Malawi - klein, aber fein
Geschafft, ich bin in Malawi. Unterwegs habe ich noch Zweifel, ob ich das heute noch schaffen werde. Die Strecke ist viel länger und anspruchsvoller, als ich gedacht habe. Schuld daran ist der Berg hinter Mbeya den ich in meiner Tourplanung irgendwie übersehen habe. Und es geht noch einmal so richtig hoch hinaus, bis auf 2.200 Meter. Aber dann ist es endlich so weit, Kette rechts und im Sturzflug die kurvenreiche Straße hinunter. Nichts hält mich auf. Auch nicht die lahmen Daladalas, die Sammeltaxis, die ich ungebremst rechts oder links überhole. Die Passagiere freuen sich mit mir. Der Tacho touchiert zum ersten Mal den Siebzigerbereich und schon bald ist von der kargen Berglandschaft nichts mehr zu sehen. Auf hügeliger und seidiger Teerstraße geht es nun durch Teeplantagen und Wälder von Bananenstauden hinunter ins grüne und fruchtbare Tal, an den Malawi-See.
Auch später, als es wieder flacher wird, fahre ich eine dicke Übersetzung. Ich habe viel Zeit beim Anstieg heute Morgen verloren, die gilt es jetzt aufzuholen, oder ich werde einen weiteren Stopp in Tansania machen müssen.
Über die Grenze
Tatsächlich ist es dann auch schon fast drei Uhr, als ich im tansanischen Grenzort ankomme. Spontan bremse ich an einem einladenden Guesthouse. Macht keinen Sinn weiter zu fahren. Wer weiß, wie lange das an der Grenze dauert? Und dann sind es noch 50 km bis in die nächste malawische Stadt...Dem Verwalter des Guesthouses erkläre ich, dass ich eine ausgiebige Dusche gebrauchen könne und deshalb heute hier bleiben möchte. Kein Problem für ihn und er zeigt mir ein nettes Zimmer mit Dusche. Ich akzeptiere und drehe kurz im Hinausgehen noch am Wasserhahn. Es kommt kein Wasser.
„Nein, tut mir Leid“, sagt er unschuldig lächelnd, „Wasser haben wir nicht.“
Stimmt, von Wasser war ja auch nicht die Rede.
Ich habe keine Lust mehr auf Tansania und fahre doch noch an die Grenze.
Kaum an der Grenze angelangt, werde ich von Geldwechslern umringt. Zwar muss ich unbedingt Geld tauschen, doch will ich das nicht auf der Straße tun, wenn mir so viele Leute gleichzeitig auf die Pelle rücken, hier am Arm zupfen, dort mein Fahrrad befummeln und mir mit ihren Geldscheinen vor dem Gesicht herumwedeln. Das sind solche Momente, wo es definitiv besser ist, zu zweit zu reisen.
Ich dränge mich durch die Menge hindurch an den Schlagbaum und betrete das Niemandsland, wo sich das Ausreisebüro befindet. Die aufdringlichen Geldwechsler bleiben am Schlagbaum zurück. Jetzt habe Ruhe, mich um die Formalitäten zu kümmern, aber dafür noch kein Geld. Gut, das kann ich auch auf malawischer Seite tauschen. Eins nach dem Anderen.
Die Ausreise geht überraschend flott. Die obligatorischen kugelrunden tansanischen Beamten in ihren XXXL Uniformen, Moderichtung: Wurst in Pelle, drücken mir gewohnt träge und unbeholfen den Stempel in den Pass und ich gehe weiter zu ihren malawischen Kollegen.
Dort gibt mir ein sehr freundlicher Beamter nach der problemlosen Einreiseprozedur noch Tipps für die Weiterfahrt. Mir fällt auf, als wir uns so unterhalten, dass nicht nur alle Mitarbeiter hier viel flotter arbeiten, sondern auch ganz anders aussehen... so normal... so adrett... so sympathisch... Ich sehe mir die Leute nun genauer an und ich muss sagen, dass sowohl die Frauen, als auch die Männer hübsch und stattlich anzusehen sind. Was doch ein Zentner weniger Körpergewicht so ausmacht, besonders in Uniform.
Tatsächlich werde ich erst fast zwei Wochen später in der Hauptstadt Lilongwe meine ersten dicken Malawier sehen.
Ach so, Geldwechsler gibt es auf malawischer Seite natürlich keine. Und zurück kann ich nicht mehr. Ich hätte auch keine Zeit mehr dazu. Jetzt muss ich aber wirklich Gas geben. Erst in Karonga, fast 50 km von hier, gibt es wieder eine Unterkunft.
