Botswana – Armes reiches Land



Um es vorweg zu nehmen, Botswana ist todlangweilig - jedenfalls für Radfahrer. Die Entfernungen zwischen den Ortschaften sind riesig, Wasser gibt es kaum und zu sehen eigentlich auch nichts, da man mit dem Fahrrad nicht in die interessanten Gebiete hineingelassen wird. Da aber sehr viele voll ausgerüstete 4x4-Camper mit Dachzelten und eingebauten Kühlschränken aus Südafrika und Namibia hier unterwegs sind, glaube ich gerne, dass Botswana dennoch viel zu bieten hat – nur eben nicht für uns Radfahrer.


Rücke vor bis Nambia.
Gehe nicht nach Botswana.
Fahre nicht 1200 km durch die Ödnis.

Natürlich war auch Botswana früher eine britische Kolonie und natürlich waren es wieder Livingstone und seine Missionsbrüder, die auch hier für den rechten Glauben sorgten. Aber das hatten wir ja schon...
Damit hören aber auch schon die Gemeinsamkeiten zu den bisherigen Ländern auf. Denn Botswana ist anders.
Erste Auffälligkeit: Es gibt kaum Menschen. In ganz Botswana leben so viele Menschen, wie allein in meinem bisherigen Wohnort Dar Es Salaam und das in einem Land, das fast doppelt so groß ist wie Deutschland. Man sieht also kaum Leute, was in so fern prima ist, da es somit auch keine nervenden Kinder gibt. Weniger prima ist allerdings, dass nicht nur die Bevölkerungsdichte so gering ist, sondern, dass die auch noch abnimmt. Denn Botswana hat ein Aidsproblem. Jeder Dritte hier ist HIV-positiv. Das ist die höchste Rate - weltweit. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern unverständlich; gilt das relativ hochentwickelte Botswana doch als Vorzeigeland und afrikanischer Hoffnungsträger. Aber aus Botswana werde ich eh nicht schlau. Doch dazu später mehr.




Okavangodelta

Botswana steht aber auch für Angenehmeres. Da ist zum Beispiel das Okavangodelta und die Nationalparks drumherum, wo Naturfreunde die afrikanische Tierwelt erleben können.
Da natürlich jeder die Landkarte von Botswana im Kopf hat, werden sich alle nun berechtigterweise fragen 'Delta', Botswana ist doch ein Binnenland? Richtig! Das ist ja der Witz. Der große Kubango-Fluss, der in Angola entspringt, fließt nämlich nicht zum Meer, wie man das von einem richtigen Fluss erwarten könnte, sondern mitten ins wüstenhafte Botswana, bildet dort ein Flussdelta, das Okavangodelta eben, und versickert dann im Boden.



Das Okavangodelta ist für seine Tierwelt berühmt und jeder, der nach Botswana kommt, kommt hierher, vorausgesetzt, er hat das nötige Kleingeld. Die unberührte Natur kann man nämlich nur genießen, wenn man sich mit Kleinflugzeugen in die Luxus-Lodges einfliegen lässt, die nicht für unter 300$ die Nacht zu haben sind; und ein paar Tage sollte man schon bleiben. Ich könnte hier also auf die Schnelle so viel Geld loswerden, wie ich auf meiner gesamten Afrikatour bisher ausgegeben habe. Tue ich aber nicht. Klein-Frank lässt sich aber immerhin einen halben Tag mit einem Kanu ins Delta hinausstaken, was ihn aber auch schon 130$ kostet. Die Flusspferde und Krokodile, von den es hier wimmeln soll, bekomme ich aber nicht zu Gesicht. Gut, zwei Seeadler entdecke ich. Und ein Elefant. Mehr kann ich wohl für meine paar Kröten nicht erwarten.




Herausforderung Kalahari

Den größten Teil des Landes nimmt aber die Kalahari ein, eine Savanne, die im Moment besonders trocken, staubig und heiß ist. Es gibt nur trockenes Gras und dornige Büsche so weit das Auge reicht, mitten drin vielleicht noch ein paar Akazien und das war's. Mit Schatten für Radfahrer sieht es schlecht aus.


