu erstehen, die
ungefähr passt. Anstatt also noch einmal einen herrlichen
Tauchtag zu erleben, habe ich heute den halben Tag im Garten meines
Hotels gesessen und mein Hinterrad neu eingespeicht. Trotzdem,
Glück gehabt!
Morgen, sehr früh, soll es dann nach
Nuweiba gehen, wo ich hoffentlich sofort ein Schiff nach Aqaba,
Jordanien erwische.

Gruß in meine Heimat
Dahab, 18.12.2004
Jordanien
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