Noch vor dem Dunkelwerden erreiche ich erschöpft und mit schwere Beinen die kleine Stadt. Am Ende habe ich meine längste Etappe bisher gefahren, 166 Kilometer, und wahrscheinlich war ich auch mit 2.200 m Höhe auf dem höchsten Punkt meiner gesamten Reise.
Geldtausch oder Die Goldene Stimme von Prag
In Karonga gibt es nicht viel zu sehen oder zu tun. Trotzdem bleibe ich zwei Nächte. Die 166 Kilometer von gestern stecken mir noch in den Beinen oder schlimmer noch, im Hintern.Einziger Tagesordnungspunkt für heute: Geld tauschen. Ich habe noch ein ganzes Bündel tansanischer Schillinge, die ich unbedingt loswerden muss. Doch bis jetzt haben mich alle nur merkwürdig angesehen, wenn ich mit meinen Shillingi ankam. Der Hotelmanager rät mir, es auf dem Markt zu versuchen. Dort gäbe es neben einem Viehmarkt auch einen Schwarzmarkt.
Nach einem ordentlichen Frühstück (Chipsi) stopfe ich mir mein Geld in die Hosentasche, schwinge mich auf mein Rad (oh, tut der Hintern weh) und fahre los. Zur Sicherheit nehme ich auch meine Kreditkarte mit, man weiß ja nie, denn Geld brauche ich auf jeden Fall.
In der nächsten Stunde fahre ich kreuz und quer durch die Stadt, aber meine Schillinge werde ich einfach nicht los. Zu guter Letzt finde ich aber eine Bank, die zwar auch nicht mein tansanisches Geld haben will, dafür aber wenigstens einen Geldautomaten hat. Der Automat akzeptiert meine Karte und ich erhalte ratternd einen Stapel Geldscheine. Da der größte Schein hier in Malawi der Fünfhunderter ist, das entspricht etwa 2 Euro 50, besitze ich nun einen weiteren ansehnlichen Batzen Geld, den ich mir in die andere Hosentasche stopfe.
Mit einem Lächeln verlasse ich die Bank. Endlich ist ein langersehnter Jugendtraum von mir in Erfüllung gegangen, und als ich wieder auf dem Rad zurück zum Guesthouse radle, singe ich voller Inbrunst die alte
Volksweise: “Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld.”
Jetzt habe ich mir neben einem wunden Hintern auch noch einen Ohrwurm geholt.
HeroRats
Am folgenden Tag fahre ich weiter an dem Malawi-See entlang und dem böigen Wind entgegen. Am frühen Nachmittag mache ich an einem schönen Beach-Resort halt. Wenig später nehme ich mein erstes Bad im See und mir wird schlagartig klar, dass der Malawi-See tatsächlich ein See mit Süßwasser ist und nicht der vertraute heimische Indische Ozean. Die anschließende Dusche kann also entfallen.Abends treffe ich auf einen Belgier, der in Malawi in einem Solar-Entwicklungshilfeprojekt arbeitet. Das ist zwar keineswegs langweilig, aber interessanter finde ich das Projekt, in dem er vorher gearbeitet hat. Denn er lebte in Morogoro in Tansania, wo auch mein Freund Martin wohnt, und arbeitete bei APOPO, was bei Martin um die Ecke liegt. Zwar war ich an dem Hinweissschild APOPO vorbeigefahren, als ich Martin besuchte, doch wusste ich bisher nicht, was APOPO ist. APOPO ist nämlich ein Projekt, dass sich mit der Dressur von Riesenhamsterratten beschäftigt. Kein Witz. Ratten sind nämlich in der Lage Sprengstoff zu erschnüffeln und werden nach der Dressur zum Aufspüren von Landminen eingesetzt. Von APOPO werden die Ratten deshalb HeroRats genannt.
Tatsächlich können die Nager das Minenaufspüren viel zuverlässiger und schneller, als moderne Technik das kann. Auch Hunden sind sie überlegen, weil sie aufgrund ihres geringeren Gewichtes nicht immer gleich explodieren, wenn sie Minen finden. Außerdem sind sie intelligenter und lernen schneller als Hunde und sind vor allem nicht an ihre Ausbilder gebunden. So kommt es, dass trainierte Ratten aus Morogoro in Gaza oder Mosambik arbeiten und dort helfen Landminen zu beseitigen.
Da soll noch einer sagen, Tansania hat keine weltweit gesuchten Fachkräfte zu bieten.
