Namibia – Auf gut Deutsch



Einfach ausgedrückt besteht Namibia aus zwei Teilen, der Kalahari-Wüste im Osten und der Wüste Namib im Westen. Als Namibiadurchquerer habe ich keine Wahl – ich quäle mich durch beide. Einziger Lichtblick inmitten der flirrenden Hitze und der grenzenlosen Weite sind eine handvoll größerer Kleinstädte wie Windhoek und Swakopmund, die, als wollten sie die Eintönigkeit der Umgebung noch verstärken, besonders herausgeputzt sind und alle erdenklichen Annehmlichkeiten bieten, die sich ein ausgezehrter Radfahrer erträumen kann. Doch dazu später
mehr.
Der Grenzübergang von Botswana nach Namibia ist wenig spektakulär. Das Gleiche trifft für die Landschaft zu. Alles bleibt wie es ist, öde und trockene Steppe soweit das Auge reicht. Nur die Straße ändert sich, sie wird schmaler. Es gibt hier keinen Seitenstreifen mehr und somit keinen Platz zum Ausweichen, wenn ich mich mit zwei Autos auf gleicher Höhe treffe; von Lastwagen einmal ganz zu schweigen. Unschön auch der unendliche Zaun rechts und links entlang der Straße. Er soll Wildtiere oder Autofahrer schützen, je nach Betrachtungsweise. Er hält aber auch Radfahrer davon ab, abseits der Straße eine Mittagspause einzulegen. Das Campen in der Kalahari ist somit auch unmöglich. Man kommt aus diesem Straßengefängnis einfach nicht heraus.
Deshalb nehme ich hiermit alles zurück, was ich im Botswanakapitel über die Ödnis und Eintönigkeit für Radfahrer gesagt habe. Namibia ist schlimmer, Namibia ist zermürbend.


Auch die Entfernungen zu den Campingplätze werden größer.


Windhoek

Das schwarze Teerband der Straße windet sich durch trockene Steinwüste. Die letzte Etappe nach Windhoek ist noch einmal hügelig. Merkwürdig nur, dass auch wenige Kilometer vor Windhoek keine Anzeichen einer Stadt zu sehen sind. Ich zweifel an meinem Tacho oder an die Entfernungsangabe auf meiner Landkarte. Noch drei Kilometer – kein Haus weit und breit. Noch zwei Kilometer – keine Menschenseele. Noch ein Kilometer – tote Hose. Null – das Ortseingangsschild und gleich dahinter fangen die gepflegten Reihenhäuschen der Hauptstadt an. Keine Vororte, keine Bretterbuden, keine Autohändler, Gemüsestände oder Tankstellen, stattdessen, unmittelbar aus dem Nichts, friedliche und makellose Kleinstadtidylle. Ich passiere Ampeln die funktionieren und begegne andere Verkehrsteilnehmer, die sie beachten. Auf dem Boulevard gleite ich im Schneckentempo dahin, fasziniert von den hübschen Läden und den flanierenden Menschen. An einem Café halte ich dann an. Ungläubig bestaune ich die Auswahl an belegten Brötchen und Kuchen und bestelle, weil ich mich nicht entscheiden kann, gleich vier verschiedene Sorten. Bei einem Kaffee in einer Fußgängerzone versuche ich die verwirrenden, weil völlig unafrikanischen Eindrücke der letzten zwanzig Minuten zu verarbeiten.



Der Kulturschock dauert ganze zwei Tage. Ich behandle ihn mit Milch- und Fleischprodukten im bislang unbekanntem Ausmaß, sowie mit Käse- und Apfelkuchen und viel Kaffee dreimal täglich nach den Mahlzeiten. Auch der Erwerb von deutschen Büchern wirkt lindernd. Letztendlich komme ich aber zu dem Schluss, dass ich mit Namibia endgültig Afrika verlassen habe. Nichts ist wie bisher. Der Lebensstandart ist hoch und das Lebensgefühl ist deutsch. Nicht nur die Läden haben deutsche Namen, sondern man wird auch sogleich in den Läden auf Deutsch angesprochen.
Eine Beschreibung Windhoeks kann ich mir somit sparen. Es ist eine typische, deutsche Kleinstadt mit Fußgängerzone, Modegeschäften, dem Bäcker an der Ecke, Straßencafés und Biergärten, wie in Deutschland, nur eben im Hochsommer. Urlauber aus Deutschland mögen vielleicht verwundert oder unbeeindruckt sein, für mich ist das aber nach den vielen Entbehrungen furchtbar aufregend.


Deutschtest

Mir war schon bewusst, dass Namibia vor langer Zeit einmal eine deutsche Kolonie war, Deutsch-Südwest eben. Aber, dass soviel Deutschtum übergeblieben ist, überrascht mich schon. In Tansania zum Beispiel ist gar nichts geblieben, außer vielleicht dem Wort 'Shule'.
Während ich am darauffolgenden Tag wieder einmal bei einem Stück Kuchen im Straßencafé sitze, beschließe ich herauszufinden, wie deutsch Windhoek wirklich ist.
OK, es gibt deutsche Buchläden, eine deutsche Zeitung, Brot, Wurst und Bier, aber wie sieht zum Beispiel der Bahnhof aus? Ein deutscher Bahnhof muss nach meiner Vorstellung ein stattliches, wilhelminisches Gebäude sein. Ich unternehme also einen kleinen Verdauungsspaziergang. Nach wenigen Minuten stoße ich bereits auf die 'Bahnhofstrasse', die auch tatsächlich so heißt; also nicht etwa 'Station St'. Wenig später stehe ich dann vor dem Bahnhof. Nicht nur stattlich, sondern auch hübsch ist er, mit, wer hätte das gedacht, einem richtigen Bahnhofsvorplatz. Ich würde sagen: Volle Punktzahl.



