Tansania - Heia Safari



Dar Es Salaam ist für Radfahrer lebensgefährlich. Niemand nimmt Rücksicht. Stets muss man ein Auge im Rückspiegel haben und ständig bereit sein, sofort neben die Fahrbahn auszuweichen, wenn ein Bus oder LKW von hinten herandonnert. Wahrscheinlich habe ich das Schlimmste meiner siebentausend Kilometer hinter mir, wenn ich es erst einmal heil aus Tansanias größter Stadt heraus geschafft habe.
Doch zum Glück gibt es eine Alternative zur mörderischen Hauptstraße. Es ist die Landstraße über das sechzig Kilometer entfernte Bagamoyo. Das ist zwar ein Umweg, aber dafür bleibt man am Leben. Außerdem wird man später, hinter Bagamoyo, mit einer der schönsten Pisten Tansanias belohnt.


Bagamoyo

Bagamoyo ist die vielleicht älteste Stadt in Tansania und war früher die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, also zu jener Zeit, als der höchste Berg Deutschlands noch Kilimanjaro hieß.
Heute ist Bagamoyo ein verschlafenes Nest, das bedeutungslos im Schatten der Boomtown Dar Es Salaam liegt. Es gibt zwar noch ein paar alte Backsteinruinen, die an die Kolonialzeit erinnern, aber kaum jemand kann sich dafür begeistern. Das soll sich nun aber ändern. Die heruntergekommenen Häuser an der alten Hauptstraße wurden im letzten Jahr mit viel Geld aus fremden Ländern aufwändig restauriert. Auch die Straße selbst hat jetzt ein wunderschönes Kopfsteinpflaster bekommen. Die Touristen könnten nun kommen, in alten Zeiten schwelgen und Geld im Ort lassen. Das Problem ist nun aber, dass die alte Straße nach der Renovierung in einem besseren Zustand ist, als die eigentliche löchrige Hauptstraße, die um den historischen Kern herumführt. Deshalb rasen heute die Autos und die knatternden und permanent hupenden Mopedtaxis durch die alte Gasse. Vorher konnte der interessierte Tourist noch gedankenverloren lustwandeln, jetzt kann er sich eigentlich nicht mehr auf die Straße wagen. Kopfschüttelnd frage ich mich wieder einmal, wer eigentlich bescheuerter ist, die Tansanier, die sich wie so oft alles rücksichtslos herausnehmen oder wir, die Geberländer die Unsummen in Projekte stecken, die nicht zu Ende gedacht sind.

Bagamoyo hatte seine beste Zeit Ende des 18. Jahrhunderts, als es rasch zu einem bedeutenden Handelshafen für Elfenbein und Sklaven heranwuchs. Die Sklaven wurden vom Tanganjikasee und den Usambara-Bergen (genau, die mit den Veilchen) hergebracht, in Boote verladen und nach Sansibar verfrachtet. Von dort verließen, die, die bisher überlebt hatten Afrika auf nimmer wiedersehen.
Von hier starteten damals auch die berühmten Expeditionen ins noch geheimnisvolle Landesinnere. Illustre Herren wie Stanley, Burton und Livingstone machten sich von Bagamoyo aus auf den Weg, durchquerten den schwarzen Kontinent, erforschten die großen Binnenseen und fanden die Quellen des Nils.
Ein vortrefflicher Ort also, um auch meine Afrikadurchquerung mit dem Fahrrad hier zu beginnen.


OK, das Reisen in den ehemaligen Kolonialgebieten ginge auch stilechter. Aber das Fahrrad ist doch irgendwie... zeitgemäßer.

Später, als die Sklaverei abgeschafft wurde und auch der Bedarf an weißen Klaviertasten und Billardkugeln gedeckt war, versank Bagamoyo wieder schnell in die Bedeutungslosigkeit.
Heute wirkt Bagamoyo hoffnungslos. Der Ort ist verschlafen, die Schiffsverbindung nach Sansibar gibt es nicht mehr, Sansibar selbst wurde längst gegen Helgoland eingetauscht (Bismarck, du Idiot!) und zu allem Überfluss ist im Moment auch noch Ramadan. Die gesamte Küste Tansanias ist nämlich muslimisch geprägt, im Gegensatz zum christlichen Landesinneren. Für ein Nest wie Bagamoyo bedeutet dies, dass es noch trostloser ist, als sonst.

Meine erste Etappe von Dar hierher ist eher unspektakulär. Die Strecke ist mir wohlbekannt und wenn man erst einmal aus dem Verkehrschaos Dars heraus ist, wird es auch für Radfahrer angenehmer. Bleibt nur das komische Gefühl, dass dies kein Wochenendtrip wird und ich kein Zuhause mehr in Dar habe, zudem ich wieder zurückkehren werde.
Da ich bereits Bagamoyo gegen Mittag erreicht habe, bleibt Zeit für einen Besuch im kleinen Heimatmuseum. In zwei wohnzimmergroßen Räumen sind angestaubten Exponate drapiert, deren Bedeutung mir manchmal Rätsel aufgeben. Es riecht nach Bohnerwachs und die Fußbodenbretter knarzen, als ich fragend von einer Holzschnitzerei zur anderen schreite, von einer vergilbten Fotografie zum nächsten löchrigen Wandteppich. Erklärungsschildchen gibt es nicht oder sind nicht zu lesen. Es ist zu dunkel. Licht kann man mir leider zur Zeit nicht anmachen, da es gerade keinen Strom gibt.
So bleibt für mich die deutsche Kolonialgeschichte weiterhin ein dunkles Kapitel.




Hinter Bagamoyo beginnt Afrika

Am folgenden Tag wird es dann ernst. Hinter Bagamoyo gibt es keine Teerstraße mehr. Die nächsten 65 Kilometer sind Piste, staubig und heiß in der Trockenzeit und lehmig und oft unpassierbar in der Regenzeit. Von Bulldozern geschoben wird sie nur alle Jubeljahre und die Löcher, die in der Zwischenzeit entstehen sind legendär. Da kein Tansanier freiwillig auf eine Teerstraße verzichten will, auch dann nicht, wenn er stundenlang in wabernder Hitze darauf im Stau steht, trifft man hier nur auf Menschen, die in den zwei bis drei Dörfern entlang der Piste wohnen oder auf andere verrückte Weiße in ihren Geländewagen, die sich freiwillig den 'Gefahren der Natur' aussetzen.