Livingstonia
„Nein, hoch nach Livingstonia kannst du mit deinem Rad nicht fahren. Das ist viel zu steil. Außerdem besteht die Straße nur aus groben Schotter und dicken Steinen. Da kannst du nur schieben und das dauert Stunden“, so der Kommentar von dem ansonsten seriösen Resort-Besitzer.Na, das wollen wir erstmal sehen.
Livingstonia ist ein kleiner Ort in den Bergen, hochoben über dem Malawi-See. In der Kolonialzeit bauten hier schottische Missionare ihre Mission mit Kirche und Allem, was dazu gehört. Wohnhäuser im kolonialem Backsteinstil folgten, sowie der obligatorische Clock Tower, eine Marotte der Briten.
Interessant ist das verschlafene Städtchen, weil die alten Häuser heute noch stehen und sogar als Teil einer Universität benutzt werden. Livingstonia liegt idyllisch in den bewaldeten Bergen und man hat einen wunderbaren Blick auf den Malawi-See. Das Problem ist nur der Weg dorthin. Der Weg ist steil, unbefestigt und selbst eine Bus- oder Sammeltaxiverbindung gibt es nicht.
Natürlich bin ich doch hochgekommen, fahrend.
Tatsächlich ist der Anstieg wirklich eine Herausforderung. Grober Schotter, dicke Steine und supersteile Spitzkehren verlangen einem alles ab. Dazu brennt die Sonne erbarmungslos auf den tapferen Radfahrer nieder.
Dafür dauert die heutige Etappe aber auch nur drei Stunden. Und das Beste ist, nach dieser lungenpfeifenden Anstrengung wird man, ein paar Kilometer vor dem Ort, mit einem ungewöhnlichen Campingplatz belohnt. Die kleinen Parzellen für die Zelte sind nämlich zum Teil wie Schwalbennester in den Berghang eingebettet. Viel Platz bleib nicht und vor dem Zelt fällt der Berg steil ab. Dafür ist der Blick aus dem Zelt spektakulär. Doch wer nachts einmal raus muss, sollte genau hinsehen ob der Schritt in die richtige Richtung geht.
Nachdem mein Zelt aufgebaut ist und ich mir ein ausgiebiges zweites Frühstück einverleibt habe (unter anderem mit selbstgebackenem Brot, Eiern, die zum ersten Mal seitdem ich in Afrika bin nach Eiern schmecken und dazu frisch gebrühtem Kaffee, kein löslicher, den es sonst immer und überall gibt), mache ich einen kleinen Ausflug nach Livingstonia.
Das Dorf liegt friedlich da, wie ein Museumsdorf. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Es ist Sonntag, vielleicht deshalb. Alte Backsteinhäuser mit roten Giebeldächer lassen eher heimische als afrikanische Gefühle aufkommen. Durch die breite Allee mit den alten, mächtigen Bäumen weht ein Hauch von Kolonialismus. Ich kaufe mir ein wenig Obst an dem einzigen, geöffneten Lädchen, mache im Schatten der alten Bäume Mittag und anschließend ein Nickerchen.
Dr. Livingstone, I presume?
Als die Glaubenbrüder hier ihre Mission bauten, benannten sie sie nach ihrem Kollegen und Vorbild David Livingstone, der ein paar Jahre vorher verstorben war. Livingstone war Missionar und Entdeckungsreisender, der als erster Europäer den Malawi-See sah, oder wie es zu seiner Zeit noch hieß, den Malawi-See entdeckte. Bereits einige Jahre zuvor stand er als erster Weißer vor den Victoriafällen des Sambesi.In Malawi gefiel es ihm so sehr, dass er blieb. Er nahm sich vor, zusammen mit einer handvoll Missionarsbrüdern und Gottes Hilfe, etwas gegen den Sklavenhandel zu tun. Doch der Gegner war übermächtig und unbeeindruckt. Livingstone musste letztendlich klein beigeben und sogar vor den Sklavenhändlern flüchten. Er verließ Malawi wieder und machte erst einmal Urlaub auf Sansibar. Auf Dauer muss ihm das aber zu langweilig gewesen sein, denn er brach später wieder von dort zu einer weiteren Tour ins Landesinnere auf, diesmal um nach den Quellen des Nils zu suchen.
Die Quellen des Nils sollte er nie finden und auch das Sklavenproblem wurde erst Jahrzehnte später von den Briten gelöst. Die fackelten nämlich nicht lange und knüpften einfach die Sklavenhändler auf - von wegen Gottes Hilfe. Nachdem sie im Land schon einmal aufgeräumt hatten, behielten sie Malawi auch gleich als Kolonie.