So, und jetzt zurück zu den Straßennamen. 'Bahnhofstrasse' war ja schon 'mal nicht schlecht, aber wie sieht es aus mit, sagen wir einmal, der 'Beethovenstrasse'? Ja, vorhanden, liegt gleich an der 'Wagnerstrasse'. Das war nun wirklich zu einfach. Jetzt kommt's aber, der ultimative Straßennamentest. Gesucht wird die namhafteste deutsche Straße, quasi die Mutter aller Straßennamen: Die Uhlandstraße. Kein normalsterblicher Deutscher weiß zwar wer oder was Uhland war, aber in der deutschen Straßennamenbenennungsverordnung scheint die Uhlandstraße zum Pflichtteil zu gehören.
Und? Deutschtest bestanden? Ja, hier ist sie:



Auch Kirchen gibt es. Richtige Kirchen mit richtigen Glocken.



Laut meinem Fähnlein-Fieselschweif-Handbuches gibt es hier in Windhoek die Evangelisch-Lutherischen Kirche der Republik Namibia (ELCRN), sowie die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia (DELK). Nicht in Windhoek soll allerdings die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELCIN) vertreten sein.
Ich versuche erst gar nicht herauszufinden, wo da der Unterschied ist, vermute aber stark, dass der ungefähr so groß ist, wie zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa.

Um die deutsche Gemütlichkeit zu vervollkommnen, gibt es jedes Jahr ein Oktoberfest und den berühmten Windhoeker Karneval.



Ich komme leider nicht zur rechten Zeit, schade, schade, besuche zum Ausgleich stattdessen aber ein super Fahrradgeschäft. Es steht einem modernen deutschen Radladen in gar nichts nach. Leider brauche ich nichts. Mein Fahrrad läuft tadellos. Dennoch sehe ich mich interessiert um. Das Geschäft ist riesig und in der Werkstatt wird fleißig an Rennrädern und Mountainbikes geschraubt. Das ist verwunderlich, da ich auf Namibias und Windhoeks Straßen bisher kein einziges Fahrrad gesehen habe.
Andererseits habe ich auch bisher niemanden Fußball spielen sehen, obwohl Fußball in Namibia Nationalsport sein soll. Von den zwölf Fußballvereinen der Namibia Premier League stammen übrigens allein sieben aus Windhoek. Das bedeutet, dass fast jedes Spiel ein Heimspiel ist. Auch nicht schlecht.


P.S. Uhland war übrigens nicht der Erfinder der gleichnamigen Straße, sondern ein deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler, Jurist und Politiker. Vorname: Ludwig, 1787 bis 1862.
(Musste ich aber auch erst im Fähnlein-Fieselschweif-Handbuch nachsehen)


Souvenirs

Um Souvenirläden mache ich normalerweise einen großen Bogen. Das Angebot in Tansania, Malawi und Sambia war nämlich immer das Gleiche und somit auf Dauer langweilig.
Hier in Namibia kommen aber interessante Andenken hinzu. Ein Blick lohnt sich. Die Salz- und Pfefferstreuer mit der 'Schutztruppen' Aufschrift zum Beispiel, sind schon 'mal nicht schlecht. Oder hier, der Wandteller mit der kaiserlichen Reichskriegsflagge. Hmm, oder sollte ich doch den Löwen in der Schneekugel kaufen? Der würde noch irgendwie ins Gepäck passen. Also, die komplette Schutztruppenuniform ist definitiv zu warm für meine Afrikadurchquerung. Aber der Tropenhelm, der hat es mir angetan. Wenn ich nicht schon einen Fahrradhelm dabei hätte, würde ich mir den glatt kaufen. Ich bin hin und hergerissen. Na, erstmal sehen, was es noch in Swakopmund gibt.


