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2.
Tag
Bei
Sonnenaufgang wache ich auf. Die Soldaten kochen bereits lärmend Tee. Von
Mücken zerstochen und mit Schmerzen im Rücken rappele ich mich hoch.
Gegen nächtlichen Mückenterror greife ich immer zu meinem Hausrezept:
Ohrenstöpsel. Die helfen zwar nicht gegen Mückenstiche, dafür aber höre
ich das lästige Sirren nicht mehr. Da nicht alle Mittel frei von
Nebenwirkungen sind, bin ich jedes Mal völlig zerstochen. Dafür kann ich
wenigstens gut schlafen. Nur diese Nacht leider nicht, wegen der Rückenschmerzen.
Neugierig untersuche ich mein Nachtlager und finde unter der Matratze
einen dicken Hammer. O.K., es ist noch nicht alles optimal, aber ich habe
noch mehr als zwei Wochen, um mich besser zu organisieren. Immerhin, fünf
Minuten später ist der Sitz wieder eingebaut und ich bin bereits
gewaschen. Ich schlendere gut gelaunt zu den Soldaten hinüber und werde
zu einem Tee eingeladen. Mein soldatischer Begleiter ist schon bestimmt
worden und abmarschbereit.
Drei
Checkpoints später, es ist bereits Mittag, komme ich in Al-Mukalla an. In
der freudigen Erwartung, nun endlich alleine weiter fahren zu können,
mache ich am letzten Checkpoint einen folgenschweren Fehler. Denn auf die
Routinefrage des Soldaten in welchem Hotel ich übernachten werde,
antworte ich wahrheitsgetreu, dass ich nicht in Al-Mukalla bleibe, sondern
in den Oman weiterfahren will. Der eben noch eher gelangweilte Soldat wird
daraufhin hellhörig, runzelt die Stirn und fordert mich auf, rechts heran
zu fahren und den Motor abzustellen. Er müsse erst mit seinem Chef
sprechen. Ich versuche sogleich alles zurückzunehmen, von wegen: „War
nur ein Witz, natürlich bleibe ich im Holiday-Inn!“, aber es ist zu spät.
Sekunden später weiß der ganze Kontrollposten, dass ich alleine (gefährlich!)
in den Oman (ganz gefährlich!!) will. Ich bin wütend auf mich selbst und
schwöre mir in Zukunft niemals mehr die Wahrheit zu sagen, wenn mir ein
Mensch in Uniform eine Frage stellt.
Minuten
später schaltet sich der Chef selber ein. Eine Fahrt in den Oman sei völlig
unmöglich und wenn vielleicht doch, dann nur unter Militärschutz. Das müsse
aber in der Polizeizentrale in Al-Mukalla entschieden werden. Ein Askari
wird mich dorthin begleiten. Kaum zu erwähnen, dass von meinem
freundlichen „Danke, ist doch nicht nötig. Ich kenne den Weg“ keiner
etwas hören will.
So
lande ich also auf der Polizeistation von Al-Mukalla. Da ich unbedingt
alleine weiterfahren will und Militärschutz für absolut überflüssig
halte, habe ich in den nächsten zwei Stunden das Vergnügen nacheinander
mit allen mehr oder weniger verantwortlichen Polizeichefs zu
diskutieren.