Ach so, die Überschrift. Livingstone hatte sich bei seiner Nilquellensuche verfranzt und zu Hause in Europa hatten ihn viele bereits abgehakt. Henry Morton Stanley und seine Expedition fand ihn dann in Tansania. Als er Livingstone nach jahrelanger Suche endlich gegenüberstand, begrüßte er ihn very british mit den Worten: Dr. Livingstone, wie ich annehme?
Rumphi
Rumphi ist eigentlich ein völlig belangloses Nest auf dem Weg Richtung Süden. Für mich ist es aber aus zwei Gründen bemerkenswert.Erstens, die Straße. Es ist für mich die vielleicht schönste Straße Afrikas. Sie ist kurvig, hügelig, schlängelt sich an einem Fluss entlang, am Straßenrand stehen Bananenstauden, Menschen begrüßen mich freundlich und selbst die Kinder winken nur freudig und rufen: „Bye, bye.“ Nicht ein einziges 'Mzungu'.
In jedem Dorf in Malawi gibt es Brunnen, an denen ich meine Wasserflaschen auffüllen kann. Zu pumpen brauche ich nicht. Dies erledigen mit viel Freude die wäschewaschenden Frauen oder es kommen Kinder angerannt um den Mzungu zu helfen.
Des weiteren hat die Straße eine tadellose Teerdecke und es gibt kaum Verkehr. Manchmal kommt mir erst nach einer Stunde ein Auto entgegen. Und überholt werde ich immer rücksichtsvoll mit viel Abstand und in angemessener Geschwindigkeit.
Eine Eisenbrücke mit Holzbohlenauflage überfahre ich mit viel Vorsicht und Bedacht. Mit dem Auto ist mir einmal eine durchgebrochene Bohle hochgeschnellt und hat den ganzen Wagen dabei hochgehebelt. Das linke Trittbrett war danach Schrott.
Der zweite Grund, warum ich Rumphi bemerkenswert finde, ist, weil ich hier sehe, wie anders Malawi im Vergleich
zu Tansania ist. In Rumphi steige ich wieder in einem sehr einfachen Guesthouse ab. Auf dem ersten Blick wirkt alles abstoßend, weil verwahrlost und heruntergekommen. Beim genauen Hinsehen ist aber trotzdem alles sauber.
Das Bett ist aus groben Holz gezimmert, die Matratze durchgelegen und das Laken etwas löchrig. Aber trotzdem ist das Laken frisch gewaschen und es hängt ein Mosquitonetz über dem Bett. Der Fußboden ist ausgetreten und es gibt Löcher in den Wänden. Trotzdem, es ist so sauber, dass ich Barfuß gehen kann. Eine kleine, nackte Glühbirne, angeklemmt an zwei losen Drähten, hängt baumelnd von der Decke. Aber sie funktioniert. Die Dusche ist etwas dunkel und die Installation abenteuerlich. Aber es ist Wasser da. Sicher ist eine Renovierung des Guesthouse lange überfällig und offensichtlich ist kein Geld dafür da. Aber auch klar zu erkennen, dass man sich trotzdem kümmert und das Vorhandene so gut es geht in Schuss hält. Das gefällt mir.
Ein weiterer Unterschied zwischen Tansania und Malawi fällt mir nach einer Dusche und Kleiderwechsel in der benachbarten Gaststätte auf.
Erst scheint alles wie gehabt. Der Fernseher läuft lautstark. Also, wie überall in Afrika. Aber dennoch darf ich mich nicht beklagen, denn anders, wie anderswo in Afrika schauen auch alle fern - und zwar die Gäste. Sonst ist es nämlich immer das Personal, dass den ganzen Tag fernsieht und sich nur ungern von aufdringlichen Gästen, die Wünsche haben, stören lässt. Doch, oh Wunder, als die Nachrichtensendung zu Ende ist, noch einmal: NACHRICHTENSENDUNG und keine Soap, wird tatsächlich der Ton leise gedreht! Das habe ich noch nie erlebt.
Als ich aus der überraschend reichhaltigen Speisekarte gewählt habe und der Kellner die Bestellung aufnimmt, entschuldigt er sich bei mir dafür, dass es aber 5-10 Minuten dauern kann... Ich bin sprachlos.
Ach ja, das Essen war übrigens hervorragend.