Bemerkenswertes

Als ich zum SPAR-Supermarkt fahren will und ihn auch nach längerem Suchen nicht finden kann, frage ich nach dem Weg. (Ich schreibe das jetzt mal nicht so laut, da Männer ja bekanntlich nie nach dem Weg fragen, sondern nur ihrem erstklassigen Orientierungssinn vertrauen und wenn überhaupt, nur die Hilfe von Karte und Kompass akzeptieren.) Also, ich rede mit drei verschiedenen Leuten und, jetzt kommt's: Keiner weiß es! Wirklich jeder überlegt kurz und sagt tatsächlich: “Tut mir Leid, aber das weiß ich nicht.” In allen nördlicheren Ländern Afrikas würde man eine solche Antwort NIEMALS bekommen. Dort würde zwar auch keiner wissen, wo was ist, aber man würde trotzdem drei verschiedene Phantasieantworten bekommen. Niemand würde zugeben, dass er etwas nicht weiß und statt dessen lieber irgendwas sagen. Ich bin so baff und beeindruckt, dass es mir inzwischen völlig egal ist, den Supermarkt auch nach dem dritten Versuch nicht gefunden zu haben. Glücklich fahre ich zum Campingplatz zurück. Das ist nicht mehr Afrika!
Etwas ähnliches passiert auch jenem deutschen Motorradfahrer, den ich seit Sambia nun schon zum dritten Mal treffe. (Gruß an Jan) Sein in Äthiopien geschweißter Rahmen ist wieder an mehreren Stellen gerissen. (Achtung, Insider-Witz: Die Wörter 'schweißen' und 'Äthiopien' kann man gar nicht in einem Satz gebrauchen, da sie sich so abstoßen, wie die beiden Pole eines Magneten. Wenn man einmal erleben will, dass 'Handwerker' 'mal so überhaupt nichts können und so rein gar keine Ahnung haben und dabei sowas von sich überzeugt sind, muss einmal etwas in Äthiopien zum Schweißen geben...) Jedenfalls findet er über Mundpropaganda, man spricht deutsch, eine Werkstatt. Der Schweißer sieht sich gründlich das Problem an, überlegt lange und sagt dann langsam: “Hmm, ja, das könnte klappen.” Also kein 'Kein Problem' ohne zugehört oder hingesehen zu haben, wie im restlichen Afrika. Auch entfällt die obligatorische Diskussion über den Murks nach der Arbeit. Die Schweißnähte sind tadellos.


Kulinarisches

In Windhoek gibt es ein paar wunderbare Restaurants, die neben den unvermeidlichen Pizza-Schnitzel-Belanglosigkeiten auch Interessantes auf der Speisekarte haben. Dort findet man zum Beispiel die Tiere wieder, die man vorher noch im Reservat nur aus der Ferne sehen konnte. Mir kommt die Abwechslung recht, da ich mich in den letzten Tagen und Wochen fast ausschließlich von Müsli ernährt habe.
Ich denke, am Besten fange ich mit dem Tier an, das die schlechteste Lobby hat: Krokodil. Dazu Kroketten. Das Fleisch ist überraschend zart und der Geschmack gar nicht fischig, wie ich annahm. Sehr gut.
Hinter der Botswanischen-Namibischen Grenze konnte ich noch vor ein paar Tagen Strauße beobachten, und ich kam wieder einmal zu dem Schluss, dass Strauße die hässlichsten Vögel des Planeten sind: Riesen Füße auf langen Beinen, ein massiger flugunfähiger Körper und dann dieser winzig kleine Kopf auf dem schlangenförmigen Hals, der immer in Bewegung ist. Das passt alles nicht zusammen. Auf dem Teller sieht das schon besser aus, wie ich am Tag zwei meines Tests feststelle. Selbst mit Pommes.
Perlhuhn würde ich am Liebsten als nächstes probieren. Perlhühner sind zwar nicht hässlich, aber dafür die bescheuersten Vögel, die ich kenne. Blöd wie Hühner und dazu noch wahnsinnig laut. Leider stehen sie hier nicht auf der Speisekarte, sondern unter Naturschutz. Weshalb auch immer.
Deshalb mache ich am Tag drei mit Zebra weiter. Davon gibt es offensichtlich genug in Namibia. Diesmal mit einer Pfeffersoße. Auch klasse. Und die Streifen schmecken gar nicht durch.
Da die Speisekarten in Namibia länger sind, als in meinem bekannten Restafrikas, und überdies ist auch alles zu haben, muss ich ein paar Tage länger in Windhoek bleiben, damit ich mir von den Ernährungsgewohnheiten der Eingeborenen ein besseres Bild machen kann.
Vierter Tag meines Selbstversuches: Oryx, fünfter Tag: Springbock. Am sechsten Tag werde ich auf einen Grillabend eingeladen. Dort gibt es unter anderem Kudu. Das Allerallerbeste!
Mein siebter Tag ist ein Sonntag und komischerweise haben die meisten Restaurants geschlossen, sodass ich zur Abwechslung in ein stinknormales Steakhouse gehe. Doch was muss mein sensibilisierter Gaumen da erleben? Eine Offenbarung. Rindfleisch vom Feinsten. Ich kann mich nicht daran erinnern selbst in Argentinien besseres Fleisch gegessen zu haben.
Einen achten Tag gibt es nicht mehr. Es wird Zeit, dass ich die zugeführten Kalorien wieder verbrenne. Zwei, drei Tage sind es noch bis Swakopmund und ich bin am Meer. Ich breche also auf und plane meine kulinarische Expedition in Swakopmund fortzusetzen.


Nach Swakopmund

Gestärkt und frohen Mutes breche ich zur letzten Etappe meiner Afrikadurchquerung auf. Doch statt der komfortablen, aber längeren Teerstraße will ich die direkte Verbindung, eine einsame Schotterpiste, benutzen. Ich will es noch einmal wissen.
Ich rechne mir aus, dass ich statt drei Tagen Teerstraße, nur zwei auf der Piste brauche. Mehr darf es auch nicht sein, da es keine Ortschaften oder Farmen entlang dieser Route gibt und ich unmöglich für drei Tage Wasser mitnehmen kann. Selbst für zwei Tage reicht es eigentlich nicht. Ich muss das Wasser streng rationieren.