Radtouren in Afrika - Nichts für Langschläfer

Zwar ist die Straße durch die Kalahari in einem prima Zustand, aber sie ist eindeutig zu lang. 1200 Kilometer geht es praktisch nur geradeaus, von zwei Abzweigungen abgesehen. 1200 Kilometer lang gibt es so gut wie nichts zu sehen, außer dem gelben Fahrbahnbegrenzungsstrich.
Nur einmal sah ich ein Zebra, dass gedankenverloren mitten auf der Straße stand. Es schien etwas verwirrt, da es sich nicht vom Fleck rührte, obwohl es mich sah. Zebras sind sonst nämlich sehr scheu, die Schisser unter den Wildtieren sozusagen. Erst als ich unmittelbar vor ihm war, sprang es zur Seite, ausgerechnet in meine Richtung. Es fehlte nicht viel und ich wäre wohl in die Geschichte Botswanas eingegangen, als der erste Radfahrer, der mit einem Zebra zusammenstößt.
Auch die Schlangen hier in Botswana scheinen nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Im Malawikapitel machte ich mich noch über die Snake-bites, die besonderen Löcher in Fahrradreifen lustig, als mir hier genau das fast passierte. Eine kleine Schlange am Straßenrand, die ich nicht rechtzeitig bemerkte, schnappte tatsächlich im Vorbeifahren nach meinem Vorderrad, traf aber nur die vordere Packtasche. Das gibt’s doch gar nicht!


Blick zurück. Mistvieh!

Und wo wir schon einmal bei Tiergeschichten sind, es gibt hier auch leider bescheuerte Hunde. Da waren sie also wieder, meine drei Probleme: Hitze, Wasser und Hunde. Insgesamt drei Mal werde ich von Kötern in Botswana angegriffen. In den vorherigen Ländern passierte dies bisher nie. In allen drei Fällen haben die Viecher aber Glück gehabt und es ist ihnen nichts passiert. Wenn ich aber von jetzt an häufiger meinen Massai-Keulen-Stock schwingen muss und mehr an meiner Polospielertechnik feile, kann ich für nichts mehr garantieren.



Das Unangenehmste an der Kalahari ist aber der Wassermangel. Zum einem sind die wenigen Dörfer sehr weit von einander entfernt, und zum anderen gibt es keine Brunnen, da das Grundwasser hier zu salzig zum Trinken ist. Ich muss nun stets 10 Liter Wasser dabei haben, was nach Isaac Newton 10 kg Zusatzgewicht entspricht. Dazu kommt noch mein Essen, meist aber nur Müsli. Angemengt mit Milchpulver und eben dem Wasser kredenze ich es mir morgens, mittags und abends. Einen Kocher habe ich aus Gewichtsgründen nicht dabei. Mein Rad wird nun also deutlich schwerer. Das stört aber nicht wirklich, da ich sicher, seitdem ich Dar Es Salaam verlassen habe, eben dieses Zusatzgewicht an Körpermasse verloren habe.


Widersprüchliches Botswana

Botswana ist ein widersprüchliches Land. Ich verstehe es nicht.
Beim Grenzübertritt fallen mir als Erstes die Straßenlaternen an der breiten Straße auf, die mich in den Grenzort führt. Das habe ich bisher noch nie gesehen. Die Straßen sind überdies großzügig angelegt und ich richte mich auf viel mehr Verkehr ein. Doch tatsächlich wird sich der auch in den nächsten Tagen nicht einstellen. Botswana hat die besten Straßen bisher, aber keinen nennenswerten Verkehr. Die wenigen Autos, die mir begegnen, sind überdies meist ausländische aus Namibia oder Südafrika, die übrigens bemerkenswert rücksichtsvoll und gemächlich unterwegs sind.
Wenn man einmal in ein größeres Dorf kommt, indem es vielleicht sogar einen Laden gibt, so ist die Auswahl an Waren sehr begrenzt. Das ist schon verwunderlich, da sich Botswana immer wieder als das aufstrebende Land mit dem hohen Wirtschaftswachstum feiert. Der Laden selbst ist auch immer großzügig mit modernen Regalen für die zehnfache Menge an Produkten eingerichtet. Nur gibt es eben kaum etwas zu kaufen. Bizarr auch, dass selbst das kleinste Lädchen, wo es nur Mehl, Kaugummi und Seife gibt, immer eine Computerkasse hat. Jedes mal muss der Ladenbesitzer erst umständlich die Warennummer in den PC eingeben, damit ich bezahlen kann. Das ist umständlich und dauuuuuert, was hier aber wohl als Fortschritt bewertet wird.