In der Erntezeit ist hier mehr los. Hochbeladene Lastwagen mit Ananas oder Bananen bringen dann ihre Ladungen nach Dar. Aber heute treffe ich nur auf einheimische Radfahrer, die für wenig Geld Waren von einem Dorf ins andere transportieren, meist Feuerholz oder Holzkohle. Die alten indischen Fahrräder sind dabei oft so schwer beladen, dass die Männer ihre Räder schieben müssen.
Für mich ist es ein besonderes Gefühl ihnen als reicher, weißer Ausländer mit dem Fahrrad zu begegnen, mich also auf die gleiche ärmliche Art fortbewege wie sie und sie nicht bequem in einem klimatisiertem Auto sitzend in Staub einhülle, während ich an ihnen vorüber rase. Zwar fahre ich die Strecke freiwillig und muss mir nicht meinen Lebensunterhalt mit dem Transport von Holzkohle unter diesen schwierigen Bedingungen verdienen, doch schwitze und kämpfe ich genauso wie sie. Wir grüßen uns jedes mal respektvoll.


Wenn dann nach vier Stunden die Mopedtaxis wieder mehr werden und die ersten Hütten wieder Strom haben, ahne ich, dass die Hauptstraße nicht mehr weit sein kann. Mit der Idylle ist es nun bald vorbei. Wenig später stehen bereits die Hütten wieder dicht an dicht, Menschen wuseln durcheinander, angetrieben von bis zur Unkenntlichkeit verzerrter Musik aus wummernden Riesenboxen. Ich schlängele ich mich durch hupende Sammeltaxis und Dieselruß ausspuckenden Lastwagen und steht schließlich wieder auf der Teerstraße. Schade.

Die ersten Meter genieße ich noch. Das Rad läuft seidig, fast wie von selbst. Eine Wohltat. Doch dann geht es los. Der Verkehr bricht über mich herein und die Karten werden wieder neu gemischt. Jetzt bin ich nicht mehr King of the Road und kann fahren wie und wo ich will. Hier, auf der Hauptstraße, bin ich dazu verdammt am äußeren Straßenrand zu fahren und manchmal auch daneben. Hier werde ich rücksichtslos plattgemacht, wenn ich nicht sofort den Weg frei mache. Keiner nimmt hier Rücksicht. Hier hat nur der Stärkere Vorfahrt. Als Radfahrer bin ich das Ende der Nahrungskette. Nur noch brennholzschleppende Frauen sind rechtloser. Aber die können wenigstens noch den unwegsamen Seitenstreifen benutzen oder im letzten Moment in den Graben springen, wenn ein Bus mit Höchstgeschwindigkeit an ihnen vorbeiknallt.



Das Einzige, was das rücksichtslose Verhalten ein kleinwenig wieder wettmacht, sind die Lackierungen und Aufschriften der Busse, Sammeltaxis und Lastwagen. Großflächig werben die Fahrer für ihre Helden. Einige verehren in großen Lettern Gott und andere 'Manchester United'. Es gibt Lastwagenfahrer, die bitten Allah um Beistand für die Reise, andere vertrauen Spiderman. Nett auch das Sammeltaxi auf dem Harry Potter mit seinem Zauberstab gepriesen wird. Doch mein Favorit ist der Sandtransporter auf dem in Riesenschrift gepinselt steht: 'Ballack Obama'.
Trotzdem, das Radfahren auf der Hauptverbindungsstraße Tansanias ist nicht lustig. Man muss stets konzentriert sein. Die Straße ist und bleibt lebensgefährlich. Am Ende des Tages kann man dem Herrn danken, überlebt zu haben, und wer bisher nicht gläubig war, wird es hier.
Amen.


Mahlzeit

Was gibt's heute eigentlich zu essen?
Nun, an der Küste gab es noch reichlich Fisch, Reis sowieso und Gemüse. Später wird es einseitiger und geschmackloser. Ich sage nur Chipsi Mayai. Das sind alte, matschige in Altöl erwärmte Kartoffelstückchen, vermischt mit Ei. Chipsi Mayai ist quasi das zweite Nationalgericht Tansanias, hinter Ugali, was aber nicht lohnt zu beschreiben, da Ugali nach rein gar nichts schmeckt. Chipsi Mayai kann man praktisch nicht entkommen. Es gibt Chipsi Mayai immer und überall und leider meistens auch ausschließlich.


Goldfisch mit Reis

Die Chipsi, also die vorgefetteten Pommes, liegen immer in einem aquariumartigen Glaskasten, der an der Straße in der Sonne steht. Warum sie in einem solchen Brutkasten aufbewahrt werden – keine Ahnung. Vielleicht bleiben sie in dem Kasten einfach nur schön labbrig. Jedenfalls werden die Chipsi ausgiebig in altem Öl gebadet, bevor ein Ei drüber zerschlagen wird. Da die Chipsi nur lauwarm gemacht werden, bleiben sie weiß, genauso wie die Eier hier im Land, bei denen das Eigelb auch immer weiß ist. Damit der Kunde auch geschmacklich nicht überfordert wird, werden Chipsi nie gesalzen. Salz gibt es meist auf Anfrage und gegessen wird mit den Fingern. Pfiffige Reiseradfahrer können mit den fetttriefenden Fingern nach Beendigung des Mahls ohne weiteres ihre Kette nachfetten. Erfahrende Afrikareisende haben aber stets eine Gabel dabei. Wer die allgegenwärtigen Chipsi Mayai lecker findet, ist definitiv zu lange in Tansania.