Die ersten dreißig Kilometer sind noch Teerstraße, doch dann geht’s los. Der Schotter beginnt und bald wird aus dem Schotter Sand. Ich muss zum ersten Mal schieben. Danach quäle ich mich wieder ein paar hundert Meter auf dem Rad und muss dann wieder absteigen. Nach keinen zwanzig Kilometer Sandpiste gebe ich auf. Es hat keinen Sinn. Die Piste ist zu weich für mein Rad und zu hart für mich. Wenn das so weiter geht, bräuchte ich sogar vier Tage. Resigniert gestehe ich mir ein, dass es aussichtslos ist. Ich habe in Namibia meinen Meister gefunden. Noch nie habe ich vorher aufgegeben, noch nie bin ich umgekehrt.
Völlig demoralisiert erreiche ich am Nachmittag wieder Windhoek.

Nächster Tag, neuer Versuch. Diesmal also auf dem Trans-Kalahari-Highway nach Swakopmund. Welch ein Unterschied! Das Rad rollt prima und das Fahren macht wieder Spaß. Und statt Wasserrationierung gibt es in den Orten entlang der Straße Kaffee mit Apfelstrudel und Bier mit Schlachteplatte. Warum nicht gleich so?
Dann endlich, am Tag drei hinter Windhoek, ist es soweit. Die ersten Hinweisschilder mit 'Swakopmund' tauchen auf. Vierzig Kilometer vor meinem Ziel setzt noch einmal heftiger Gegenwind ein. Doch es ist mir egal. Alles ist egal, die sengende Sonne und die ewige Sandwüste, nichts hält mich mehr auf. Noch zehn Kilometer bis Swakopmund. Ich beginne die Kilometer herunter zuzählen – nein, herunter zu schreien. Mich hört ja eh keiner hier in der Wüste.
Da, endlich, das Ortseingangsmonument. Ich kann es nicht fassen und halte an. Ich bin in Swakopmund angekommen. Nach zwei Monaten und einer Woche. Jetzt noch ein Beweisfoto und dann muss ich nur noch einmal in den Sattel.



Noch ist meine Reise nicht zu Ende. Ich folge der Straße, bis es nicht mehr weitergeht. Die letzten zwanzig Meter schiebe ich mein Rad noch einmal durch Sand; aber diesmal ist es Sand vom Strand. Ich stehe am Meer, meine Reise ist zu Ende. Vor 5244 Kilometern habe ich den Indischen Ozean verlassen. Nun stehe ich am Atlantik.
Kaltes Meerwasser umspült meine Beine. Ich habe vergessen die Radschuhe auszuziehen. Trotz der Kälte wird mir warm ums Herz. Ich beginne zu verstehen: Ich habe es geschafft! Ich habe Afrika durchquert!



Nachdem ich einen schönen Campingplatz gefunden, mich geduscht, rasiert und meine feinen Ausgehsachen angezogen habe, mache ich mich auf den Weg. Ohne Probleme finde ich eine gemütliche Kneipe.
Es ist Zeit für ein großes, gezapftes Bier.


Swakopmund

Am folgenden Tag erkunde ich die Stadt meiner Jugendtagträume mit dem sonderbaren Namen. Ich bin etwas enttäuscht, denn afrikanisch sieht das hier, wie nach Windhoek zu erwarten war, nicht mehr aus. Sambia und Malawi scheinen weit weg auf einem fernen Planeten zu sein. Breite und gepflegte Straßen mit schmucken europäischen Geschäften lassen auch meine letzten afrikanischen Erinnerungen verblassen. Es gibt hier kein lautes Menschengewimmel mehr, keine hupenden und stinkenden Autos, kein Braten- und Dieselgeruch. Die Obststände und Garküchen sind verschwunden. Hier shoppt man entspannt in modischen Läden und diniert in feinen Restaurants. In trendigen Buchhandlungen kaufen Deutsche in Urlaubslaune und kurzen Hosen Ferienlektüre und Ansichtskarten, und in den Cafés nahe dem rot-weißen Leuchtturm, sitzen Omis bei Kaffee und Käsekuchen mit Schlagsahne und jammern über das Wetter (zu warm in Windhoek, zu kalt in Swakopmund). Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich meinen, ich wäre auf Sylt oder in Bad Salzuflen gelandet. Alles-in-allem also etwas enttäuschend, abgesehen natürlich vom Käsekuchen.



Ich bleibe trotzdem ein paar Tage, schlage mir den Bauch mit allen erdenklichen Leckereien voll, liege faul im Garten meiner Pension und lese ein Buch nach dem anderen. Ich mache Urlaub.