Unterkunft und Verpflegung
Die Verpflegung an der Straße ist in Malawi schwierig. Es gibt kaum etwas. Ab und an liegen am Straßenrand ein Häuflein Tomaten aus oder ein Bund Zwiebeln. Sonst nichts. Immer wieder werde ich daran erinnert, in einem der ärmsten Länder der Welt unterwegs zu sein.Nur in größeren Ortschaften gibt es Garküchen. Dann gibt es wieder Chipsi und Nzima. Nzima ist das Nationalgericht. Im Prinzip esse ich alles und bin auch immer an Neuem interessiert, doch Gott-sei-Dank weiß ich bereits, dass Nzima das malawische Äquivalent zum tansanischen Ugali ist. Kenne ich also schon, brauche ich nicht probieren. Glück gehabt.
Sehr gut ist aber die Wasserversorgung. Jedes kleinere Dörflein hat einen Brunnen mit Wasserpumpe. Die funktionieren auch alle. Das Wasser schmeckt manchmal nur etwas metallisch. Deshalb reichere ich mein Wasser jetzt immer mit einen Spritzer Zitronensaft an. Dafür ist es aber immer herrlich kühl.
Mein Standartfrühstück sind im Moment frittierte Teigbällchen, die ich mit Bananen esse. Diese Krapfen gab es schon in Tansania, aber die waren dort immer so fetttriefend, dass ich lieber die Bananen pur aß.
In größeren Ortschaften gibt es dann Läden. Nicht verschiedene, sondern genau zwei Sorten: 'Grocery' und , Investment'. Bei 'Grocery' handelt es sich um den Gemischtwarenladen, wo es Cola, Weißbrot und Lampenpetrolium gibt, aber was sich hinter 'Investment' verbirgt habe ich noch nicht verstanden. Manche verkaufen Wellblech, andere Telefonkarten und wieder andere gar nichts.
Nkhata Bay
Obwohl Malawi ein bitterarmes Land ist, gibt es dennoch touristische Orte hier, zwei, drei, um genau zu sein, die allesamt am Malawi-See liegen. Hier findet man die typischen Backpacker in den typischen Backpackerunterkünften, manchmal abgefuckte, manchmal liebevoll gestylte Hütten, die sich nicht von denen in Pokhara in Nepal und Chichicastenango in Guatemala unterscheiden. Überall gibt es das gleiche Essen, die gleiche Musik und die gleichen 'coolen' Typen. Selbst die Souvenirs sind austauschbar. Dennoch, die Aussicht auf eine Pizza statt den ewigen Chipsi ist verlockender, als die Abneigung auf laute Partynächte und öde Leute.Nkhata Bay (kann ich nicht nur schreiben sondern auch aussprechen) ist ein solches Nest. Während mein Reiseführer noch zwischen Partyplätzen und ruhigeren Guesthouses zu unterscheiden weiß, sieht die Realität schlichter aus. Die 'ruhigeren' Plätze sind verrottet, und verschlafene Verwalter zeigen mir Hüttenruinen auf deren Betten der Staub von Monaten liegt. Die Bohlenbretter von Treppen und Fußböden sind von Termiten und die Wasserhähne vom Rost zerfressen. Im Office dröhnt der Satellitenfernseher fürs Personal. Nur einen einzigen verweilenswerten Ort finde ich. Ausgerechnet ist es das, laut Reiseführer, angesagteste Party-Resort des Ortes. Immerhin gibt es hier ansprechende und liebevoll eingerichtete Hütten zu einem angemessenen Preis, die Speisekarte ist phantastisch und gegen lange Partynächte habe ich meine Ohrenstöpsel. Ich bleibe zwei Tage.
Das reicht dann auch. Die anderen Reisenden nerven mit ihren dünnen Geschichtchen und das männliche Personal mit ihrem coolen Gehabe. Während die weiblichen Bediensteten die Zimmer putzen und Essen für die Gäste kochen, sind ihre Kollegen, die Rastatypen hinter der Theke bereits morgen um acht in ach-so-cooler Partylaune und baggern unentwegt die weiblichen Gäste an. Am frühen Abends wird’s schlimmer, wenn die Bedienung, sorry, die 'Brothers' und 'Friends' genauso viel intus haben wie die Gäste. Und was sagt der südafrikanische Besitzer dazu? Gar nichts, weil der schon seit mittags in den Polstern der Lounge liegt – im Alkoholkoma.