Heruntergespült wird der brockige Brei mit Coca-Cola & Co. Einheimische trinken dazu auch gerne Tee. Nicht so sehr weil Tee billiger ist, sondern weil die bunten Limonaden für den tansanischen Geschmack nicht süß genug sind. Wer einmal gesehen hat, wie Einheimische drei oder mehr gehäufte ESSlöfffel in eine kleine Teetasse schaufeln, wundert sich auch nicht mehr, dass Zucker überall in großen Eimern angeboten wird.
Aber das Zuckerthema ist bei mir sowieso längst abgehakt.


Zucker ist wie Wasser

Vor gut zwei Jahren gab es eine große Diskussion in unserer Krankenhauswerkstatt.
Im Büro stand ein Wasserspender, von dem sich jeder bedienen durfte. Es trank aber kaum jemand davon, weil nämlich am Monatsanfang jeder einen Obolus für das getrunkene Wasser leisten sollte. Zwar ging es dabei auch für Tansanier um lächerlich kleine Beträge, trotzdem zog man es vor, lieber nichts zu trinken oder wenigstens nichts dafür zu bezahlen. Am Monatsende war jedenfalls nie genug Geld für eine neue Wasserlieferung da. Also machte ich auf einem der wöchentlichen Werkstatt-Meetings, nachdem ich auf die Notwendigkeit immer viel Wasser zu trinken hinwies, den Vorschlag, dass jeder so viel zahlen sollte, wie er meint entbehren zu können. Die, die wenig haben, geben weniger als den errechneten Betrag und die, die mehr verdienen, zahlen etwas mehr. Ich übernehme schon einmal vorab die Hälfte und falls dann trotzdem noch ein paar Schillinge am Ende fehlen, würde ich mich auch darum kümmern. “Also, trinkt viel Wasser, das ist wichtig, und überlegt, wie viel euch das wert ist.”
Zugegeben, ich war zu dieser Zeit noch nicht lange in Tansania, denn natürlich hat das nie geklappt. Auf mir ist jedes mal fast der volle Betrag hängengeblieben. In den folgenden Wochen betonte ich in den Meetings mehrfach, dass ich mit dem Verlauf nicht einverstanden bin. Jeder hätte einen Beitrag zu leisten. Da später trotzdem nichts passierte, hatte ich schließlich keine Lust mehr und drohte auf einem weiteren Meeting damit, mir in Zukunft mein eigenes Wasser mitzubringen und gar nichts mehr beizutragen. Nun wurde auf einmal heftig diskutiert – tansanisch, also nicht wie hoch nun der Beitrag eines jeden sei sollte, sondern wer sonst noch das Wasser finanzieren könnte. Schließlich schlug man einig vor, das Geld für das Wasser ebenso aus dem Werkstattetat abzuzweigen, wie man es bereits für den Zucker machte. Ich traute meinen Ohren nicht! Dieser 10-Liter-Eimer mit Zucker, der immer auf dem Tisch in unserem Meeting- und Speiseraum stand, wurde aus dem Werkstattbudget finanziert? Ich machte daraufhin einen Gegenvorschlag, nämlich lieber das Wasser aus der Werkstattkasse zu bezahlen und andersherum den Zucker über Beiträge eines jeden zu finanzieren. Ich untermauerte meine, wie ich fand, brillante Idee mit einem weiteren, längeren Vortrag über die lebenswichtige Funktion des Wassers auf den menschlichen Organismus. Nachdem ich geendet hatte, trat nachdenkliches Schweigen ein. Dann ergriff mein Counterpart das Wort und gab zu bedenken, dass ja Zucker nun einmal mindestens genauso lebensnotwendig sei. Alle anderen Kollegen stimmten sofort engagiert mit ein.
Ich gab resigniert nach - bin eh der Klügere...

Morogoro

Morogoro ist eine größere Stadt, die umgeben ist von weitläufigen Sisalfeldern. Die Plantagen gehen noch auf deutsche Siedler zurück, die schon damals aus den Pflanzenfasern Seile, Taue und Teppiche herstellten. Beeindruckend sind nicht nur die riesigen Felder entlang der Straße, sondern für mich auch die Tatsache, dass Sisal auch heute in unserer High-Tech-Welt scheinbar immer noch so gefragt ist.


Tansania ist weltweit der zweitgrößte Sisalproduzent

Morogoro selbst ist zwar wenig aufregend, doch lebt hier mein Freund Martin mit seiner Familie. Martin ist ein sehr engagierter deutscher Pastor, der sich für die Massai in der Region Morogoro aufopfert. Zusammen mit ihm hatte ich vor einiger Zeit Solaranlagen in zwei abgelegenen Massai-Dörfern aufgebaut. Das ist aber eine andere Geschichte; ich komme ein anderes Mal darauf zurück. Jedenfalls will ich bei ihm und seiner Familie die Nacht über bleiben. Es werden aber zwei daraus, weil ich die ersten kleineren Reparaturen an Rad und Gepäck vornehmen muss.


Mückenschutz

Am nächsten Tag fahre ich mit Martin in die Stadt, um noch etwas Kleinkram für die Tour zu kaufen. Als das erledigt ist, halten wir an einem kleinen, aber feinen Café, um einen Kaffee zu trinken und, welch eine Überraschung, ein Stück frisch gebackenen Kuchen dazu zu Essen. Ich bewundere das einfache, aber wohlorganisierte Café, denke sehnsüchtig daran, dass es in Dar Es Salaam so etwas Nettes leider nicht gibt, als mein Blick auf mit Wasser gefüllten bunten Luftballons fällt, die vom Strohdach herunter hängen. Die knallbunten, prallen Ballons stehen im krassen Gegensatz zu dem ansonsten dezenten und unaufdringlichen Interieur. Martin folgt meinem Blick und ich mache stirnrunzelnd eine Bemerkung über diese Geschmacksverirrung.
"Nein, nein", gibt er mir zu verstehen, "dies ist keine Dekoration, sondern ein Mückenschutz."
Ich sehe mir die farbenfrohen, prallen Luftballons noch einmal genauer an und dann ihn.
“Wie soll das denn funktionieren?”
“Ganz einfach. Die Leute sagen, die Mücken fliegen auf die glänzenden Ballons zu und sehen plötzlich sich selbst, natürlich total verzerrt. Das erschreckt sie so sehr, dass sie verschwinden.”
Da muss man erst einmal drauf kommen. Als Mann des Glaubens hat er offenbar weniger Probleme mit einer solchen Erklärung, als ein einfacher Techniker wie ich.