Aber, ich denke auch über meine letzte Etappe nach Kapstadt nach. Mir ist klar, dass das wahre Afrika hinter mir liegt. Mit Namibia ist alles anders geworden und wird noch … ja, was? ... Schlimmer? Ich werde unter europäischen Bedingungen nach Kapstadt fahren. Der Verkehr wird zunehmen und ich werde in behaglichen Hotels übernachten und in weichen Betten schlafen. Aber will ich das überhaupt? Werden die letzten 1600 Kilometer zum Ende des Kontinents nur noch ein ödes Abspulen von Kilometern sein? Verkümmert meine Afrikadurchquerung nun zu einer Kaffeefahrt?
Wie dem auch sei, ich beschließe trotzdem bis ans Ende zu fahren, auch wenn es ein bitteres sein wird.
Aber so einfach muss ich es mir auch gar nicht machen. Es gäbe da nämlich eine Alternative. Ich bräuchte einfach nur die Hauptstraße meiden und quer-durch fahren - die Sandpiste durch die Namib-Wüste.
Aber ist das vernünftig und überhaupt möglich mit dem Fahrrad?
Dabei gibt einen guten Grund genau das zu tun, genauer gesagt sogar zwei.
Laut meinem Fähnlein-Fieselschweif-Handbuchs sind die Sanddünen bei Sossusvlei mitten in der Namib-Wüste nämlich DAS Highlight einer jeden Namibiareise. Riesige, bis zu 400 Meter hohe Sanddünen sollen sich dort, mitten im Nichts und weit entfernt von der nächsten asphaltierten Straße vor Menschengedenken gebildet haben.
Als ich aber mit Reisenden spreche, die schon einmal dort gewesen waren, werden die Dünen kaum mit einem Halbsatz erwähnt. Stattdessen wird verschwörerisch und mit leuchtenden Augen davon berichtet, dass es auf dem Weg dorthin, an dem berühmten Abzweig von Solitaire, gut 130 Kilometer vor den Dünen, den wohl besten Apfelstrudel von Namibia, ach was, der ganzen Welt, geben soll.
Hatte ich bisher mit mir gehadert und den Sinn einer Durchquerung einer der trockensten und unwirtlichsten Gegenden der Erde mit dem Fahrrad in Frage gestellt, werden nun, Dank dieser neuen und wichtigen Information, alle meine Vorbehalte mit einem Mal weggewischt. Die Sache ist klar: Auf nach Solitaire!

Am darauffolgenden Morgen befülle ich alle Wasserflaschen, hake meine Packtaschen ein und mache mich wieder auf den Weg.
In einer Woche, so meine hoffnungsvolle Planung, könnte ich den Apfelstrudel probiert und die Dünen abgehakt haben, aus der Namib heraus sein und wieder festen Asphalt unter den Reifen haben.
Wenn Alles gut geht...


Durch die Namib-Wüste

Die Namib durchzieht das Land entlang der Küste von oben bis unten, von Angola bis Südafrika und gab Namibia seinen Namen. Zusammen mit dem kalten, aus dem polaren Süden kommenden Meeresstrom, entsteht hier ein besonderes Klima: Trockene Wüste bis direkt ans Meer, das ungemütlich kalt und fischreich ist. Oder für Urlauber ausgedrückt: Zum Schwimmen zu kalt und zum Sonnenbaden zu heiß.

Die ersten 35 Kilometer entlang der Küste nach Walvis Bay sind noch Teerstraße, nichts Aufregendes, zum Warmfahren quasi. In Walvis Bay angekommen, fahre ich an einem großen, unscheinbaren Kreisel dann links ab, Richtung Wüste und Flugplatz. Mein Herz pocht jetzt etwas schneller. Doch richtig Ernst sieht das noch nicht aus. Noch rolle ich auf bestem Teer. Nur der leichte Gegenwind irritiert mich ein wenig. Fünfzehn Kilometer später, direkt hinter der Landebahn des Flugfeldes, dann das Unausweichliche. Das seidenweiche Teerband geht über in sandige Piste. Ich rolle aus und steige ab. Nachdenklich hocke ich mich hin und lasse den Sand durch meine Finger rinnen, während mein Blick der Piste folgt, die sich fern am Horizont in ein flimmerndes Nichts auflöst.


Und im Ohr die Filmmusik von 'Lawrence von Arabien'

Bis nach Solitaire, das mit dem Apfelstrudel, sind es jetzt noch zwei Tage und von dort bis zur Teerstraße Windhoek-Kapstadt zwei weitere, mindestens. Das Problem ist nun, dass meine 10 Liter Wasser nur für einen einzigen reichen. Und da es unterwegs, außer in Solitaire, keine Möglichkeit gibt, die Wasservorräte aufzufüllen, bin ich auf freundliche Autofahrer angewiesen, denen ich hoffentlich begegnen werde.
Darüber hinaus werde ich mit zwei weiteren Unannehmlichkeiten zu kämpfen haben. Das ist einmal die sengende Sonne, der ich nicht einer Minute entgehen kann, weil es nirgendwo Schatten gibt. Und dann ist da noch die Piste selbst. Wenn der Sand zu locker ist, werde ich mit meinen schmalen Fahrradreifen nicht weiterfahren können. Ich habe im Sudan schon einmal eine Ewigkeit in brütender Hitze durch Sand schieben müssen. Das muss ich nicht noch einmal haben.
Aber ich werde vernünftig sein. Ich denke, ich weiß auf was ich mich einlasse und werde deshalb zuerst die Piste testen. Ich nehme mir vor, genau eine Stunde zu fahren und erst dann will ich eine endgültige Entscheidung treffen, ob eine Weiterfahrt machbar ist oder ich endgültig umkehre.
Nach einer Stunde bin ich immer noch wankelmütig. Ich kann die Piste noch nicht lesen. Manchmal ist der Sand steinhart, und dann scheinbar der gleiche Sand so locker, dass ich wegdrifte und abrupt steckenbleibe. Oder die betonharten Querrillen, das berühmte Wellblech, ist so ausgeprägt, dass sich die Wasserflaschen von den Packtaschen losrappeln und ich sie verliere, trotz Vollfederung meines Rades. Einen runden Tritt zu fahren ist unmöglich und die Piste erfordert meine volle Konzentration. Aber was habe ich auch anders erwartet?
Also, los! Jammern gilt nicht. Auf nach Solitaire!