Nach zwei Tagen intensiver Kalorien- und Kohlehydrataufnahme geht’s wieder auf die Straße. Die Menschen grüßen mich, Kinder winken. Nur ab und zu überholt mich ein lokaler Minibus, indem wahrscheinlich verkaterte Backpacker eingezwängt sitzen, mit i-Pot im Ohr, Telefondisplay im Blick und finden, wie cool es doch in Malawi ist. Doch nach wenigen Kurbelumdrehungen gehört mir die Straße wieder ganz allein. Die Reifen surren leise über den Asphalt, die Sonne lacht und ich winke den spielenden Kindern zu.
Schul- und Hausbau in Malawi
Neben oder hinter dem zu bauenden Haus wird der Lehm für die Ziegel ausgegraben...
...und in Formen gepresst...
...und neben der Grube in der Sonne getrocknet.
Anschliessend werden die Rohsteine vor Ort gebrannt.
Anschliessend kommen die Tischler und schreinern die Tische und Bänke. Ebenso vor Ort. Maßanfertigung quasi.
Stromlos
In Nkhotakota bin ich bereits um zwei Uhr (das erwähne ich nur, weil ich auch diesen Ortsnamen fehlerfrei schreiben und aussprechen kann). Ich bin heute durchgefahren, ohne Mittagspause und ohne Siesta unter einem schattigen Mangobaum. Es ist wieder ein heißer Tag. Sieben Liter habe ich bereits getrunken und sofort wieder ausgeschwitzt. Was ich jetzt brauche ist ein Dusche, frische Sachen und etwas Ruhe. Ein Guesthouse hier zu finden ist kein Problem, es gibt nur eins. Ich nehme mir ein Zimmer, natürlich mit Dusche. Doch leider gibt es keinen Strom. Kein Problem für mich. Doch da man hier kein Wasserreservoir auf dem Dach hat und die Wasserpumpe nicht ohne Strom läuft, gibt es folglich auch kein Wasser. Das kann doch nicht wahr sein! Aber um vier soll der Strom wieder kommen.„Wie kann man nur keinen Wassertank auf dem Dach haben... Der Strom ist doch sicher öfter weg...“, denke ich resigniert, als ich erschöpft und verschwitzt auf meinem Bett liege. Der Schweiß rinnt mir dem Kopf herunter. Das Radtrikot klebt am Leib. Jetzt nur nicht bewegen. Über mir knackt das Wellblechdach in der Hitze. Wenigstens ist hier Schatten. Aber dafür ist es stickig heiß hier drinnen, da kein Lüftchen weht. Die Zimmertür habe ich offengelassen, in der Hoffnung, dass sich doch ein Lüftchen in mein kleines Zimmer verirrt. Dabei könnte ich jetzt frisch geduscht hier liegen, mit angeschaltetem Deckenventilator. Stattdessen liege ich im eigenen Saft. Alles klebt und ist dreckig. Ich fühle mich ekelig. Gegen 17 Uhr, als immer noch nichts passiert ist, kapituliere ich und lasse mir einen Eimer mit Wasser und einen Becher bringen und dusche afrikanisch. Das hätte ich gleich tun sollen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne unter und draußen wird es erträglich. Gegen 19 Uhr, ich sitze gemütlich bei Kerzenschein beim Abendessen, kommt der Strom wieder. Überall bricht großer Jubel aus, als wenn in einem WM-Endspiel das entscheidende Tor gefallen wäre. Das grelle Licht geht an und mir wird freundlich lächelnd die romantische Kerze weggenommen. Dann wummern und kreischen auch schon von allen Seiten die Verstärkeranlagen. Ach war das schön, ohne Strom.
Fahrradkuriere in Malawi





Game Reserve
In Nkhotakota verlasse ich den Malawi-See endgültig und fahre hinauf in die Berge, Richtung Lilongwe, was die Hauptstadt von Malawi ist, wie jeder weiß... Nach zwei Stunden bergauf stehe ich unerwartet vor einer Schranke und werde von einem Uniformierten aufgehalten. Was ist das? Falsche Straße? Irgendeine Grenze? Da sehe ich das Schild: Nkhotakota Game Reserve, Jagdgebiet. Die Straße ist richtig, nur das Schutzgebiet ist nicht auf meiner groben Afrikakarte eingezeichnet. Mist. Erst will ich den Officer ignorieren und einfach um die Schranke herumfahren, so wie es in Tansania sicher das Beste gewesen wäre, aber hier in Malawi bin ich mir nicht sicher. Vielleicht haben die Uniformierten hier wirklich gute Gründe mich anzuhalten.Der Officer verbietet mir bestimmt, aber nicht unfreundlich die Weiterfahrt. Eine Durchfahrt für Fahrräder sei verboten. Wir fangen an zu diskutieren.