Telefontod

Am Abend, wir verdauen gerade unser Abendessen, bekommt Martin einen mysteriösen Anruf. Es geht, wie er anschließend stirnrunzelnd erzählt, um eine todbringende SMS und ein rotblinkendes Display. Er kann sich trotz seiner perfekten Swahilikenntnisse aber keinen Reim aus diesem Anruf machen. Ich lache wissend auf. Diesmal bin ich es, der ihm eine phantastische Erklärung geben kann.
Im Moment ist nämlich in ganz Tansania und Kenia eine SMS-Hysterie ausgebrochen. Jeder warnt jeden vor todbringende Textmitteilungen. Es soll eine Todes-SMS im Umlauf sein, die sich im Display des Telefons rot blinkend ankündigt. Wenn einem das passiert, muss man sofort das Telefon weit wegwerfen und in die entgegengesetzte Richtung rennen, aber auf gar keinen Fall die SMS öffnen, denn sonst stirbt man sofort daran. Selbst meine Techniker in der Krankenhauswerkstatt, die es eigentlich besser wissen sollten, versenden Warnmeldungen an Freunde und Bekannte.
Martin hört mir zweifelnd zu, während ich ihm dies lachend erzähle. Dann fragt er mich ungläubig:
“Aber mein Display kann doch gar keine Farben darstellen...?”
„Tja, ein Wunder kommt eben selten allein“, erwidere ich unbeeindruckt und wir widmen uns wieder unserem Bier.


Mikumi-Nationalpark

Hinter Morogoro wird die Straße endlich ruhiger und vor allen Dingen breiter. Der Seitenstreifen hat fast Radwegqualität und ich brauche den rüpelhaften Bus- und Sammeltaxifahrern nicht mehr ausweichen.
Ich bin auf dem Weg zum ersten Höhepunkt meiner Tour, das Durchfahren des Mikumi-Nationalparks. Dazu muss man gar nicht in den Park hineinfahren, sondern nur auf der Nationalstraße bleiben, denn diese führt direkt durch den Park hindurch. Das ist zwar sehr ärgerlich und oft genug todbringend für die Wildtiere, die während ihrer Wanderungen immer wieder die Straße überqueren müssen, doch den (ausländischen) Autofahrer freut es. Er kann während der Fahrt Wildtiere sehen. Auch ich freue mich, denn normalerweise werden Fahrrad- und Motorradfahrer natürlich nicht in die Nationalparks gelassen. Das Benutzen einer Nationalstraße durch einen Park hingegen kann mir keiner verbieten.
Soweit die rechtliche Seite. Was halten aber die Löwen und Elefanten von Radfahrern? Nun, die Elefanten sieht man in der Regel rechtzeitig und ich kann Abstand halten, gegen vorwitzige Paviane habe ich einen Massai-Stock dabei und ansonsten gilt, schneller als der Löwe zu sein.
Zugegeben, so abgebrüht fühlte ich mich gar nicht. Gott-sei-Dank ist die Straße aber gut befahren. Man kann damit rechnen, alle fünft bis zehn Minuten ein Auto zu begegnen. Gut, manchmal dauert es auch etwas länger.
Auf den folgenden vier Stunden sehe ich dann jede Menge Antilopen, Gazellen und Warzenschweine die Straße überqueren und Elefanten direkt an der Straße grasen.
Elefanten können schon mal ärgerlich werden, wenn man ihnen zu nahe kommt, besonders wenn Jungtiere in der Gruppe dabei sind, was aber eigentlich immer der Fall ist. Deshalb fahre ich auch zügig an ihnen vorbei, als ich welche sehe und stoppte erst im respektablen Abstand, um sie zu beobachten.


Zwar können Elefanten schnell sein, und ich weiß nicht, wer schneller ist, sie oder ein Radfahrer, aber sie sind zumindest berechenbar. Wenn man weit genug weg ist, sind sie desinteressiert. Falls der Abstand nicht ausreicht, trompeten sie und warnen durch das Aufstellen ihrer Ohren. Dann sollte man sich besser zurückziehen. Wenn sie die Ohren aber flach anlegen wird es eng. Dann heißt es: Nichts wie weg! Der folgende Angriff ist zwar in der Regel nur ein Bluff, aber glaub' das mal, wenn so ein Viertonner auf dich zurennt. Woher ich das weiß? Nun ja, in den letzten Jahren bin ich oft genug mit dem Auto in den Nationalparks in Tansania unterwegs gewesen, und manchmal meinten die Elefanten eben, ich wäre ihnen zu nahe...

Büffelherden sehe ich heute nicht, dafür liegt aber ein toter Bulle am Straßenrand. Sicher ist er mit einem der rasenden Busse oder LKWs zusammengestoßen. Es gibt zwar eine Geschwindigkeitsbegrenzung hier im Park, aber kein Tansanier hält sich daran.

