|
4.
Tag Den defekten Reifen hatten wir gestern noch reparieren lassen (nach alter Beduinentradition versorgten wir natürlich zuerst unser Toyota-Kamel, bevor wir uns eine Unterkunft suchten). Nun bleibt uns nur noch der Abschied. Achmed hat seinen Auftrag ausgeführt und muss nun wieder zurück, und für mich geht es jetzt alleine weiter. Aber obwohl ich diesen Augenblick so lange ersehnt habe, kann ich mich doch nicht so richtig freuen. Wir haben eine prima Zeit mit einander verbracht, und trotz der Sprachprobleme haben wir uns prächtig verstanden. In den letzten beiden Tagen habe ich nicht nur eine große Hilfe gehabt, sondern auch einen guten Freund gefunden. Mir tut es ein wenig Leid, dass sich nun unsere Wege trennen werden. Offensichtlich geht es Achmed ebenso, denn nach unserer herzlichen Verabschiedung entscheidet er sich spontan, mich noch bis an die Grenze zu bringen. Das ist für ihn ein riesiger Umweg und es wird ihn wahrscheinlich einen ganzen Tag kosten, doch er lässt sich nicht umstimmen. Also starten wir wieder. Die Strasse zur Grenze ist im allerbesten Zustand. Autos begegnen uns keine. Fast wäre uns langweilig geworden, wenn nicht der geflickte Reifen wieder geplatzt wäre. Nach dem Reifenwechsel reiche ich Achmed die Autoschlüssel. Fragend schaut er mich an. „Du lernst jetzt Autofahren“, befehle ich ihm. Ohne zu diskutieren nimmt er stolz die Autoschlüssel und überreicht mir dafür seine Kalaschnikow. Ich erkläre ihm das wesentliche und wir fahren los. (O.K., nicht gleich. Es bedarf schon einiger Startversuche). Das Schalten übernehme ich für erste. Dann folgt das ganze Programm: Herunterschalten vor Kurven, Anfahren am Berg und Bremsen vor Kamelen.
An einem einsamen Militärposten kommt Achmed aber nicht sofort zum Stehen, sondern rollt daran vorbei. Im Rückspiegel sehe ich wie der wachhabende Soldat mit erhobener Maschinenpistole auf die Strasse läuft, als Achmed mit quietschenden Reifen eine Vollbremsung hinlegt. Verärgert kommt der Soldat angelaufen schreit uns schon von Weitem an. Als er aber einen fahrenden Kamerad und einen Ausländer mit Maschinenpistole als Beifahrer sieht, stoppt er völlig verwirrt seinen Redeschwall. Kleinlaut und schuldbewusst erklärt Achmed die Situation. Wohl etwas neidisch lässt uns der Soldat sodann weiterfahren. Lächelnd winke ich noch, als Achmed ruckelnd und stotternd anfährt. Kopfschüttelnd steht der Soldat an der Straße und schaut uns noch lange nach. Der hat heute Abend etwas zu erzählen und wir beide üben später das Bremsen und Anfahren ein wenig ausgiebiger.
Es ist Mittag, als wir diesmal ganz unspektakulär am Schlagbaum des Grenzübergangs zum Halten kommen. Die Grenzformalitäten ziehen sich wie erwartet scheinbar endlos in die Länge. Doch nach zwei Stunden ist es dann endlich soweit. Wir verabschieden uns nun endgültig. Ein Abschiedfoto noch am Schlagbaum, ich stecke Achmed noch etwas Geld zu, und schon habe ich den Jemen hinter mir gelassen und ich befinde mich allein im Niemandsland. Noch 10 km und ich bin im Oman.
Der Grenzübergang auf omanischer Seite ist so, wie ich ihn erwartet habe. Schmucke, saubere Häuser und adrett gekleidete und englischsprechende Grenzbeamten. Freundlich werden meine Papiere überprüft. Weiterfahren ist mir eigentlich nicht erlaubt, da ich keine omanische Versicherung für das Auto habe, darf aber in den unweit entfernten Ort fahren, mir eine Versicherung besorgen um dann wieder zurückzukommen und meinen Pass, der vorerst einbehalten wurde, wieder entgegenzunehmen. Alles kein Problem. Am Nachmittag bin ich dann endlich auch offiziell im Oman eingereist. Nun geht es auf komischerweise schlechter Piste ins 200 km entfernte Thumrai, die erste kleinere Stadt im Oman. Hier trifft man auch auf die lange Wüstenstrasse, die immer geradeaus nach über Tausend Kilometern in der Hauptstadt Maskat endet. Oder aber man wählt die andere Richtung und landet nach achtzig Kilometern bei Salalah am Meer. Wo ich zuerst hinfahren werde, weiß ich noch nicht. Auch wo ich heute übernachte werde, entscheide ich, wenn es soweit ist. Das ist der Luxus des Alleinereisens, und ich werde ihn genießen.
Nach fast zwei einsame Stunden durch monotone, steinige Wüstenlandschaft, beginnt es zu dämmern. Bis jetzt ist mir nicht ein Auto entgegengekommen, habe ich nicht eine Menschenseele gesehen. Spontan beschließe ich die Piste zu verlassen, ein paar hundert Meter in die Sand- und Gerölldünen zu fahren, um dort zu übernachten. Vorsichtig teste ich den Untergrund abseits der Straße an. Nach hundert Metern wird der Untergrund lockerer und ich halte an. „Nein, das sieht nicht gut aus“, sage ich zu mir selbst, und drehe vorsichtig um. Plötzlich sehe ich mich von drei Geländefahrzeugen umzingelt. Ich zucke erschrocken zusammen. „Außerirdische“, denke ich sofort. Nicht nur weil sie sich schnell aus dem Nichts materialisieren konnten, sondern auch weil sie so aussehen. Graue, flache Geländewagen ohne Aufbau und Windschutzscheibe, hinten drauf ein drehbarer Schleudersitz mit davor montierter Strahlenkanone. Dazu die Gestalten: Über einheitlichen Tarnanzügen sind ihre Köpfe komplett mit Tücher verhüllt. Die Augen verdecken dunkle Flieger- oder Motorradbrillen. Die Unsichtbaren. Die Gesichtslosen fragen dann nicht unfreundlich, aber bestimmt, wo ich hin will und checken meine Papiere. So baff über das plötzliche Erscheinen und deren erschreckendes Aussehen mache ich wohl einen minderbemittelten Eindruck auf sie. Jedenfalls gibt mir ihr Anführer im besten Englisch zu verstehen, dass es verboten sein soll in der Wüste zu campen und man eskortiert mich zurück zur Straße. „Ich denke, ich werde heute in Thumrai noch einmal in einem Hotel übernachten.“
|
mehr Bilder (70KB)
|
|
|