Er: „Verbot ist Verbot. Ich muss mich dran halten.“
Ich: „Das ist eine Nationalstraße, die jeder befahren darf und das Verbot gilt nicht für die Straße, sondern für den Park rechts und links neben der Straße.“
Er zögert und verweist auf seinen Befehl und auf das Verbotsschild. Wir gehen ein paar Meter zurück und sehen uns gemeinsam das Schild an:
'Anhalten und Aussteigen verboten. Fußgänger verboten. Vorsicht wilde Tiere.'
Ich gewinne Oberhand.
„Da, kein Verbot für Radfahrer!“
Er ist verwirrt und weist auf die große Gefahr durch die Löwen hin.
Ich: „Papperlapapp, Löwen... Doch nicht hier.“
Er: „Doch, klar, es gibt sogar viele hier.“
Jetzt bin ich es, der verunsichert ist. Er bietet mir an, hier auf einen Lastwagen zu warten. Der könne mich doch durch den Park mitnehmen. Im Prinzip eine gute Idee, aber doch nicht für die lächerlichen vierzig Kilometer. Er gibt die Diskussion auf. Das könne er nicht entscheiden. Das könne nur sein Chef.
„Gut, dann rufen wir ihn eben an.“
Überraschenderweise gibt er mir wirklich die Telefonnummer und ich telefoniere mit dem Chef. Auch für ihn ist die Durchfahrt für Fahrräder völlig undenkbar. Doch auch er wird nach einer Diskussion zweifelnder. Schließlich gibt er zu, dass meine Argumente logisch klingen, dass aber ein Durchfahren mit dem Fahrrad trotzdem idiotisch sei, wegen der vielen Löwen. Ich habe ihn soweit. Tatsächlich einigen wir darauf, dass ich fahren könne, wenn ich so dumm sei, aber auf eigene Verantwortung. Yes! Wieder eine Diskussion gegen Uniformierte gewonnen. Ich gebe mein Telefon den Uniformierten und er bekommt den Befehl mich ziehen zu lassen. Doch als ich triumphierend dastehe und mich der Officer mitleidig und unsicher ansieht, beginne ich zu zweifeln. Vielleicht ist das doch keine Beamtenschikane à la Tansania und man meint es wirklich nur gut mit mir. Doch nun ist es zu spät. Jetzt muss ich mein Gesicht wahren.
Der Soldat öffnet mir die Schranke. Ich bedanke mich betont freundlich und mit Handschlag bei ihm.
„Und, was machst du wenn dich ein Löwe anfällt?“
Ich zeige auf meinen Massai-Stock und sage ihm, dass der Löwe dann was erleben kann. Wir lachen beide, zugegeben, etwas aufgesetzt. Dann setzt er noch einen drauf, und ruft mir hinterher:
„Go in peace but not in pieces.“
Ich habe gewonnen, aber war das wirklich klug? Wie Ernst kann man Uniformierte in Malawi nehmen, und wie Ernst die Jagdgebiete. Zugegeben, Jagdgebiet klingt schon danach, dass es da auch etwas zu jagen
gibt. Die Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Auf was habe ich mich da eingelassen? Es gibt nicht einmal Verkehr hier. Nicht ein einziges Auto kommt mir entgegen, nicht ein blöder Lastwagen überholt mich. Zum ersten Mal fühle ich mich nicht wohl alleine unterwegs zu sein. Aber würde das was ändern, wenn noch ein zweiter Radfahrer dabei wäre? Gut, die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem Löwenangriff würde immerhin um 50% steigen. Der schnellere würde wohl überleben. Ach was soll's, Löwen sind dämmerungsaktiv. Um die Mittagszeit liegen die doch immer nur satt und faul herum und sind völlig harmlos. Mittags? Wir haben neun Uhr. Wann frühstücken Löwen eigentlich? Und so weiter und so weiter. Mein Gehirn rattert die ganze Zeit, während meine Beine einen neuen Etappenrekord aufstellen wollen. Mist, auf was habe ich mich da eingelassen? Und warum ist das so bergig hier? Und so schrecklich heiß? Und die Straße so schlecht? Und warum ist kein Verkehr?
Nach gefühlten 48 Stunden sehe ich endlich in der Ferne das andere Parktor. Ich breche mein Lied ab, ich hatte das laute Singen dem Grübeln vorgezogen, und jubel. Mann, das war wirklich eine Scheißidee. Und es wird mir eine Lehre sein. Ehrlich. Denn in Botswana und Namibia werde ich in vergleichbare Situationen kommen; auch dort muss ich den ein oder anderen Nationalpark durchqueren. Ich werde mich dann aber von Lastwagen mitnehmen lassen. Ganz bestimmt.