Apropos Ignoranz. Schlimm genug, dass so ein relativ kleiner und eher unbekannter Nationalpark von einer Hauptverkehrsstraße zerschnitten wird, aber was die tansanische Regierung jetzt vor hat, geht auf keine Elefantenkuhhaut. Die Idioten haben doch tatsächlich angekündigt eine Straße für Schwerlastverkehr durch die Serengeti zu bauen. Kann das wahr sein? Da haben Menschen, allen voran Professor Grzimek, ihr Leben lang dafür gekämpft einen phantastischen und einzigartigen Nationalpark entstehen zu lassen, der inzwischen weltberühmt, hochgeachtet und vielbesucht ist und die nationale Regierung hat nichts anderes zu tun, als für schnell verdientes Geld das alles aufs Spiel zu setzen. Traurig auch, dass wieder einmal die großen Entwicklungshilfegeberländer, von denen die tansanische Wirtschaft völlig abhängig ist, tatenlos zusehen.
Ach, ich rege mich schon wieder auf...

http://www.change.org/petitions /view/stop_the_serengeti_highway

Am späten Nachmittag passiere ich den Parkausgang. 130 Kilometer habe ich in den Beinen. Dem Löwen bin ich noch einmal entkommen, der Tsetsefliege aber nicht. In den Unterarm hat mich das Mistvieh gebissen und der Arm ist auch sofort angeschwollen. Noch vier weitere Tage wird mich der dicke Arm plagen, bevor die Schwellung endlich zurückgeht.
Trotzdem, am Ende eines erfüllten Tages rolle ich glücklich und zufrieden auf dem Campingplatz einer Schweizer Lodge. Der vorbildliche Zeltplatz wird nur noch von der Speisekarte des Restaurants übertroffen. Erfrischt, nach einer belebenden Dusche, gönne ich mir ein 'Züricher Geschnetzeltes mit Rösti'.


Schlange

Hinter Mikumi liegt die erste Schlange auf der Straße. Tot. Ist mir auch lieber so. Ich habe des öfteren in den letzten Jahren lebendige Schlangen die Straße kreuzen sehen und mir lief es immer eiskalt den Rücken runter. Ich weiß zwar, dass von Schlangen, selbst beim Campen kaum eine Gefahr ausgeht, da die Tiere sehr scheu sind und den Menschen immer aus dem Weg gehen – wenn man nicht gerade Puffotter heißt. Doch ein komisches Gefühl bleibt mir trotzdem jedes Mal, wenn ich auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz das Unterholz durchstreife.



Apropos Schlange auf Straße. Als alter Mountainbiker muss ich immer sofort an einen “Snake-bite” denken. Damals, als ich noch jung und in den Dreißigern war, klagten alle Mountainbiker über 'Snake-bites'. Das waren sehr mountainbike typische Platten, die auftraten, wenn man mit seinen damals noch ungefederten Bikes auf Hindernisse wie Wurzeln, Steine, Äste und Treppenstufen knallte. Dabei schlug jedes mal die Radfelge bis auf den Reifen durch und stanzte dabei zwei Löcher in den dazwischenliegenden Schlauch. Von den amerikanischen Mountainbike-Freaks wurde dieser Effekt wegen der beiden Löcher 'Snake-bite' genannt. Heute, im Zeitalter von Federgabeln gibt es dieses Phänomen nicht mehr und der Ausdruck ist unter Mountainbikern in Vergessenheit geraten. Dafür könnte er bei Reiseradlern, die in Afrika unterwegs sind, durchaus seine ursprüngliche Bedeutung zurückgewinnen.

Ach, zu Schlange fällt mir noch eine nette kleine Geschichte ein:


Grüne Mamba

Es war vor fast drei Jahren. Ich war soeben in mein Haus in Dar Es Salaam eingezogen. Eines Nachmittags, ich wollte mir gerade einen Kaffee kochen und die damals noch einzige Tasse unter einem umgedrehten Topf in der Spüle hervorholen, als plötzlich unter dem Topf eine kleine, grüne Schlange zum Vorschein kam. Wir erschraken beide heftig und ich weiß nicht wer schneller zurückwich. Nachdem ich die Lage erfasst hatte, tat ich das einzig Richtige in einer solchen Situation: Ich holte schnell meine Kamera und schoss ein paar Fotos. Obwohl die Schlange relativ klein war, wählte ich zur Sicherheit doch eine lange Brennweite. Die Beweisfotos wollte ich später zur Identifizierung verwenden. Nachdem dieser einfache Teil der Arbeit erledigt war, musste ich sie jetzt nur noch aus dem Haus schaffen. Dazu öffnete ich vorsichtig das nahe Küchenfenster, nahm einen Besen, den mit dem besonders langen Stil, und versuchte sie damit hinauszuscheuchen. Doch das war schwieriger, als ich dachte. Die Schlange bewegte sich nämlich nicht vom Fleck, richtete sich stattdessen auf und fauchte mit weit aufgerissenen Maul den Besen an. Mir fiel sofort wieder die Weisheit der Einheimische ein, die ich vor Jahren in den Regenwäldern Südamerikas traf, die da lautet: Die kleinen grünen sind die Schlimmsten.
Mit Ost-afrikanischen Schlangen hatte ich mich bisher noch nicht beschäftigt, wusste aber, dass es hier unter anderem die Grüne Mamba gibt. Die ist wie zu vermuten grün und sehr giftig. Allerdings soll sie größer sein, als diese hier in meiner Spüle. Gut, es gibt auch junge Schlangen, dachte ich mir und war also auf der Hut.
Jedenfalls ließ sich die Schlange nicht von dem Besen beeindrucken, schnappte ein paarmal nach ihm und blieb ansonsten wo sie war. Nach langem hin und her griff ich zu einer Dose Insektenspray und sprühte ihr eine Ladung ins Gesicht. Ich konnte gar nicht so schnell kucken, wie sie verschwunden war. Zwar suchte ich draußen im Garten noch nach ihr, konnte sie aber nirgendwo finden.
Die nächste Stunde verbrachte ich dann damit meine gemachten Fotos mit denen im Internet zu vergleichen. Das Resultat war aber nicht eindeutig. Entweder war meine Schlange eine ausgewachsene Gartenschlange oder doch eine junge Grüne Mamba. Somit liegt der Unterschied zwischen völlig harmlos und hochgiftig.
Dann klingelte mein Telefon. Es war eine Kollegin. Ich erzählte ihr von der Schlange in der Spüle.
“Bist du wahnsinnig? Das war bestimmt eine Grüne Mamba. Du hättest die sofort töten müssen.”
“Ich töte doch keine harmlose Schlange.”
“Harmlos? Und wenn es wirklich eine Grüne Mamba war? Du hättest wenigsten deinen Gärtner fragen sollen.”
“Der ist aber im Moment nicht da und außerdem kennen sich die Tansanier eh nicht mit Schlangen aus. Die schlagen doch sofort alle tot.”
“Das glaube ich nicht. Beschreib' mir die Schlange noch einmal genau. Ich frage dann meine Haushälterin und rufe dich später zurück.”
Eine halbe Stunde später klingelte erneut das Telefon.
“Also, ich hab mit meiner Haushälterin gesprochen. OK, war nicht ganz einfach, da sie nur Swahili spricht. Jedenfalls meint sie, dass es keine Grüne Mamba gewesen sein kann.”
“Ach, und wieso nicht?” fragte ich verblüfft.
“Weil eine Mamba viel zu groß ist für dein Waschbecken.”
“Ich sagte doch, wenn, dann war es eine junge Grüne Mamba. Und so klein ist mein Waschbecken auch nicht.”
“Ja,ja, das hab ich meiner Haushälterin auch erzählt, aber sie meinte, auch eine kleine Mamba ist viel größer als dein Waschbecken.”
“Was soll das denn heißen?”
“Hab ich auch nicht verstanden. Ich hab also noch einmal von vorne angefangen. Du weißt, mein Swahili ist auch nicht so toll. Aber jetzt weiß ich Bescheid.”
“Und?”
“Nun, ich weiß jetzt, dass 'Mamba' das Swahiliwort für 'Krokodil' ist.”