Doch ich komme nicht weit. Das kühlendes Lüftchen hat sich inzwischen zu einem starken Gegenwind entwickelt, der mich nicht nur von Kopf bis Fuß einsandet, sondern mir auch noch das letzte Fünkchen Motivation raubt. Der Sand klebt mir auf der durchgeschwitzen Haut und knirscht zwischen den Zähnen. Ich mache immer längere Pausen und die Strecken dazwischen werden immer kürzer. Inzwischen ist der Wind ungestümer und der Sandstrahl schärfer geworden. Nach einer längeren Pause, in der sich die Wettersituation nicht bessern will, beschließe ich nach Walvis Bay zurückzufahren - für heute. Es hat keinen Zweck. Aber aufgeben will ich dennoch nicht. Ich will nur besseres Wetter abwarten und es in den nächsten Tagen noch einmal versuchen.
Auf der Rückfahrt bin ich, trotz des Scheiterns völlig entspannt. Ich bin mit mir im Reinen, habe gar nicht das Gefühl etwas nicht geschafft zu haben. Stattdessen habe ich meine Reisephilosophie gefunden: Ich passe mich in Zukunft der Natur an und akzeptiere ihre Kraft. Ich werde mich nicht mehr gegen sie auflehnen oder gar versuchen sie zu bezwingen.


Gleich wird's ungemütlich

Zurück in Walbis Bay sehe ich mir am Abend zum ersten Mal einen Wetterbericht im Fernsehen an. Der Sturm hatte es in Windhoek nicht nur zum ersten Mal seit langem wieder regnen lassen, sondern auch gleich für ein Unwetter mit Überschwemmungen gesorgt. Doch so schnell er gekommen war, so schnell soll er auch wieder verschwinden. Ab morgen soll das Wetter schon wieder beständig sein.

Am nächsten Morgen bin ich bereits kurz nach Sonnenaufgang an der Stelle, wo ich tags zuvor abgebrochen habe. Vom Sturm ist nichts mehr zu sehen; dafür brennt bereits die Sonne am wolkenlosem Himmel. Ich bin gut motiviert, auch wenn das Fahren auf dem ständig wechselnden Untergrund eine Qual ist. Ich wechsle pausenlos von einer Seite der Piste auf die andere, weil die gegenüberliegende immer als die Bessere erscheint.
Gegen Mittag bin ich bereits völlig am Ende. Die Sonne brennt, es weht kein Lüftchen, und ich muss, wenn ich meinen Plan einhalten will, heute noch sechzig Kilometer fahren. Das bedeutet bei meinem momentanen Tempo noch weitere fünf bis sechs Stunden. Trotz meiner Kraftlosigkeit, kommt ein Anhalten für eine kurze Rast aber nicht in Frage. Denn nur der leichte Fahrwind bedeutet etwas Linderung, so gering er auch ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich strampel mechanisch weiter, ohne Pausen.
Sehnsüchtig denke ich an Botswana zurück, als ich mich zur schlimmsten Mittagshitze unter schattige Bäume legte und zwei Stunden dösen oder schlafen konnte.
Meine Arme und Beine sind inzwischen trotz Lichtschutzfaktor dreißig verbrannt und ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich schwitze. Willkommen in der Vorhölle.
Ich bin schlecht drauf. Ich will nicht mehr. Ich könnte gerade das Rad in die Ecke werfen? Und dann? Hier gibt’s noch nicht mal Ecken, hier gibt’s gar nichts, nur Hitze und Sand. Ich stelle alles in Frage. Was soll das? Was mache ich hier eigentlich? Und, gibt es überhaupt etwas Schlimmeres? Doch da kommt mir Tschechow tröstend in den Sinn, der einmal bemerkte:
'Hunderte von Werst öder, eintöniger, verbrannter Steppe können einen nicht so in Trübsinn stürzen wie ein Mensch, der dasitzt, redet, und niemand weiß, wann er geht.'
Stimmt auch wieder. Es gibt tatsächlich Schlimmeres. Ich werde durchhalten.



Am späten Nachmittag lässt endlich die Hitze nach. Ich fahre seit über zehn Stunden, non-stop. Nur zum Flaschenwechseln habe ich angehalten. Meine Laune wird wieder besser. Aber nicht nur ich lebe auf, es kommt auch Leben in die Wüste.
Ein Straußenpärchen läuft leichtfüßig und unbekümmert neben mir her, als wenn ich einer von ihnen wäre. Der überraschter Kojote hingegen nimmt Reißaus, als er mich sieht. Eine Herde Springböcke hat mich bereits von Weitem gewittert und ist weiträumig auf Distanz gegangen, nicht ohne mich interessiert zu beobachten. Im Rückspiegel sehe ich, wie die Sonne den Horizont allmählich rot einfärbt. Es wird Zeit ein Nachtlager zu finden. Auf einer leichten Anhöhe, hinter einem Steinwall finde ich wenig später den idealen Platz für mein Nachtlager, windgeschützt und doch mit viel Überblick.



