Die ersten Wochen

Den ersten Eindruck von meinem zukünftigen Arbeitsplatz bekam ich bereits bei den Vorbereitungsgesprächen in Deutschland. Demnach sollten am Krankenhaus „etwa“ zwölf Medizintechniker arbeiten, die ich weiter ausbilden sollte und - die alle nur arabisch sprechen. Eine Werkstatt nach deutschem Verständnis sollte es nicht geben. Ich war nachdenklich.

 

Im November 2001 trat ich dann meine neue Stelle im Al-Thaura-Krankenhaus an. Nur eine halbe Stunde, nachdem ich vom Krankenhausdirektor begrüßt und in der Morgenbesprechung den Ärzten vorgestellt wurde (wir waren gerade auf einer Besichtigungstour durchs Krankenhaus) trat eine Delegation von Medizintechnikern an mich heran. 

Der Direktor machte uns kurz bekannt, da wurde mir schon ein Stapel Papiere übergeben: Berichte über Geräte, die repariert werden mussten. Ich blätterte den Papierhaufen stirnrunzelnd durch. Von einigen Absaugpumpen über diverse Defibrillatoren, zwei Beatmungsgeräte und drei oder vier Spektrometer bis hin zur Siemens-Röntgenanlage war alles vorhanden. Alles Geräte, die zum Teil wohl schon jahrelang defekt in der Ecke stehen mussten. Geräte, die ich zum Teil noch nie repariert habe. Arbeit für Jahre. Ich wurde wieder nachdenklich. 

Doch heute, Monate später, sehe ich die Sache entkrampfter. Die zwölf Medizintechniker sind in Wirklichkeit sieben und außerdem keine Medizintechniker. Zwei von ihnen sind Klempner, drei so etwas wie Elektriker, einer Automechaniker und einer hat tatsächlich eine Art Technikerausbildung mit etwas Elektronikgrundkenntnissen. Auch spricht dieser Kollege ein wenig Englisch. Ebenso ist eine kleine „Werkstatt“ vorhanden. Und dass Geräte zum Teil mehrere Monate oder gar Jahre defekt sind, ist nicht kritisch zu sehen, sondern normal. Also, alles halb so wild.

 

 

 

 

Jeden Morgen um 8.00 Uhr beginnt meine Arbeit mit der Morgenbesprechung. Eigentlich ist dieser Morgenrapport nur für die Ärzte gedacht und eigentlich wird es jedes Mal 8.30 Uhr. Beides wird nicht so eng gesehen. Seitdem sich aber herumgesprochen hat, dass der Muhandis auch morgens immer dabei ist, erhalte ich des Morgens schon die ersten Reparaturaufträge.

Apropos Muhandis: Muhandis ist das schöne Wort für Ingenieur. Jeder, der den Unterschied zwischen Schraubendreher und Zange kennt, ist hier komischerweise gleich Ingenieur. Am Anfang habe ich meinen Gesprächspartner noch korrigiert, ich sei nur Techniker - aber zwecklos. Beim nächsten Mal war ich wieder Ingenieur. Warum auch nicht; selbst der Klempner nennt sich Ingenieur. Bedenklicher fand ich da schon die Anrede Duktur. Alle Ausländer werden hier für Doktoren gehalten. So werde ich bei der Telefongesellschaft automatisch als Duktur geführt, obwohl ich nur meinen Namen angegeben habe. Auch auf der Strasse werde ich mit Duktur angeredet. In der Regel berichtige ich hier. Nur bei den vielen Straßenkontrollen und Checkpoints hat es sich bewährt anzugeben man sei Duktur aus dem Al-Thaura-Krankenhaus in Ibb – und schon ist der Weg frei. Aber sonst bestehe ich schon darauf Ingenieur zu sein.