Ich jedenfalls hab aus dem Vorfall gelernt und habe seitdem eine Haushälterin. Die kennt sich zwar nicht mit Schlangen aus, aber dafür gibt es kein dreckiges Geschirr mehr in der Spüle.


Übrigens verliere ich bei dieser Tote-Schlange-auf-Straße-Foto-Aktion irgendwie meine Schirmmütze. Ich fahre zwar noch zurück, als ich das wenige Kilometer später bemerke, doch kann ich sie nicht wiederfinden. Das ist sehr ärgerlich, da ich bei dieser intensiven Sonne unbedingt eine Kopfbedeckung brauche. Ich beschließe, später in der nächsten größeren Ortschaft, mir auf dem Markt eine neue zu kaufen.
Ein paar Stunden später passiere ich tatsächlich ein größeres Dorf. Zwar gibt es dort auch Buden mit Kleidung und sogar mit Baseballmützen, aber keine in meiner Größe. Doch dann kramt ein hilfsbereiter Verkäufer ein Stapel grüner Wahlkampfkappen mit dem Emblem des tansanischen Präsidenten hervor. Ohne eine auszuprobieren lehne ich ab. Die könnte er mir schenken, die würde ich nicht aufsetzen, gebe ich ihm zu verstehen. Die Leute um mich herum brechen in Gelächter aus und versuchen auch gar nicht mich umzustimmen.
Später finde ich dann aber doch noch eine, ohne Präsidenten.

Die Straße schlängelt sich die nächsten zwei Tagen durch eine trockene, steinige und unwirtliche Landschaft. Nur entlang dem Flusslauf des Ruaha-Rivers gibt es einen grünen fruchtbaren Streifen. Schirmakazien prägen ansonsten das Bild, und vereinzelnd sehe ich die sonderbaren Baobab-Bäume aus deren wuchtigen Stamm nur ein blattloses, dürres Geäst sprießt. Schatten gibt es nicht und die Sonne brennt erbarmungslos. Zwischen den großen Löchern in der Straße weicht der verbleibende Asphalt auf.
Trotz der Hitze genieße ich noch einmal die weite Savanne. Denn schon bald wird es hinauf aufs Hochplateau gehen, in die Mbeya Highlands.




Lang lebe der Radfahrer!

Der Verkehr ist weniger geworden, aber nicht ungefährlicher. Nach wie vor sind Überlandbusse und Lastwagen unterwegs, die ihre rücksichtslose Fahrweise keineswegs abgelegt haben. Nur die Verschnaufpausen zwischen den Angriffen sind länger geworden. Nach wie vor gilt das Gesetz des Stärkeren. Nur die Harten kommen in den Garten. Moderne natürliche Auslese, Evolutionstheorie in Praxis. Dass die Fahrer auf schwache Nichtautofahrer also keine Rücksicht nehmen, ist aus ihrer Sicht vielleicht nachzuvollziehen, dass sie aber nicht einmal vor dem üblen Zustand der Straße Respekt haben, ist einfach nur dumm. Deshalb freut es mich auch jedes mal, wenn ich an defekten, verunglückten oder ausgebrannten Lastwagen vorüber fahre. Und davon gibt es genug auf den Straßen Tansanias. Die schlecht gepflegte und nur notdürftig reparierte Technik hat vor der Straße kapituliert. Abgefahrene Reifen explodieren, Bremsen versagen, Pfusch in der Elektrik lösen Brände aus oder die heldenhaften Fahrer verlieren bei viel zu hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über ihr überladenes Fahrzeug.
Wenn ich an den vielen Wracks vorüberfahre, hoffe ich nur immer, dass kein Unbeteiligter in den Unfällen verwickelt war. Um Fahrer und Fahrzeug tut es mir nicht Leid. Die sind selber Schuld. Eben noch der König der Landstraße und jetzt nur noch ein wertloses Wrack. Die Evolutionstheorie besagt eben auch, dass nur der überlebt, der sich auf seine Umgebung einstellt und sich anpasst.







Macht ruhig so weiter. Die Dinosaurier dachten auch sie seien die Größten.

Gut, ich gebe zu, nicht nur die tansanischen Autofahrer spinnen. Viele einheimische Radfahrer sind auch nicht besser und ziehen einfach auf die andere Straßenseite ohne vorher zu kucken. Auch Fußgänger tun das ganz gerne. Andere wiederum gehen zwar ordentlich am Seitenstreifen, drehen sich aber plötzlich zur Seite und vergessen dabei, dass sie einen fünf Meter langen Baumstamm tragen.