Supermarkt mit etwas mehr Auswahl: Restaurant, Waffen und Munition

Falls es einmal auch Kaltgetränke eines namhaften amerikanischen Herstellers in einem solchen Laden gibt, so sind es ausschließlich Dosen. Pfandflaschen, wie sie selbst in Tansania oder im noch ärmlicheren Malawi Gang und Gäbe sind, gibt es hier nicht.
Wenn ich dann noch größeres Glück habe und in einem Städtchen gibt es etwas zu Essen, so ist das immer Fast- Food. Alles ist in Plastik eingeschweißt und in Styropor verpackt. Zusammen mit den Getränkedosen und den Bier-Einwegflaschen gibt das ganz ansehnliche Müllberge, die sich vor den Läden türmen. Botswana kann also froh sein, dass es so dünn besiedelt ist, sonst wäre es wahrscheinlich schon im eigenen Müll erstickt. Später erlebe ich, wie auch im viel besuchten Restaurant meiner Camping-Lodge am anderen Morgen Müllsack um Müllsack mit Dosen und Einwegflaschen gefüllt werden.



Außerhalb Botswanas gilt Botswana immer als fortschrittliches Land mit vorbildlicher Wirtschaftsentwicklung, doch ich bin tief enttäuscht. Nicht vieles macht hier Sinn. Der Umgang mit Ressourcen ist eher sorglos bis desinteressiert. Nirgends gibt es Energiesparlampen und die Warmwasseraufbereitung auf den Campingplätzen erfolgt fast immer elektrisch oder durch Holzverfeuerung. Da sind die Entwicklungsländer wie Tansania und Sambia aber weiter entwickelt. Dort gibt es kaum noch normal Glühbirnen und, dass man Warmwasser prima und preiswert mit der Kraft der Sonne erzeugen kann, hat sich dort auch schon längst herumgesprochen. Aber hier, in einem der sonnenreichsten Ländern der Erde, spielt die Sonnenenergienutzung keine Rolle.


Nichts für fremde Ohren

Die Landbevölkerung in Botswana spricht eine Sprache, die so gar nichts mit den Sprachen zu tun hat, die mir bisher zu Ohren gekommen sind.
Ich habe 'mal gerade im Fähnlein-Fieselschweif-Handbuch nachgesehen und da steht, dass es sich dabei wohl um Setswana handelt, das zu den Sotho-Sprachen gehört und damit eng verwandt ist mit dem Sepedi und dem Sesotho. Ne, is klar...
Als ich jedenfalls zum ersten Mal hörte, wie sich zwei alte Leute unterhielten, dachte ich noch, die Armen hätten Probleme mit ihrem Gebiss. Doch später wurde mir klar, dass die Schnalz- und Klicklaute zur Sprache gehören. Zusammen mit einer ungewohnten Satzmelodie klingt es fast so, als wenn die Leute hier rückwärts sprechen würden.
Aber Gott-sei-Dank sprechen viele junge Leute überdies ein ganz passables und geräuschloses Englisch.


Musik in meinen Ohren

Gegen die Ödnis in der Kalahari und dem endlosen und langweiligen gelben Fahrbahnbegrenzungsstrich läuft zum ersten Mal, während ich unterwegs bin, mein MP3-Player. Im restlichen Afrika wäre das lebensgefährlich und außerdem dumm gewesen, da es genug zu sehen und zu erleben gibt.


Wenn's mal ewtas länger dauert

Neben meinen 500 Lieblingsplatten kommt nun auch Anspruchsvolleres und bislang Verschmähtes an die Ohren. Als ich mich durch meine Frank-Zappa-LPs durchhöre, muss ich feststellen, dass Zappa und Botswana ganz gut zusammen passen. Auch Zappas Musik enthält viel Gegenwind und ist manchmal genauso anstrengend und schwer zugänglich wie Botswana.
Überhaupt bin ich völlig fasziniert von der modernen Technik. Da ich außer kurbeln nichts zu tun habe und Zappa wieder einmal minutenlang abschweift, rechne ich mir aus, wie viele Musikkassetten ich wohl hätte mitnehmen müssen, hätte ich diese Radtour vor 20 Jahren gemacht. Und vom Batterieverbrauch und Bandsalat einmal ganz zu schweigen...
Ach, übrigens, ich habe unterwegs irgendwo gelesen, dass das Wort 'Bandsalat' zu den vom Aussterben bedrohten Wörtern gehört.
Aber ich schweife ab...

Mittagspause