Zurück zur Morgenbesprechung. Die sollte eigentlich in Englisch geführt werden. Da aber viele Ärzte kein oder kaum englisch sprechen ist der Übergang ins Arabisch schnell und fließend. Was alles halb so schlimm wäre, wenn wir nicht so viele russische Ärzte bei uns im Krankenhaus hätten, die gerne in Russisch mitdiskutieren wollen. Mein russischer Freund und Radiologe mit dem ich in der letzten Reihe immer sehr viel Spaß habe, spricht überdies ein passables Französisch, was mir aber nicht sonderlich hilft. Deshalb versucht er sich an sein in der Schule erlerntes Deutsch zu erinnern: „Mein Bruder ist Traktorist auf unserer Kolchose.“ 

Ist das Meeting beendet, mache ich mich auf den Weg zur Werkstatt. Unzählige Menschen bevölkern bereits das Krankenhausgelände. Nicht nur Ärzte, Patienten und Angehörige, sondern auch fliegende Händler mit ihren Bauchläden. Natürlich treffe ich wie jeden Morgen den kleinen Jungen, der für ein paar Münzen täglich unser Auto putzt, das kleine Mädchen, das mir immer gekochte Eier verkaufen will und das Kaugummimädchen. Auch der „Spion“ sitzt wieder auf seinem Platz. Der Spion ist natürlich kein Spion, sondern nur ein kleiner verhutzelter alter Mann, der unter seinem Baum sitzt und gedankenverloren im murmelnden Sing-Sang unablässig aus dem Koran rezitiert, ohne jemals aufzublicken. Ich bin mir aber sicher, dass er genauesten Bescheid weiß, was im Krankenhaus vor sich geht. 

 

Am Parkplatz vor dem Krankenhaustrakt biege ich links ab und gehe den steinigen Weg hinauf, an der kleinen, im Bau befindlichen Moschee vorbei. Dann schlüpfe ich durch die Lücke, die die Rückseite der Moschee, ein verrosteter Überseecontainer und ein Krankenwagenwrack lassen, hindurch und folge einem Trampelpfad durch einen kleinen wilden Garten. Der Weg führt zu einem kleinen flachen Gebäude, der Werkstatt. Vor der Werkstatt steht eine Gartenbank, auf der mein Kollege Mohammed bereits jeden Morgen auf mich wartet. Mohammed hat keinen Schlüssel. Deshalb beobachtet er unseren Kollegen Ali, der im Schatten der Zitronen- und Bananenbäumen jeden Morgen das unterirdische Wasserreservoir flutet. Von hier wird wohl das Wasser auf die Dachreservoirs gepumpt - oder so ähnlich. Muss aber wohl komplizierter sein, denn dieses ist Alis einzige Aufgabe. Na, Hauptsache wir haben Wasser. Der alte Mann begrüßt mich wie immer freudestrahlend und ich setze mich zu ihm. 

  

Zwar habe ich einen Schlüssel für die Werkstatt, aber da so oder so noch kein anderer da ist, bleiben wir lieber ein wenig in der Sonne sitzen und unterhalten uns (sofern man von Unterhaltung bei meinem schlechten Arabisch sprechen kann). Mohammed wohnt in einer kleinen Wohnung gegenüber vom Krankenhaus. Ali haust hier in einem kleinen Verschlag neben seiner Pumpe. Auch Abdulla, der Werkstattleiter, wohnt in der Werkstatt, bzw. schläft in einer winzigen Kammer zwischen zwei Werkstatträumen. Doch irgendwann raffe ich mich auf, schließe die Werkstatt auf und schaue was zu tun ist. 

 

Inzwischen stapeln sich die Reparaturen. Da Serviceunterlagen überraschenderweise meistens vorrätig sind und ich Werkzeuge aus Deutschland mitgebracht, bzw. in Sana´a gekauft habe, habe ich bei allen Geräten die Fehler bereits finden können. Nur Instandsetzen kann ich sie deshalb noch lange nicht alle. Es gibt keine Ersatzteile. Dabei handelt es sich um Standardteile, die es in Deutschland an fast jeder Ecke zu kaufen gibt. Dann hilft nur eins: improvisieren. Eine jemenitische "Medizingeräteverordnung" gibt es, Allah-sei-Dank, nicht. So bauen wir für die kaputten Gläser in die Absaugpumpen umgebaute Einmachgläser ein und die defekten Widerstände und Kondensatoren für die Siemens-Röntgenanlage baue ich aus den beiden alten Fernsehchassis aus, die ich in einer Kiste vor der Werkstatt gefunden habe. Der Autoersatzteilladen an der Ecke hat außerdem ganz brauchbare Relais und der Klempner prima Kupferrohr, das als Schlauchverbinder gute Dienste leistet. Der Rest kommt aus Deutschland (Dank an dieser Stelle meinen Ex-Kollegen).