Welche
Verantwortlichkeiten die unterschiedlichen Chefs nun haben, ist mir nicht
zugänglich; die Situation ist aber immer die gleiche: In den karg
ausgestatteten Büroräumen liegen mir jedes Mal träge Männer mit dicken
Qatbacken gegenüber. Der zerschlissene Teppich, auf dem sie ruhen, ist
übersät mit Qatblättern. Über ihnen ächzt ein altersschwacher
Deckenventilator. Die Männer sehen immer sehr abgerissen und verwegen
aus, eher wie langjährige Gefängnisinsassen, bar jeder Hoffnung, als wie
respektierliche Staatsbedienstete. Der Abteilungsleiter ist stets an dem
Telefon zu erkennen, das vor ihm neben seiner Plastiktüte mit dem Qat
steht. Ansonsten sind die Räume meist leer. Freundlich werden mein Askari
und ich jedes Mal begrüßt und aufgefordert doch Platz zunehmen und ihnen
Gesellschaft zu leisten. Schon wird mir Qat angeboten. Freundlich lehne
ich ab und versuche völlig unarabisch möglichst schnell auf den Punkt zu
kommen. Jedes Mal werde ich verständnisvoll und wohlwollend angehört und
jedes Mal pflichtet mir der wohlgesonnene Chef bei. Aber jedes Mal gibt es
da auch einen jungen Schnösel in der Runde, der immer alles besser weiß
und seinem Abteilungsleiter ein schlechtes Gewissen einredet. Gibt der
Chef den Argumente seines Adjutanten dann achselzuckend nach und schickt
mich zum nächsten Chef, liegt in der nächsten Qatrunde wieder so ein Heißsporn,
der mir die Tour vermasselt. Mein Askari ergreift zwar jedes Mal
freundlich Partei für mich, lächelt aber auch, wenn das Palaver
vergebens war und wir zum nächsten Direktor müssen. Ich glaube, der will
nur mit mir in den Oman.
In
der vierten Runde, ein junger Besserwisser will gerade den Mund aufmachen,
winke ich nur noch ab und frage ohne Umschweife wo der Soldat ist, der mich in den Oman begleiten soll.
„Das
bin ich“, sagt lächelnd mein Askari.
Wusste
ich es doch!
Im
Auto machen wir uns nun offiziell bekannt und werfen ein Blick auf die
Karte. Ein dicker Strich schlängelt sich parallel zur Küste nach
Al-Ghayda, nahe der omanischen Grenze. Eine Teerstrasse also. Zwar soll es
einen Grenzübergang in unmittelbarer Nähe an der Küste geben, doch soll
dieser nur für Militär sein. Eine Pistenstrasse führt deshalb von
Al-Ghayda parallel zur Grenze gut 200 km nach Norden, um dann auf eine
andere Piste zu treffen, die vom Hadramaut zu dem zweiten Grenzübergang
Makinat Shihan führt. Mein Reiseführer schweigt sich über die Straßenverhältnisse
dort oben aus und auch auf der Polizei weiß man von nichts. Achmed, mein
Askari, soll mich nun bis Al-Ghayda, an der Küste, begleiten. Richtung
Norden darf ich dann alleine weiterfahren. Ich versuche erst gar nicht
eine Logik in dieser Entscheidung der Polizei zu finden, sondern falte die
Karte zusammen und rechne mir dabei erfreut aus, dass ich die 500 km
Asphaltstraße locker in fünf Stunden fahren kann. Ich werde also heute
Abend in Al-Ghayda sein und morgen kann ich alleine weiter fahren. Yalla,
auf geht´s!
Auf
tatsächlich guter Asphaltstraße geht es aus Al-Mukalla heraus. Einige
Kilometer hinter Al-Mukalla halten wir an einer Tankstelle und ich lasse
den Wagen auftanken. Während ich mir ausrechne, dass wir es mit Allahs
Willen sogar noch bis vor Einbruch der Dunkelheit schaffen könnten, erzählt
mein Askari den neugierigen Männern von der Tankstelle von unserem
Vorhaben. Alle drei schauen dabei zur mir herüber und lachen mich an. Ich
lächle zurück. Freundliche Menschen hier, denke ich.
Fünfhundert
Meter hinter der Tankstelle lächle ich nicht mehr. Die Straße ist
verschwunden. Ich meine nicht, dass wir uns verfahren haben oder, dass die
Teerstraße aufhört und in eine Schotterpiste übergeht, nein, nach einer
Baustelle am Ende der Asphaltstraße gibt es keine Straße mehr. Nicht
einmal eine alte Piste. Etwas verwirrt folge ich ein paar Spurrillen, die
sich in einer weiteren Baustelle verlaufen. Nach langem Suchen in den
Reifenspuren der Baufahrzeugen finden wir eine Spur, die sich in die Berge
hinaufschlängelt. Ohne eine Alternative zu haben, folgen wir der
Spur.