Ein Klassiker sind auch die bäurischen Frauen, die dazu neigen, wie die Hühner plötzlich auf die Straße zu rennen, wenn man sich ihnen nähert, um dann auf halber Strecke wieder zurück zulaufen.

Aber im Großen und Ganzen gibt es keine Probleme mit den Menschen an der Straße. Die Leute freuen sich immer, wenn sie den armen Mzungu sehen, der sich mit einem Fahrrad und seinem ganzen Hab und Gut über die Straße quält.
Immer werde ich freundlich begrüßt und mir wird ein schöner Tag gewünscht. Natürlich grüße ich freundlich zurück. Dazu reicht mein Swahili gerade noch. Wenn mir wieder Frauen entgegenkommen, die schwere Lasten, Brennholz und Baumstämme auf ihrem Köpfen transportieren, rufe ich Ihnen ein 'Pole za kazi, mama' zu, was mein Bedauern für ihre schwere Arbeit zum Ausdruck bringt. Das kommt immer gut bei ihnen an. Viel mehr Swahili braucht man auch kaum zu wissen. Ein 'Pole za kazi, BABA' muss man zum Beispiel nicht lernen, da in Tansania die Schwerstarbeit eh nur von Frauen gemacht wird.
Lächelnd und motiviert strampel ich dann weiter, bis wieder ein gottverdammter Bus wildhupend und um Haaresbreite an mir vorüber rast.


Vorsicht Schlaglöcher!


Mzungu!

Das Wort 'Mzungu' meint eigentlich nur Reisender, genauer gesagt, weißer Reisender, also Ausländer, also immer reicher Ausländer. Nichts besonderes also. Das Dumme ist aber, dass jeder Tansanier, der meint, er müsste auf sich aufmerksam machen, 'Mzungu' ruft, wenn er einen Ausländer sieht. 'Mzungu' ist also zu vergleichen mit dem ewigen 'Gringo' in Lateinamerika oder dem noch nervigeren 'You, you, Mister' in Äthiopien. Aber um ehrlich zu sein, ist es immer noch besser als das völlig bescheuerte 'Hey, Joe' auf den Philippinen.
In der Regel rufen aber nur die Kinder 'Mzungu'. Falls es ein Erwachsener tut, weiß man, an den Dorftrottel geraten zu sein. In diesem Fall erübrigt sich das freundliche Grüßen und man sollte schleunigst verschwinden, da man sonst ohne Rücksicht auf die Unkenntnis der Sprache zugetextet wird.
Nach Vorstellung der Kinder hat ein Mzungu nun nichts Besseres zu tun, als anzuhalten und großzügig Geld und Kugelschreiber zu verteilen. Das geben sie mir auch immer wieder lautstark zu Verstehen.



Deshalb versuchte ich anfangs bei Dorfdurchfahrten immer möglichst leise zu sein. Doch das bringt gar nichts. Selbst in scheinbar verwaisten Dörfern sitzt immer irgendwo versteckt ein Kind, die Mzunguwache sozusagen, dass sofort lautstark 'Mzuuunguuu!' kreischt, wenn ich mich auf leisen Reifen nähere. Einen Augenblick später materialisieren sich alle anderen Kinder des Dorfes aus dem Nichts und stimmen sofort hysterisch mit ein, rennen hinter mir her und verlangen 'Money, money' oder 'Pen, pen'.
Am Anfang ist das noch witzig, weil verblüffend, aber nach dem zehnten Dorf verfliegt die gute Laune. Richtig nervig wird es dann, wenn auch noch die Dorftrottel mit einstimmen.
Wenn ich einmal relaxt bin und mit den herbeigeeilten Kindern ein einfaches Gespräch führen möchte, kommt aber nicht mehr viel Englisch. Bei 'Money' und 'Pen' hört's dann schon auf. Und wenn ich einmal statt dem simplen Wort 'Money' einen kompletten Satz höre wie 'Give me money' weiß ich auch nicht, ob ich mich darüber freuen soll.



Je weiter man übrigens Richtung Westen kommt, werden die Sätze anspruchsvoller. Um Iringa hört man dann gerne und häufig: 'Give me my money'. Wieder weiß ich nicht ob ich das gut finden soll. Das klingt so... unhöflich. Deshalb bin ich auch überglücklich als während einer Rast ein kleines Mädchen brav zu mir spricht: “Excuse me Sir, give me my money!”
Doch ansonsten bleibt es beim bewährten 'Mzungu!'. Gerade in den ersten Tagen ging mir das ewige 'Mzungu' an die Nerven; heute höre ich es schon gar nicht mehr. Ich erinnere mich, dass ich in den ersten Tagen morgens von Hahnenschrei geweckt wurde und ich hätte schwören können, dass die Mistviecher 'Muuuuzuuuuunguuuuu' krähten.


Mbeya ist weit

Nun geht es bergauf, in Serpentinen. Mein Tacho zeigt Steigungen bis 14 Prozent an. Längst fahre ich auf der kleinsten Übersetzung. Schritttempo, mehr ist nicht drin. An einer etwas flacheren Passage dröhnt in Zeitlupe ein Tanklaster an mir vorbei. Das lasse ich nicht auf mir sitzen, schalte einen Gang hoch und bleibe dran. Die Sonne brennt und Schweißtropfen besprenkeln die Fahrbahn unter mir. Dann kommt wieder eine enge und steile Kurve und ich kann nicht anders, hake mich ein und lasse mich ein Stückchen mitziehen. Doch irgendwann geht das auch nicht mehr und ich muss den Tankwagen ziehen lassen. Doch zehn Minuten später, wieder an einem besonders steilen Stück, hab ich ihn wieder. Offenbar ist er stehengeblieben. Ich überhole und als ich auf Höhe der Zugmaschine bin, sehe ich, dass sich die Räder drehen, der Tankzug sich aber nicht bewegt. Der Teer an dieser Stelle ist so heiß, dass er sich verflüssigt hat und die Antriebsräder nicht greifen, durchdrehen und der ganze Zug nun langsam zurückrutscht. Der Beifahrer ist bereits aus der Fahrerkabine gesprungen und macht sich an den Reifen zu schaffen. Keine Ahnung was er dort macht, ich will es auch gar nicht herausfinden, sondern sehe zu, dass ich hier möglichst schnell verschwinde.