Die Sonne ist bereits untergegangen, als mein Zelt aufgebaut ist. Es ist inzwischen kalt geworden. Trotzdem dusche ich noch gründlich. Das ist mir immer eine Flasche Wasser wert. Frisch gewaschen und in sauberen, warmen Sachen bereite ich mir im Mondlicht mein Müsli zu. Dazu gibt es Wasser. Wieder einmal brauche ich nicht mehr, um glücklich zu sein. Zufrieden schlüpfe ich in meinen Schlafsack. War doch gar nicht so schlimm heute. Ich freue mich schon auf morgen!

Der Wecker piept um fünf Uhr. Das ist zwar noch zu früh und zu kalt um loszufahren, aber ich will auch gar nicht aufstehen. Ich will nur mein Zelt weit öffnen, mich wieder in meinen warmen Schlafsack einmummeln und die Sterne betrachten. Der helle Mond vom Abend zuvor ist verschwunden und Myriaden von Sternen glitzern von Horizont zu Horizont. Ich bin hellwach. Es ist atemberaubend. Ich überlege, ob der Himmel über der Wüste genauso schön ist, wenn man mit dem bequemen Auto unterwegs ist. Dann denke ich mir Namen für die Sternzeichen aus, die ich entdecke.
Als es am Horizont langsam heller wird und die Sterne allmählich verblassen, stehe ich auf und packe. Ich kann es kaum erwarten wieder losfahren zu können.

Heute ändert sich die Landschaft. Ich brauche nicht lange fahren, als die Sandwüste langsam einer Gesteinswüste weicht. Der Untergrund wird fester. Dann taucht am Horizont eine Gebirgskette auf, die ich erreiche noch bevor es richtig heiß wird.



Beim serpentinenmäßigen Anstieg kommt mir mein erstes Auto entgegen. Der Fahrer schaut mich ungläubig aus dem geöffneten Fenster an. Ich nutze seine Neugier, halte meine Trinkflasche hoch und rufe ihn nach Wasser an. Er hält sofort. Nach einem kurzen Plausch (in deutsch, was sonst?) überlässt er mir gleich fünf Liter. Ich freue mich, dass sich mein dringendstes Problem so einfach gelöst hat.



Um die Mittagszeit kommen mir weitere Touristen in ihren 4x4-Campern entgegen, verlangsamen, grüßen mich mit erhobenen Daumen oder machen Fotos von mir. Ich fühle mich beflügelt und das Rauf und Runter durch die Canyonlandschaft macht mir nichts mehr aus. Dann überholt mich langsam, bei einem besonders fiesen Anstieg, ein Reisebus und die Reisenden winken mir durch die geöffneten Fenstern zu und applaudieren.
In einer Schlucht, entlang einem ausgetrockneten Flusses, mache ich eine Rast. Hier ist etwas Schatten. Prompt hält ein weiterer Camper und ein älteres Ehepaar bietet mir Wasser, Cola, Kekse und Obst an. Ich nehme dankend fünf weiter Liter Wasser. Kaum fahre ich wieder ein paar Kilometer, als ein weiterer Geländewagen von hinten kommt, verlangsamt und die Leute mir zu rufen, ob alles in Ordnung sei oder ob ich etwas brauchen würde.
Ich weiß nicht, ob das 'Nein, bestens, alles super“ wirklich ernst genommen wird, von diesem sonnenverbrannten, schwitzenden Typen da auf dem Fahrrad inmitten der Wüste bei flirrender Hitze. Aber das Lächeln dazu brauche ich mir nicht abzuringen, es ist echt.
Wenig später überholt mich der nächste, langsam und im respektablen Abstand, um mich nicht einzustauben und hält vor mir an. Vier Franzosen wollen alles über meinen Trip wissen. Ich gebe Interviews am Pistenrand.
Witzig ist, dass in den Campern stets ältere Ehepaare unterwegs sind, die mir auch immer die selben Fragen stellen. Vati fragt mich immer nach technischen Einzelheiten, wie viele Platten ich hatte und wie viele Kilometer ich täglich fahre, während Mutti bloß wissen möchte, ob ich auch immer genug zu Essen bekomme.
So kommt es, dass die härtesten und anstrengendsten Tage meiner Tour, auf den furchtbarsten Pisten die ich kenne, auch die motivierendsten und schönsten Tage werden.
Als ich endlich an der Tankstelle von Solitaire einfahre, erwartet mich bereits jubelnd eine Reisegruppe. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Schwerfällig und breitbeinig steige ich von meinem Rad, wie John Wayne in seiner besten Zeit von seinem Pferd. Eine interessierte Menschentraube umlagert mich. Ich antworte vergnügt auf das inzwischen wohlbekannte Woher- kommst-du, wie-viele-Kilometer-fährst-du, hast-du-auch-immer-genug-zu-essen und klopfe mir den Sand aus Hemd und Hose.
„Leute, nehmt es mir nicht übel, aber ich brauch' erstmal 'nen Kaffee.“
„Kaffee gibt’s nebenan und dazu noch den besten Apfelstrudel Namibias.“
„Danke. Genau deshalb bin ich hier“, entgegne ich und schiebe mein Rad hinüber zur wohl berühmtesten Bäckerei Afrikas.


Der Ort Solitaire ist eigentlich gar keiner, sondern nur eine Tankstelle an der Kreuzung zweier sandiger Pisten.

