Der OP-Tisch (Ein Positivbericht)

Heute ist mein 2. Tag im Krankenhaus nach der Rückkehr aus dem Zwangsurlaub. Den März und April 2003 verbrachte ich wie fast alle Deutsche im Jemen in Deutschland. Es war die Zeit des Irakkrieges, und da auch hier Anschläge auf Ausländer zu befürchten waren, wurden wir nach Hause geschickt.

 

Gestern bereitete man mir im Krankenhaus einen herzlichen Empfang mit viel Händeschütteln und Schulterklopfen. Zum Arbeiten kam ich gar nicht, weil meine Kollegen und ich uns viel zu erzählen hatten. Außerdem verteilte ich meine Sachmittelhilfe, die in der Zwischenzeit aus Deutschland angekommen war. Meine Organisation hatte eine neue Werkstatteinrichtung finanziert und jedem Techniker sein eigenes Werkzeug.

Nachdem wir nun heute die Handhabung der Werkzeuge und Messgeräte besprochen hatten, wollten wir mal wieder richtig arbeiten. Die Reparatur eines OP-Tisches stand an.

 

Meine Jungs nahmen stolz ihre neuen Werkzeugkästen und wir gingen gemeinsam in den Operationsraum. Die Höhenverstellung des Tisches sollte defekt sein, aber das erste was uns auffiel war, dass der Tisch kolossal schief stand. Die Patienten mussten eigentlich während der Operation permanent heruntergefallen sein. Geradestellen ließ sich der Tisch nicht, und auch die Beinauflagen ließen sich nicht verstellen. Die Gelenke saßen fest. Nach einigem Biegen und Brechen war die Sache klar: Zwanzig Jahre altes Gelenkfett zusammen mit Unmengen von Altblut bildeten eine betonartige Masse – da ging gar nichts mehr. Weil ein Lösen und Fetten der Gelenke an Ort und Stelle nicht möglich war, schraubten wir kurzer Hand die kompletten Beinteile ab und nahmen die Elemente mit in unsere Werkstatt. 

In den folgenden Stunden hatten wir nun alle Hände voll zu tun. Beim Aufbohren der Gelenkbolzen konnte ich meinen Jungs beibringen, dass man den Bohrer beim Bohren am Besten mit Öl kühlt. Außerdem zeigte ich ihnen wie man stumpfe Bohrer richtig anschleift. Dafür lernte ich von ihnen, dass man, wenn man keinen Kaltreiniger hat, auch Diesel, und anstatt Schraubenlöser auch Bremsbelagsreiniger nehmen kann. 

Anschließend behandelten wir auch das Tischgestell im OP mit Dieselöl und Bremsbelagsreiniger. 

Jetzt riecht der OP zwar stark nach Autowerkstatt, aber der Tisch funktioniert so gut wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Während meine Jungs zufrieden ihr Werkzeug wieder in ihre neuen Werkzeugkästen packten, bemerkten sie, dass der Tisch nur deshalb nicht funktionierte, weil sich in den letzten zwanzig Jahren niemand darum gekümmert hatte. Ich wurde hellhörig und schlug sofort vor, die anderen beiden OP-Tische auch möglichst bald einmal zu zerlegen, zu säubern und neu zu fetten. Überraschenderweise war man mit dem Vorschlag einverstanden (bedeutete dies doch Arbeit!). Und nun ist es soweit: Zum ersten Mal werden wir arbeiten bevor etwas kaputt geht. Am nächsten Donnerstag um 9:00 Uhr werden wir unsere erste Wartung vornehmen - Inshah-allah

 

 

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