Kleinere Reparaturen, wie Kolbenwechsel, werden spontan an der Straße erledigt

Gegen Mittag komme ich ziemlich fertig oben an. 1200 Höhenmeter zeigt mein Tacho. Jetzt freue ich mich auf die lange hügelige Abfahrt nach Iringa. Doch, komisch, jetzt geht es erst noch einen kleinen Hügel hoch. Jetzt aber, kurzes hinunterrollen, dann schon wieder einen Hügel hoch. Dann noch einer und noch einer. Ich glaub es einfach nicht. Ich hätte schwören können, dass es nur noch bergab ging, als ich schon einmal mit dem Auto hier lang fuhr. Den ganzen Nachmittag geht das so, keine rasante Abfahrt, stattdessen immer nur leicht bergauf. Kurz vor Iringa bin ich dann auf tausend sechshundert Metern. Jetzt, geht es wirklich bergab. Nur nicht für mich, mein Campingplatz liegt genau hinter dem letzten Hügel.

Die nächsten Tage sehen nicht anders aus. Hügelig, immer in einer Höhe zwischen 1400 und 1600 Metern und seit Neustem auch mit viel Wind - natürlich von vorne. Wenn der böige Wind einmal nachlässt, spüre ich die Höhe. Es geht alles etwas schwerer und langsamer, als sonst. So werden die Etappen kürzer. Statt 120 sind nur noch 90 Kilometer drin. Das ist zwar nicht schlimm, da ich Zeit habe, aber es gibt hier nicht mehr so viele Dörfer mit Unterkünften. Auch die Verpflegung wird schwierig. Jetzt bin ich schon froh, wenn es wenigstens Chipsi Mayai gibt.


Bei den Unterkünften darf man manchmal nicht wählerisch sein

Mbeya wird nicht nur die letzte Stadt in Tansania für mich sein, es ist vielmehr auch die letzte Stadt, die ich bereits kenne. Alles was danach kommt, ist mir unbekannt. Darauf freue ich mich schon sehr. Aber besonders freue ich mich darauf, dass es hinter Mbeya wirklich und endgültig bergab geht.
Doch so weit ist es noch nicht. Ein paar Tage muss ich schon noch durchhalten und dem Wind von vorne und den rasenden Idioten von hinten trotzen. Und zu allem Überfluss ist eine weitere Plage hinzugekommen: Die Polizei.


Polisi

Ich bin auch wirklich überrascht, dass ich bisher noch nicht das zweifelhafte Vergnügen gehabt hatte, von der Polizei angehalten worden zu sein. Tatsächlich habe ich bisher immer Glück gehabt, dass an den Checkpoints jedes Mal so viel Verkehr war, dass diese Wegelagerer sich die dicksten Fische herausziehen konnten. Ich gehörte da eben nicht mit zu. Doch hier ist kaum Verkehr und so kommt es, wie es kommen musste. Ich quäle mich gerade einen Hügel hoch, als oben auch schon ein Uniformierter auf mich wartet.
Nun hat die tansanische Polizei eigentlich gar nichts mit Polizei zu tun, wie wir das in Europa kennen. Es geht einzig und allein um Schikane und Korruption. Wie die Autofahrer spielen Polizisten ihre Macht voll aus. Die dürfen Alles und machen auch Alles. Man fährt zu schnell, weil sie das so geschätzt oder ihre Laserpistole so eingestellt haben. Man parkt falsch obwohl niemand erklären kann, wie man richtig parkt. Oder man ist Mzungu. Dann muss man schon per se zahlen. Schließlich hat der Mzungu genug Geld und zahlt auch immer ohne murren die Phantasiebeträge für die Phantasievergehen. Nur ich nicht. Prinzipiell nicht. Da scheue ich auch keine längeren Diskussionen.
Also, ich komme gerade den Berg hoch, als der ⚡☠✞⚛☈♨ mich stoppt, und zwar nicht mit schnittiger Geste oder freundlicher Bitte, sondern im rabiaten und zu tiefst verachtenden Befehlston:
"Hey, you guy, stop immediately!"
Da stehe ich ja gar nicht drauf. Nichts gegen eine zünftige Auseinandersetzung, ich bin für jeden Streit zu haben, doch das riecht nach Ärger. Ärger für ihn. Ich sehe mich schon stundenlang auf dem Revier sitzen, um Anzeigen wegen Korruption und Handgreiflichkeiten zu erstatten. Doch im letzten Augenblick beherrsche ich mich, tue so, als wollte ich ihn überfahren, schleudere ihm im gleichen Tonfall noch ein paar deutsche Schimpfwörter aus tiefstem Herzen entgegen und bin auch schon wieder weg. Wir sind quitt. Hat sich der Konfliktbewältigungskurs in der Auslandsvorbereitung doch gelohnt.


Bewerberinnen für den Polizeidienst mit unter 120 kg Lebendgewicht werden in Tansania nicht genommen.
Glaube ich.

Irgendwann ist auch Mbeya erreicht. Zum Schluss geht es noch einmal hoch auf 1800 Meter. Ich gönne mir ein ordentliches Hotel, dusche ausgiebig und bummel anschließend durch die Stadt. Mbeya gefällt mir. Es ist groß genug, um alles fürs tägliche Leben zu bekommen und klein genug um ein entspanntes, persönliches Flair zu haben. Prompt treffe ich auch einen tansanischen Technikerkollege, der hier arbeitet und dann auf eine Gruppe Motorradfahrern, mit denen ich bereits in Bagamoyo schwatzte. Wir trinken zusammen ein Bier, oder zwei, und beenden unseren Abend zeitig. Ich will am nächsten Morgen früh raus. Es verspricht ein langer und harter Tag zu werden, der in Malawi enden soll.