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Die
Schattenseite Dabei denke ich nicht unbedingt an die zeitraubenden Militärkontrollen auf allen Landstrassen, die nervigen Polizeieskorten auf Streckenabschnitten, die durch kriegerische Stammesgebiete führen, wo es in der Vergangenheit immer wieder Entführungen gegeben hatte, oder an die nächtlichen Hausbewachungen durch Soldaten. Nein, ich denke sofort an den Anschlag von Jibla. Jibla ist ein kleiner aber gut bekannter Ort in unmittelbarer Nähe von Ibb. Jibla liegt gewissermaßen direkt hinter unserem Haus, nur 3 km entfernt. Bekannt ist der Ort wegen seiner Geschichte, seiner malerischen Lage und wegen seinem vorbildlichen kleinen Krankenhaus. Seit über 30 Jahren arbeiten hier amerikanische Baptisten. Obwohl Amerikaner in diesem Land ein sehr schlechtes Ansehen haben, hat die aufopferungsvolle Arbeit dieser Baptisten das Jibla-Hospital im ganzen Land berühmt gemacht. Am Montag, den 30.12.2002 sollte nun auch der Rest der Welt von diesem Krankenhaus im kleinen Jibla erfahren. Am frühen Morgen betrat ein unauffälliger Mann das Krankenhaus. In seinen Armen trug er ein Deckenbündel. Niemand konnte ahnen, dass er in diesen Decken nicht ein wohlbehütetes Baby sondern eine Maschinenpistole verbarg. Gegen 8:00 Uhr trat der Mann in das Versammlungszimmer ein, wo sich um diese Zeit die Ärzte zur Morgenbesprechung zusammenfanden, enthüllte seine Waffe und feuerte auf die Ärzte. Drei amerikanische Ärzte starben im Kugelhagel. Der Mann konnte in dem folgenden Durcheinander fliehen, wurde aber wenige Tage später von der Polizei gefasst. Nach dem ersten Schock war uns Ausländern schlagartig klar, dass so etwas immer wieder vorkommen kann – auch in unserem Krankenhaus. Auch wenn wir Deutsche hier im Jemen ein sehr hohes Ansehen genießen und uns sicher fühlen können, kann man uns im Krankenhaus und auf der Straße auch für Amerikaner halten... Sofort haben wir Deutsche auch deshalb die Anweisung erhalten, aus Sicherheitsgründen die Öffentlichkeit in den nächsten Tagen zu meiden. Außerdem wurden wir angehalten zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen ins Krankenhaus zu fahren. Auch die Militärposten am Krankenhaustor wurden verstärkt. Als der Attentäter ein paar Tage später verhaftet wurde, wurden die Auflagen wieder gelockert und das Leben entspannte sich langsam wieder. Dennoch, man bleibt nachdenklich, besonders wenn man die vielen waffentragende Männer sieht.
Vor ein paar Tagen ist nun auch das Urteil gefällt worden: Der Mann wird öffentlich gehängt und zur Abschreckung drei Tage hängengelassen...
Auf die Frage, wie er zu seiner Tat steht, soll der Attentäter gesagt haben, er würde es jederzeit wieder tun...
Heute morgen (ein halbes Jahr nach dem Anschlag) verlasse ich das Krankenhausgelände um mir in dem Gemischtwarenladen gegenüber vom Krankenhaus eine Cola zu kaufen. Als ich gerade das Tor passiere, sehe ich, wie ein wachhabender Soldat mit einem anderen Mann rangelt. Der Soldat will offenbar in die Plastiktüte des Mannes sehen; der will ihn aber nicht hineingucken lassen. Grinsend und kopfschüttelend gehe ich weiter: In diesem Land ist es normal, dass sich erwachsende Männer wie Straßenjungen prügeln. Als bei dem Handgemenge eine Pistole aus der Plastiktüte auf den Asphalt fällt, grinse ich nicht mehr.
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