Die
Berge sind stark zerklüftet und es geht im Zickzack auf übelster Piste
die Berge hoch und in tiefen Schluchten wieder hinunter, Richtung landeinwärts
und dann wieder Richtung Meer. Die Landschaft ist atemberaubend. Doch nach
zwei Stunden extremstem Geländefahrens stelle ich fest, dass wir unserem
Ziel nicht einmal 500 Meter näher gekommen sind. Und wieder geht es
bergauf, weg von der Küste. Diesmal direkt auf den höchsten Gipfel zu.
Bislang folge ich immer noch einer Spur, die mir zeigt, dass es trotz
alledem möglich ist hier mit dem Geländewagen zu fahren. Nun aber geht
es auf nackten Fels. Die Spur ist verschwunden, die Richtung unklar. Oben
auf dem Gipfel angekommen steigen wir aus und suchen einen Anhaltspunkt für
einen Weg. Es weht ein starker Wind, es ist frisch, und allmählich geht
die Sonne unter. Da wir bei Dunkelheit in diesem Gelände nicht
weiterfahren können, wir aber auch nicht hier draußen übernachten können,
weil mein Askari keinen Schlafsack besitzt, muss irgendwas passieren.
Schließlich finden wir die Spur wieder und ich folge ihr möglichst zügig.
Es geht überraschender Weise fast nur noch bergab und bei Sonnenuntergang
sind wir tatsächlich aus den Bergen heraus. Die Hoffnung Al-Ghayda doch
noch an diesem Tag zu erreichen habe ich schon aufgegeben, als wir auf
eine kleine Piste treffen und weiter später auf einen kleinen Militärposten
(!?). Immerhin freue ich mich zum ersten Mal einen Checkpoint zu sehen
(und sei er noch so klein und sinnlos). Auch schaut der einsame Soldat
etwas erstaunt, als er uns kommen sieht. Aber immerhin hat er Gutes zu
berichten: In einer halben Stunde könnten wir in der Stadt sein.
Bei
völliger Dunkelheit erreichen wir einen gottverlassenen und
heruntergekommenen Ort. Strassen gibt es nicht und auf der Suche nach
einer Unterkunft fahren wir kreuz und quer zwischen den Häusern hindurch.
Kamele, Ziegen, Schafe und Hunde trotten gelangweilt umher oder wühlen im
Müll. Endlich treffen wir auf den einzigen Fundug, das „Hotel“. Es
ist ein dunkles, mit Brettern vernageltes Geisterhaus. Sieht nicht
einladend aus, aber egal. Wir sind erschöpft. Außerdem haben wir keine
Wahl. Zu zweit können wir nicht im Auto schlafen. Da geteiltes Leid
halbes Leid ist, beschließe ich ebenfalls dort zu übernachten und nicht
wie ursprünglich geplant im Auto. Im Matham nebenan erkundigen wir uns
nach dem Hotelbesitzer und sofort wird ein kleiner Junge losgeschickt um
den Mann zu suchen. Wir bestellen uns inzwischen eine Kleinigkeit zu essen
und klopfen uns den Staub von den Sachen. Während wir auf unsere Bohnen
warten, erfahren wir vom Koch das Wissenswerteste über den Ort und seine
Menschen. Also nicht viel, nur, dass er zum Beispiel Qischn heißt.
„Wie,
Qischn? Ist das hier nicht Al-Ghayda?“
„Nein“,
so erwidert unser Gegenüber lächelnd“, bis nach Al-Ghayda sind es noch
einmal sechs Stunden von hier.“
Na
denn, gute Nacht.
Apropos.
Da wäre noch die Sache mit diesem sogenannten Hotel.
Noch
während des Essens trifft der Besitzer des Hotels ein. 1.500 Rial (ca. 7
€)möchte der Gute für ein Doppelzimmer haben. Ganz schön happig, da
bin ich aber gespannt. Die Spannung bleibt noch ein wenig, da erst der
Mann mit dem Schlüssel gefunden werden muss. Typisch für den Jemen. Doch
endlich taucht er auf und wir werden zu unserem Etablissement geführt.
„Das
Licht geht leider zur Zeit nicht“, und so stolpern wir im Stockdunklen
die Steinstufen hinauf. Dann dürfen wir zwischen zwei Zimmern wählen. Für
mich sehen beide gleich aus. In beiden stehen zwei Metallbettgestelle mit
Schaumstoffmatratzen und sonst nichts. Da fällt die Wahl schwer. Achmed,
mein Askari entscheidet. Der Hotelbesitzer beglückwünscht uns zu der
guten Wahl und überreicht uns noch zwei alte, zerschlissene Decken, die
er im Vorbeigehen aus einem anderen Zimmer hat mitgehen lassen.