Hohen Hauptes und betont lässig passiere ich die Schranke. Der Officer starrt mich mit offenen Mund an.
„Wo kommst du denn her? Das gibt’s doch gar nicht! Das ist doch verboten.“
Freundlich grüßend fahre ich an ihm vorbei und halte unweit hinter der Schranke im Schatten eines Baumes, wo Chipsi-Sieder ihren Fritierstand aufgebaut haben. Jetzt brauche ich erstmal eine große Portion Chipsi und eine Cola. Der Uniformierte gesellt sich zu mir und alle wollen meine Geschichte hören.
„Geschichte? Da gibt’s keine Geschichte. Ich hab nicht ein einziges Tier gesehen, nicht einmal einen blöden Vogel.“ Aber langweilig war es trotzdem nicht.
Später in Lilongwe, gehe ich meiner aus Tansania eingeschleppten Uniformenphobie nach, recherchiere im Internet und spreche mit Peace-Corp-Volontären. Demnach gelten Polizisten hier in Malawi durchaus als respektabel und es gibt wenig Grund zur Klage. Auch mit der Korruption sieht es anders aus. Während in Tansania die gesamte Polizei als korrupt gelten kann, der Staat im allgemeinen auch nicht besser ist, ist Korruption hier in Malawi nicht soooo das Thema. Auf der Korruptionsrangliste von 'Transparency International' ist Malawi immerhin im nicht ganz so schlimmen Mittelfeld zu finden, während Tansania im trostlosen unteren Viertel herumlungert.
http://www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/cpi/2009/cpi_2009_table
Lilongwe
Ich nähere mich der Hauptstadt. Die Menschen werden verschlossener, kaum einer grüßt mich mehr. Nur die Kinder sind genauso wenig kontaktscheu wie eh und je. Doch ihr Wortschatz lässt zu wünschen übrig. Aus einem 'Hello', 'Bye-bye' oder 'Good morning' ist nur noch ein 'Gud mon' übriggeblieben.Nur ein kleines Mädchen bringt mich völlig aus dem Konzept, als es mir zurief:
„What is my name?“
Hm, da muss ich raten...
Lilongwe kann man vergessen. Es gibt nichts zu sehen oder zu tun dort, also auch keinen Grund zu bleiben. Ich bleibe trotzdem, gleich ein paar Tage, weil ich diesen blöden Text auf den neusten Stand bringen will.
Zwischendurch gehe ich auch 'mal auf die Straße und sehe mir die Geschäfte an. Dabei fällt mir auf, dass das Warenangebot im Vergleich zu Tansania doch sehr limitiert ist. Viel gibt es wirklich nicht zu Kaufen, und das, was es gibt, ist sehr viel teurer. Ich schätze, dass die importierten Waren gut zwei- bis dreimal so teuer sind wie in Dar, O-Saft kostet gar viermal so viel.
Dann sehe ich mir die Buchgeschäfte an. Das mache ich immer in Großstädten. Zum Einen brauche ich immer selbst neue Lektüre, zum Anderen sehe ich mir gerne Schulbücher an. Dabei bekommt man einen guten Einblick in das Bildungssystem im Land.
Es finde zwei kleinere Läden. Der eine hat nur zerlesene Billigromane aus den USA; ich kenne nicht einen Autor. Der andere sieht vielversprechender aus. Die Schulbücher sind Hochglanzbücher auf europäischen Niveau, und, ich glaub' ich sehe nicht richtig, doppelt so teuer wie eben dort. Wer soll das denn bezahlen?
In einer Ecke finde ich sogar ein Fachbuch für praktische Elektronik. Das Buch sieht zwar etwas abgegriffen und ausgebleicht aus, aber der Inhalt ist prima. Vielleicht ein Schnäppchen? Von wegen, umgerechnet 100 $ soll das angegriffene Buch kosten. Die spinnen doch!
Später will ich noch in einem Schreibwarengeschäft einen Kugelschreiber kaufen. Ich habe meinen irgendwo liegengelassen. Der einfachste Allerwelts-Big-Kugelschreiber kostet mich zwei Dollar. Kein Wunder wenn die Kids auf der Straße immer 'Pen, Pen' rufen.
Liebe malawische Regierung, so geht das nicht!

Life is a beach