 

 

 

 

Schnelle Reparaturen gibt es also nicht. Alles ist umständlich und selbst Bagatellereparaturen dauern sehr lange. Aber das ist hier völlig in Ordnung. Überhaupt ist alles völlig in Ordnung, solange man nicht arbeiten braucht. Manche Kollegen kommen z.B. erst um 10.00 Uhr um dann um 12.00 Uhr wieder zu verschwinden. Das heißt: eigentlich gehen sie um 12.00 Uhr in die Moschee zum Beten, wie das jeder tut. Nur danach, also 15 Minuten später, lohnt sich die Arbeit auch nicht mehr, weil ja um 13.00 Uhr so oder so Feierabend ist. Andere kommen dafür vielleicht morgens um 8.00 Uhr, schwatzen bis 9.00 Uhr, gehen dann eine Stunde frühstücken um dann den Rest des Morgens in der Werkstatt fern zu sehen - bis 12.00. Und wie gesagt, danach...

Oder es ist gerade „Krieg“. Wie kürzlich. Ein Soldat, oder ein Angehöriger eines Soldaten, oder wie auch immer, ist im Krankenhaus verstorben. Kurze Zeit später kam ein Maschinengewehrwagen mit Soldaten auf den Hof gebraust und die herunterspringenden Soldaten wollten das Krankenhaus stürmen um die Herausgabe des Arztes zu verlangen. Das konnte offensichtlich von unseren ebenfalls bewaffneten Wächtern verhindert werden. Nach Handgemenge und großer Aufregung erklärten sich sofort die jemenitischen Ärzte mit dem verantwortlichen Arzt solidarisch, oder mit dem toten Soldaten, je nach dem. Jedenfalls Anlass genug zwei Tage zu streiken und nicht zu arbeiten.

Oder es ist Ramadan. Der Fastenmonat. Dann wird tagsüber gefastet. Weitsichtigerweise wird die Arbeitszeit dann auf drei Stunden reduziert und mehr als verständlich, dass jeder so schwächlich ist, dass er diese drei Stunden sitzend oder besser liegend, aber auf keinen Fall sich bewegend verbringen kann. Klar, wir sind schließlich im Jemen. Ist der Ramadan dann zu Ende, wird gefeiert. Das ist dann der Eid. Laut meinem Kalender: Feiertage im Dezember. Anzahl 3. Hier macht man locker eine Woche draus. Mindestens. Denn als ich nach dem Eid verstohlen anfragte, wann denn meine Kollegen wiederkommen, sagte man mir nur: 

 Bukra, inscha´allah“ 

Bukra, morgen, war natürlich wieder keiner da. Zögerlich fragte ich: 

„Bukra, vielleicht?“

„Bukra“, kam es zurück,“ ist Donnerstag und keiner will Donnerstag arbeiten, da Donnerstag ein Tag vor Freitag ist und Freitag wird niemals gearbeitet. Aber vielleicht Samstag... Inscha´allah. So-Gott-will.“

Gut, das waren meine ersten Wochen im Jemen. Heute habe ich mich gut angepasst. Wenn mein Landcruiser wieder einmal eine Reifenpanne hat, geht die Reparatur natürlich vor. Und wenn dann einer mit einer defekten Absaugpumpe kommt, sage ich nur: „Bukra, Inschah´allah!“ Das kommt gut an und man klopft mir freundschaftlich auf die Schultern. Noch besser kommt es natürlich an, wenn ich die Pumpe trotzdem sofort repariere. 

 

Also, kurz und gut: Ich habe mich schnell an das jemenitische Leben adaptiert, versuche das beste draus zu machen und habe, da ich für alle möglichen Leute bereits Reparaturen gemacht habe, überall Freunde. Die Jemeniten haben mir den Start sehr einfach gemacht. Überhaupt sind die Jemeniten wirklich liebenswerte, freundliche und hilfsbereite Menschen. Und dass die Werkstatt (noch) sehr ineffektiv ist, ist klar – deshalb bin ich ja hier. Noch 1 ½ Jahre. Also Zeit genug, einiges zu ändern.

 

Inschah´allah.

 

 

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