Ich
bringe noch etwas Energie auf, um mich über den Preis zu beschweren. Ob
er nicht 150 Rial anstatt 1.500 Rial gemeint hat.
„Nein,
die 1.500 Rial sind O.K, es gibt ja schließlich auch eine Dusche“,
kommt es zurück.
Ich
werde hellhörig. Eine Dusche, das hätte natürlich was... Wir tasten uns
über den dunklen Gang Richtung Hamam, dem Bad.
„Leider
ist auch hier der Lichtschalter etwas kaputt“, sagt der Hotelbesitzer
und rüttelt an dem Schalter herum. Das Licht blitzt mehrmals kurz auf,
bleibt aber nicht an. Besser so. Ich habe genug gesehen. Die Lust auf eine
erfrischende Dusche ist mir vergangen. „Musch muschkila, kein
Problem“, beschwichtige ich den Mann, der nun hartnäckig am Schalter
herumreißt.
„Musch
lasim, nicht nötig“, rede ich auf ihn ein, als er ein altes Wattestäbchen
vom Boden aufliest und damit den Schalter fixiert. Das Licht brennt.
„Vielen
Dank.“
„...und
Wasser haben wir auch.“
Wer
hätte das gedacht.
Ich
beschließe dann doch noch zu duschen. Warum, weiß ich nicht. Immerhin besteht die Gefahr, dass ich nach dem Duschen schmutziger
bin als
vorher.
Gut,
die Tür lässt sich nicht schließen und schwenkt immer wieder auf und außerdem
gibt es keinen Haken, an dem man seine Kleidung und das Handtuch aufhängen
könnte. Sehr ärgerlich. Egal, es gibt Schlimmeres. Dieser Dreck zum
Beispiel. Dieser schmierige, schleimige Siff, über den schon unzählige
Leute vor mir hinweggesehen haben. Aber dennoch ist das gar nichts im
Vergleich zu den Kakerlaken. Über die kann man nun wirklich nicht
hinwegsehen. Nicht weil es so viele sind, sondern weil sie so groß sind,
so unwahrscheinlich groß. Bis heute wusste ich nicht, dass diese Viecher
so groß werden können. So groß wie Mäuse. Während ich dusche (das
Wasser geht tatsächlich) spekuliere ich, wie groß hier wohl erst die Mäuse
sind...
Die
Nacht wird furchtbar. Obwohl ich todmüde bin, kann ich nicht schlafen. Es
ist heiß, die Mücken sirren von einem Ohr zum anderen, die Kakerlaken
haben unter meinem Bett etwas zum Rascheln gefunden und neben mir
schnarcht lautstark mein Beschützer. Jetzt bräuchte ich meine Ohrenstöpsel.
Die, die unten im Auto sind. Die, die ich nicht holen kann, weil meine
Taschenlampe ebenfalls unten im Auto ist. Ich ziehe mir die Stinkedecke über
den Kopf – es wird mir zu warm. Ich versuche wegzuhören – geht nicht.
Ich versuche mir Zipfel von meinem zweiten T-Shirt ins Ohr zu stecken und
komme mir vor wie Mr. Bean. Ich wälze mich hin und her und werde fast
verrückt. Habe ich denn wirklich keine Lampe? Oder wenigstens ein
Feuerzeug? Ich krame verzweifelt in meinen Sachen, obwohl ich genau weiß,
dass es hoffnungslos ist. Tja, wäre ich jetzt Raucher, hätte ich auch
ein Feuerzeug. Vor allen Dingen würde ich mir jetzt erst mal eine
anstecken.
Irgendwann
habe ich dann die Idee. Ich krame in der Dunkelheit nach meinen Notizblättern,
reiße zwei Stücke davon ab, kaue sie mir weich und drücke sie in die
Ohren. Hört sich eklig an – ist es auch. Aber immerhin: es
funktioniert. Ich lausche noch einmal angestrengt und bin Sekunden später
eingeschlafen.
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