Auf dem nahen Campingplatz bleibe ich zwei Tage. Ich könnte länger bleiben, die Duschen sind vorbildlich, Brot, Kuchen und Kaffee gibt es ausreichend, und zu Lesen habe ich auch noch genug. Doch nach zwei Tagen bekomme ich bereits Bauchschmerzen vom maßlosen Apfelkuchengenuss und vom maßlosen Overlander-Party-Volk. Es wird Zeit, zum letzten schwierigen Abschnitt aufzubrechen: Über Sossusvlei (das mit den Sanddünen), hoch nach Maltahöhe, um dann endlich die Teerstraße nach Südafrika zu erreichen. Geschätzte Fahrzeit: Vier Tage.


Nicht nur bei Wüstenfahrern ist der Apfelstrudel beliebt.


Maltahöhe

Sossusvlei liegt hinter mir. Die Sanddünen sind abgehakt. Sicher, die Dünen sind schon imposant und pittoresk, doch nachhaltig beeindruckt hat mich eher die makellose Teerstraße, die unverhofft vor dem Schlagbaum am Eingang des Nationalparks Sossusvlei beginnt und auf sechzig Kilometern Länge direkt zu den Dünen führt. Obwohl ich bereits einen halben Tag raue und staubige Piste hinter mir habe, kann ich es nicht erwarten wieder aus Teer zu rollen. Ich lasse kurzentschlossen mein Gepäck auf dem Campingplatz am Eingang zurück und fahre sofort, nein fliege, auf feinstem Teer auf meinem nun schwerelosen Rad Richtung Dünen.


Halleluja - Eine Teerstraße!

Bereits nachmittags um vier bin ich wieder zurück auf dem Campingplatz und habe im besten Touristenstil die Sanddünen aus allen Winkeln fotografiert, über 190 Kilometer mehr in den Beinen und einen Tag eingespart.



Ziel des darauffolgenden soll ein Ort mit dem schönen Namen Maltahöhe sein. In meiner Phantasie ist dies ein kleines, hübsches und beschauliches Dorf mit mildem Klima und freundlichen Menschen auf einer sonnenverwöhnten Anhöhe.
Aus der unregelmäßigen Sandpiste wird endlich eine festere, kalkulierbare Schotterpiste. Doch so richtig Fahrfreude will nicht aufkommen. Ich wundere mich, warum es sich heute wie auf Klebstoff fährt. Mehrmals überprüfe ich ungläubig den Reifendruck. Erst ein zufälliger Blick auf den Höhenmesser meines Tachos gibt mir die Erklärung. Langsam, aber stetig nimmt die Höhe zu. Ich fahre die ganze Zeit bergauf ohne es zu merken. Am Ende eines verfluchten Tages habe ich über 1700 Höhenmeter zusätzlich zu den 170 Schotterpistenkilometern in den Beinen. Mein letztes habe ich gegeben, um Maltahöhe noch heute zu erreichen, um nun festzustellen, dass ich wohl im ödesten Ort Afrikas gelandet bin. Alle Läden sind ebenso geschlossen, wie das einzige Hotel am Platz. Von Menschen fehlt jede Spur. Nur ein scharfer, kalter Wind weht durch die verlassende Durchgangsstraße.
Mit Mühe und nach langem Suchen finde ich eine namenloser Herberge mit einem großen, ungenutztem Parkplatz. Hier wäre zur Not Platz für mein Zelt. Als ich das scheinbar verlassene Grundstück betrete und mir nach lautem Rufen endlich ein hagerer und freudloser Typ entgegenkommt und mich gelangweilt mit monotoner Stimme begrüßt, habe ich bereits einen Namen für diese Absteige gefunden: Bates Motel.
Lust zu Bleiben habe ich nicht, doch noch weniger Lust habe ich darauf, einen anderen Campingplatz zu suchen, den es womöglich gar nicht gibt. Nein, ich will nirgendwo mehr hin. Ich will nur noch schlafen.
Mit Mühe finde ich ein halbwegs ebenes Plätzchen auf dem verwahrlosten Platz, zwischen Schrott und mannshohem Unkraut, entferne die dicksten Steine und baue mit letzter Kraft mein Zelt auf. Die Sonne ist inzwischen untergegangen und es ist bereits dunkel und lausig kalt geworden. Ich liege in meinem zu dünnen Schlafsack, indem bereits die Kälte der Nacht kriecht. Ich bin todmüde, doch das pausenlose Kläffen der Wachhunde lässt mich nicht zur Ruhe kommen. „Kann es überhaupt noch schlimmer kommen?“, denke ich resigniert. Da nähert sich knurrend einer der Hunde und pisst an mein Zelt.


Berichtigung

Wenn ich noch im Botswanakapitel behauptet habe, Botswana sei nichts für Radfahrer, muss ich das an dieser Stelle zurücknehmen. Botswana ist hervorragend zum Radfahren – im Vergleich zu Namibia. Namibia ist zu heiß, die Pisten sind zu weich, die Teerstraßen zu schmal und die Entfernungen zu groß. Trotzdem, Namibia ist phantastisch! Namibia ist ein herrliches Reiseland – nur eben nicht für Radfahrer.
Deshalb werde ich eines Tages zurückkommen. Das ist sicher. Dann aber mit dem Auto.