Das Krankenhaus

Das Al-Thaura-Krankenhaus ist ein staatlichen Krankenhaus, das die medizinische Versorgung der gesamten Provinz Ibb sicherstellen soll. Zwar gibt es noch einige kleine Privatkliniken und Arztpraxen in der Stadt Ibb, aber tatsächlich ist das Krankenhaus die erste Anlaufstelle für die 2 Millionen Einwohner der Provinz.

Da alle wichtigen Fachrichtungen vorhanden sind und die Versorgung im Gegensatz zu den Privatkliniken billig ist, wird das Al-Thaura überwiegend von den ärmeren Bevölkerungsgruppen in Anspruch genommen. Leider ist die Versorgung in vielen Fällen nicht ausreichend bis schlecht, so dass die Kranken, welche  es sich leisten können, eine der vielen kleinen Privatkliniken aufsuchen. Dennoch sind fast immer alle 120 Betten belegt. (Statistisch beträgt die Auslastung sogar mehr als 100%. Das liegt daran, dass zeitweise mehrere Kinder in einem Bett liegen) Eine Erweiterung auf 300 Betten soll seit Jahren erfolgen, scheitert aber immer wieder aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Immerhin, der Rohbau ist seit drei Jahren fertig. Vielleicht klappt´s ja dieses Jahr – inscha´allah.

 

Das Krankenhaus besteht aus zwei flachen Gebäuden: Dem eigentlichen Krankenhaus und einem Verwaltungstrakt. Zwischen den Gebäuden liegt ein kleiner eingezäunter Garten, der täglich gepflegt wird - aber immer abgeschlossen ist. Umgeben ist das Gelände von einer hohen Mauer mit zwei großen Toren, an denen bewaffnete Wachposten stehen (oder sitzen oder liegen oder gar nicht da sind). Ich gehöre zu den wenigen Privilegierten, die ein Auto besitzen und auf dem Innenhof parken dürfen. Überaus freundlich werden wir jeden Morgen begrüßt und uns das Tor geöffnet. Beim Herausfahren will der diensthabende Wächter mit Händeschütteln verabschiedet werden, bevor er uns den Verkehr auf der Straße anhält, damit wir das Krankenhausgelände unbeschadet verlassen können.

Das Krankenhausgebäude selbst ist ein 1 ½ stöckiger Flachbau. Oben auf dem Flachdach stehen wie überall auf den Häusern die blechernen Wasserreservoirs. Auch wird hier die Wäsche getrocknet und mitunter sieht man hier Patienten und Angestellte sich in der Sonne wärmen. 

 

 

 

 

Am Eingang des Krankenhauses sitzen wieder zwei bewaffneten Soldaten, die jedem den Zugang verweigern, der keinen plausiblen Grund für seinen Aufenthalt vorbringen kann. Auch müssen hier die Männer ihre Djambijas, die jemenitischen Krummdolche, die hier jeder Mann trägt, und andere Waffen abgeben. Wer eine eventuelle Einlassverweigerung nach kurzer und stets lautstarker Diskussion immer noch nicht akzeptieren will, bekommt schnell die Kalaschnikow unter die Nase gehalten. 

Dass die Drohung mit der Waffe als Argument bei den Jemeniten nicht immer hilft, beweisen die vielen Schussverletzungen die fast täglich bei uns in der Ambulanz behandelt werden müssen. 

 

 

 

 

Überhaupt ist die Ambulanz die am stärksten frequentierte Fachrichtung. 5.000 Patienten müssen hier jeden Monat versorgt werden. Darunter sind neben den Schussverletzungen erschreckend viele Autounfälle. Aber das Autofahren im Jemen ist ein Kapitel für sich.

Wenn man von den Unfällen absieht, werden die jemenitischen Patienten in der Regel sehr spät, meist zu spät, eingeliefert. Das hat verschiedene Gründe: Viele Menschen hier vertrauen erst ihren Hausrezepten oder konsultieren einem Wunderheiler, bevor sie zu uns kommen. Wir sind dann im wahrsten Sinne die letzte Rettung. Bei kranken Frauen entscheidet auch heute immer noch oft der Mann als Familienoberhaupt ob, und wann die Frau ins Krankenhaus darf. Oder die Leute haben eine lange und beschwerliche Fahrt auf schlechter Piste vor sich, oder es fehlt ihnen ganz einfach das Geld für eine Autofahrt oder für die Behandlung. 

Kommt ein Jemenite zu uns ins Krankenhaus, werden, wie in jedem anderen Krankenhaus auch, erst mal seine Daten aufgenommen. Der Patient unterschreibt, wenn er lesen und schreiben kann oder bestätigt mit Daumenabdruck. Auf ihn kommen nun Kosten von 200 Rial pro Tag zu. Das sind etwas mehr als 1 €. Dazu kommen die Kosten für Verbrauchsmaterial und Medikamente, die extra zu bezahlen sind. Zwei Mahlzeiten pro Tag sind dafür aber inklusive. Für diejenigen, die sich trotzdem keinen Krankenhausaufenthalt leisten können, steht ein Krankenhausfond zur Verfügung, der die Kosten übernimmt – sagt man. Dennoch kommt es häufig vor, dass viele Leute sofort nach der Behandlung das Krankenhaus aus Geldmangel wieder verlassen, obwohl noch wichtige Nachbehandlungen anstehen.

 

 

 

 

Gepflegt wird der Patient von seinen Angehörigen. Pflegepersonal gibt es zwar laut Lohnliste genug, doch werden die Pfleger und Krankenschwestern, falls sie tatsächlich auch im Krankenhaus zur Arbeit erscheinen, ihrer Berufsbezeichnung kaum gerecht. So kommt es vor, dass man auf den Stationen viele schwarzverschleierte Frauen sieht, die tatsächlich Pflegepersonal oder aber Angehörige sein könnten. Selbst meine ehemalige Kollegin Gertrud, die immerhin 2 ½ Jahre als Pflegedienstleitung täglich auf Station war, konnte auf den ersten Blick nicht erkennen um wen es sich handelte. Auf den zweiten allerdings schon: wer sich um einen Patienten kümmert, kann nur ein Angehöriger sein...

 

 

 

 

Das klingt zynisch ist aber jemenitisch. Da das Lohnniveau sehr niedrig ist und eine meist große Familie ernährt werden muss, bleibt den meisten Jemeniten nichts anderes übrig, ihr Gehalt mit einem Zweit- oder gar Drittjob aufzubessern. So auch das Krankenhauspersonal. Das Engagement bleibt so natürlich auf der Strecke. Von den offiziell 60 Ärzten sind nur etwa ein Drittel anwesend, weil vielleicht zu Hause viel zu tun ist oder Behördengänge oder Einkäufe zu erledigen sind. Privat geht eben vor. Auch das ist normal und dafür hat jeder Verständnis. Und mittags verlässt der Arzt wieder das Krankenhaus weil er nachmittags in seiner Privatpraxis arbeitet. (Dass er sich die Patienten zu seiner Privatpraxis selbst überweist sind natürlich nur Gerüchte ... )

Wie auch immer, nachmittags wird nicht gearbeitet. Denn der Nachmittag gehört dem Qat. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Natürlich sind das die Ursachen vieler Probleme bei meiner täglichen Arbeit. Einsatzfreudig sind wenige, verantwortungsbewusst noch weniger und die Leute, die man braucht, sind nicht da. Aber dafür sind alle sehr hilfsbereit, lieb und nett...

 

 

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